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Lebensspanne und Nahrungsergänzung: Vitamine verlängern ein stressiges Leben

Antioxidanzien sollen allerlei Gutes bewirken - etwa vor Stress und frühem Tod bewahren. Zu beweisen ist das schwer, weil jeder so unterschiedlich altert.
Kiwis sind wahre Vitaminbomben

Auch in den exakten Naturwissenschaften gibt es Dinge, die Forscher mehr ahnen als wissen – etwa die Sache mit dem Stress, einem kürzeren Leben und der Menge von Radikalfängern in der Nahrung. Sie hängen irgendwie zusammen, wie mehrere Korrelationsstudien auch schon beim Menschen nahelegen: Spekuliert wird, dass Radikalmoleküle (freigesetzt etwa durch Stress) in den Zellen des Körpers die Schutzkappen von Chromosomen (deren Länge mit der Lebensspanne korreliert) angreifen, sie nach und nach zerstören und so die Lebenserwartung senken; dagegen könnten dann Antioxidanzien helfen, die die Radikale wegfangen, bevor sie Schaden anrichten. Das alles ist aber nur sehr schwer zu beweisen: Menschen zum Beispiel lassen sich nicht ein Leben lang genau genug kontrollieren, um alle notwendigen Daten und Parameter zu berücksichtigen, die man für eine ordentliche Studie bräuchte. Für die Küken von Mittelmeermöwen gilt das allerdings nicht, meinten nun zwei spanische Forscher – und machten sich daran zu beweisen, dass Antioxidanzien tatsächlich ein langes Leben versprechen.

Zu diesem Zweck sammelten sie Daten über die Brutvögel aus 108 Nestern auf der spanischen Insel Salvora und fütterten die Hälfte von ihnen mit antioxidierenden Vitaminpräparaten. Das Ergebnis war in Summe zunächst einmal ernüchternd: Insgesamt scheint die Nahrungsergänzung keine messbare lebensverlängernde Wirkung zu haben.

Spannend wird es allerdings, wenn man den Charakter der einzelnen Vogelindividuen zusätzlich auswertet und einfließen lässt, erkannten die Forscher. Denn wie bei vielen andere Organismen gibt es auch bei Möwenküken mutigere und furchtsamere Individuen – und dieser Lebensstil hat sowohl Auswirkungen auf den Stress, dem die Küken schon früh im Leben ausgesetzt sind, wie auch auf ihre Lebenserwartung. Nun ergab die Auswertung der Forscher, dass die Möwen, die mutiger und intensiver leben, tatsächlich auch durchschnittlich kürzere Telomere aufwiesen – offenbar stehen sie nicht nur stärker unter Strom, sondern sind deswegen auch stärker gestresst, wodurch ihre Telomere stärker angegriffen und schneller abgebaut werden – was auch ihre Lebenserwartung senkt. Ebendiese Gruppe von stark gestressten Möwen scheint aber tatsächlich von Nahrungsergänzungspräparaten zu profitieren, wie die Forscher herausarbeiten konnten: Bei den mutigeren Tieren, die Antioxidanzien zu futtern bekommen hatten, verkürzten sich die Telomere nicht mehr stärker als bei den gemächlicher zu Werke gehenden und vorsichtigen Tieren, die von der Nahrungsergänzung zwar nicht profitierten, aber offenbar auch darauf verzichten konnten.

Telomer-Schutzkappen | Telomere halten als "Puffermasse" her, um die Enden der Chromosomen zu schützen und zu verhindern, dass beim Verkürzen des DNA-Strangs während der Replikation wichtige Chromosomenabschnitte verloren gehen.

Vielleicht hängen kurze Telomere bei Möwen – und Menschen? – ja sogar generell mit einem mutigeren Lebensstil zusammen, spekulieren die Forscher: Die Individuen seien auf ein schnelleres Leben programmiert, weil ihre zu erwartende Lebenspanne kürzer ist. Zueinanderpassendes Verhalten und Telomerlänge würden demnach gemeinsam vererbt – Individuen mit langen Telomeren müssten dagegen nicht so hetzen wie ihre Kurztelomerverwandtschaft. Und Nahrungsergänzungsmittel als Radikalfänger würden daher vielleicht nur dann wichtig, wenn man sie wegen eines stressigeren Lebens – vor allem in der Kükenphase des Lebens – auch in höherer Dosierung braucht.

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