Virologie: Herpesviren plagten schon die alten Römer
Erbmaterial von Herpesviren lässt sich bereits in jahrtausendealten menschlichen Überresten finden. Das berichtet eine Forschungsgruppe um Meriam Guellil von der Universität Wien. Das Team hat Erbgut zweier solcher Viruslinien (Humanes Herpesvirus Typ 6A und 6B) aus Funden menschlicher Knochen und Zähne von längst vergangenen Epochen isoliert. Die Ergebnisse beweisen: Mindestens seit der frühen Eisenzeit begleiten uns diese Erreger.
Humane Herpesviren Typ 6A beziehungsweise 6B, abgekürzt HHV-6A und HHV-6B, befallen heute fast jeden Menschen. Die meisten Personen stecken sich bereits als Säuglinge oder Kleinkinder an. HHV-6B verursacht eine sehr häufige Kinderkrankheit, das sogenannte Dreitagefieber. Es geht oft mit Fieber, Husten, Durchfall und Hautausschlag einher.
Nach der Erstinfektion begeben sich die Viren typischerweise in einen Ruhezustand, die »Latenz«, und verbleiben dann lebenslang im Körper. Das gelingt ihnen, indem sie ihre Teilungsaktivität einstellen, sich in menschliche Chromosomen integrieren und dort unbemerkt vom Immunsystem überdauern. Durch bestimmte Ereignisse, etwa eine Schwächung der Körperabwehr, können die Viren wieder reaktiviert werden und dann (erneut) Krankheitssymptome verursachen. Gelegentlich bauen sich die Erreger sogar ins Genom menschlicher Keimzellen ein, sodass infizierte Eltern sie an ihre Kinder weitergeben. Solche vererbten Viruskopien lassen sich heute bei etwa einem Prozent aller Menschen nachweisen.
Meriam Guellil und ihr Team haben genetische Daten von rund 4000 menschlichen Zahn- und Knochenproben aus archäologischen Fundstätten ganz Europas analysiert. In elf Fällen wiesen sie darin Erbgut von HHV-6A oder HHV-6B nach. Die älteste Probe mit solchen Virusspuren stammt von einem jungen Mädchen, das irgendwann zwischen dem 8. und dem 6. Jahrhundert v. Chr. auf dem Gebiet des heutigen Italiens lebte.
Die übrigen Fälle decken ein breites geografisches und zeitliches Spektrum ab: Beide HHV-Typen tauchen in Überresten aus dem mittelalterlichen England, Belgien und Estland auf; HHV-6B zusätzlich in Knochen aus dem heutigen Russland. Im Genom englischer Knochen- und Zahnfunde aus dem frühen Mittelalter lassen sich zudem vererbte Formen von HHV-6B nachweisen, was diese Menschen zu den frühesten bekannten Trägern chromosomal integrierter menschlicher Herpesviren macht.
»Während HHV-6 beinahe 90 Prozent aller Menschen infiziert, trägt nur etwa ein Prozent eine erbliche Form des Virus, die von den Eltern erworben wurde, in sämtlichen Körperzellen«, erläutert Guellil in einer Pressemitteilung. »Dieses eine Prozent der Fälle ist es, das wir am ehesten mithilfe alter DNA identifizieren können, was die Suche ziemlich schwierig macht.«
Anhand der Studie ihres Teams lasse sich die Entwicklung der Viruslinien HHV-6A beziehungsweise HHV-6B nun über mehr als 2500 Jahre in ganz Europa zurückverfolgen. Die Daten zeigen unter anderem, dass eine der beiden Linien, nämlich HHV-6A, ihre Fähigkeit zum Einbau in die menschliche DNA im Lauf der Zeit verloren zu haben scheint: ein Beleg dafür, dass sich diese Herpesviren im Zuge der gemeinsamen Evolution mit ihren menschlichen Wirten unterschiedlich entwickeln.
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