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Seuchen: Vogelgrippe-Pandemie sorgt Wissenschaft zunehmend

Masseninfektionen bei Wildvögeln gefährden Arten, sind schwer einzudämmen und erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass das Virus auf den Menschen überspringt.
Ein Mann in Schutzkleidung hebt einen Vogelkadaver in einen Plastiksack.

Seit Oktober 2021 hat der H5N1-Vogelgrippestamm rund 3000 Ausbrüche bei Geflügel in Dutzenden von Ländern verursacht. Mehr als 77 Millionen Vögel wurden gekeult, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, das bei Hühnern fast immer zu schweren Erkrankungen oder zum Tod führt. Weitere 400 000 Wildvögel sind bei 2600 nachgewiesenen Ausbrüchen verendet :– doppelt so viele wie bei der letzten großen Welle 2016/17.

Forschern zufolge scheint sich das Virus bei Wildvögeln leichter als je zuvor zu verbreiten, was die Eindämmung von Ausbrüchen besonders schwierig macht. Wildvögel tragen dazu bei, das Virus um die Welt zu transportieren, wobei ihre Wanderungsmuster bestimmen, wann und wo es sich als Nächstes ausbreiten wird. In Asien und Europa wird es wahrscheinlich weiterhin zu großen Ausbrüchen kommen, und Infektionen könnten sich selbst auf bisher nicht betroffene Kontinente wie Südamerika und Australien ausbreiten.

Obwohl sich Menschen mit dem Virus anstecken können, sind Infektionen eher selten. Seit Oktober wurden nur zwei Fälle gemeldet, jeweils einer im Vereinigten Königreich und einer in den Vereinigten Staaten. Wissenschaftler sind jedoch besorgt, dass die hohen Virusmengen, die in Vogelpopulationen zirkulieren, das Risiko für eine Übertragung auf den Menschen erhöhen. Vogelgrippeviren verändern sich im Laufe der Zeit nur langsam, aber die richtige Mutation könnte sie für Menschen und andere Spezies übertragbar machen, sagt Ian Barr, stellvertretender Direktor des mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zusammenarbeitenden Influenza-Zentrums am Doherty Institute in Melbourne: »Diese Viren sind wie tickende Zeitbomben. Gelegentliche Infektionen sind kein Problem – die eigentliche Gefahr ist, dass dieses Virus nach und nach im Menschen funktionsfähiger wird.

Ursprung des Virus

Der hoch pathogene H5N1-Stamm tauchte etwa 1996 in Asien bei kommerziell genutzten Gänsen auf und verbreitete sich in den frühen 2000er Jahren in Europa und Afrika unter Geflügel. Bis 2005 verursachte der Stamm ein Massensterben bei Wildvögeln, zunächst in Ostasien und dann in Europa. Seitdem hat der Stamm immer wieder Wildvögel in vielen Teilen der Welt infiziert, sagt Andy Ramey, ein Forschungsgenetiker für Wildtiere am US Geological Survey Alaska Science Center in Anchorage. Durch wiederholte Übertragungen, so Ramey, scheint sich H5N1 besser an Wildvögel angepasst zu haben. »Es ist jetzt zu einer neuen Wildtierkrankheit geworden«, sagt er.

Im Jahr 2014 tauchte eine neue hoch pathogene H5-Linie mit der Bezeichnung 2.3.4.4 auf und begann, Wildvögel zu infizieren, ohne sie immer zu töten. Dadurch konnte sich das Virus zum ersten Mal in Nordamerika ausbreiten. Seitdem dominiert diese Linie die Ausbrüche in der ganzen Welt, auch die aktuellen. Europa erlebte den bisher heftigsten Ausbruch der Seuche.

Einige Wildvogelarten sind von dem Virus stärker betroffen als andere. So zeigen manche infizierten Stockenten (Anas platyrhynchos) keine Krankheitsanzeichen, während das Virus Ende 2021 etwa zehn Prozent des Brutbestandes von Nonnengänsen (Branta leucopsis) auf der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen und Anfang 2022 Hunderte von Krauskopfpelikanen (Pelecanus crispus) in Griechenland getötet hat. In Israel starben tausende Graukraniche (Grus grus). Wildtierforscher versuchen zu verstehen, warum das Virus die verschiedenen Arten unterschiedlich angreift. Besonders besorgt sind sie über die Auswirkungen des Virus auf gefährdete Vogelarten mit kleineren Populationen oder begrenzten geografischen Verbreitungsgebieten sowie auf Arten, die besonders anfällig für Infektionen sind, etwa Schreikraniche (Grus americana) und Kaisergänse (Anser canagicus).

Ramey fügt hinzu, dass nur ein Bruchteil der Fälle bei Wildvögeln diagnostiziert und gemeldet wird. Eine verstärkte Überwachung könnte das wahre Ausmaß der Sterblichkeit bei Wildvögeln ans Licht bringen, sagt er.

Eindämmung der Ausbreitung

Eine bessere Überwachung infizierter Wildvögel könnte auch dazu beitragen, Geflügelbetriebe vor dem Risiko künftiger Epidemien zu warnen – obwohl in Regionen mit großen Geflügel- oder Zugvogelpopulationen ein hohes Risiko weiterer Ausbrüche besteht, gleich, wie gut die Überwachung ist, sagt Keith Hamilton, Leiter der Abteilung für Bereitschaft und Widerstandsfähigkeit bei der Weltorganisation für Tiergesundheit.

Die Verfolgung von Krankheiten bei Wildvögeln ist zeitaufwändig und kostspielig und wegen der Größe ihrer Populationen eine Herausforderung, sagt Hamilton. Er schlägt eine gezielte Überwachung in Gebieten vor, in denen ein Auftreten des Virus wahrscheinlicher ist, etwa auf beliebten Zugrouten oder Brutgebieten.

Ein wirksamer Impfstoff für Geflügel könnte ebenfalls dazu beitragen, die Ausbreitung einzudämmen, ebenso wie die Verringerung der Anzahl von Vögeln in Produktionsanlagen, sagt Michelle Wille, eine Wildvogel-Virologin an der University of Sydney. Die Geflügelindustrie kann auch die Sicherheit weiter verbessern, indem sie den Zugang zu den Anlagen beschränkt, ihre Wasserquellen schützt und den Kontakt zwischen Geflügel und Wildvögeln verringert.

Obwohl Geflügelbestände gekeult werden können, um die Ausbreitung der Seuche zu stoppen, betonen Forscher, dass Wildvögel nicht geschädigt werden sollten, um Ausbrüche einzudämmen. Die Tötung von Wildvögeln zur Verhinderung zusätzlicher Infektionen würde wegen der enormen Größe und der weiten Verbreitung ihrer Populationen nicht funktionieren, sagt Lina Awada, Veterinärepidemiologin bei der Weltorganisation für Tiergesundheit. Es könnte die Situation sogar noch verschlimmern, weil es die Bewegungen und das Verhalten von Wildvögeln stören und so die weitere Ausbreitung des Virus fördern würde, sagt sie.

»Genauso wenig, wie wir Fledermäuse wegen des Coronavirus erschießen sollten, liegt die Lösung in der Tötung von Wildvögeln«, sagt Wille. Nach Ansicht der Forscher ist ein ganzheitlicher Ansatz erforderlich, der berücksichtigt, wie sich die Vogelgrippe über Wildvögel, Geflügel und Menschen ausbreitet. Die Zusammenarbeit zwischen Forschern des öffentlichen Gesundheitswesens und Tiergesundheitsgruppen ist von entscheidender Bedeutung, um ein Übergreifen auf den Menschen zu erkennen. »Wenn wir die Vogelgrippe bei Geflügel in den Griff bekommen, kontrollieren wir sie bei Menschen, und wahrscheinlich dämmen wir sie auch bei Wildvögeln ein«, sagt Wille.

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