Vögel: Geier kreisen aktuell über Deutschland

Seit Mitte Juni 2026 mehren sich die Sichtungen von Gänsegeiern über Deutschland: Vom Karwendel in Südbayern über den Großraum Stuttgart, den hessischen Edersee, Sachsen und Thüringen bis nach Hannover oder Segeberg melden Beobachter, dass sie die aasfressenden Greifvögel gesehen haben – es ist einer der stärksten Einflüge seit Jahren von Gyps fulvus, wie die Art biologisch heißt. Das meldet der Naturschutzbund Deutschland (NABU) in einer Pressemitteilung. Denn normalerweise fliegen nur einzelne Vögel nach Deutschland, wie dies beispielsweise 2023 in den bayerischen Alpen der Fall war. Zu einem sehr großen Einflug war es dagegen 2007 gekommen: Damals hatte eine verschärfte Kadaverpolitik der Europäischen Union dafür gesorgt, dass die Tiere in ihren europäischen Verbreitungsschwerpunkten wie Spanien oder Teilen Frankreichs nicht mehr genügend Futter fanden, da tote Nutztiere aus der Landschaft entfernt werden mussten.
Diese Politik hat sich inzwischen wieder geändert, was die Bestände der Geier im westlichen Europa wieder wachsen ließ. Es sei daher sehr wahrscheinlich, dass die Geier über Deutschland aus Frankreich oder Spanien stammten, sagt der NABU-Experte Martin Rümmler in der Mitteilung. Bevor junge Geier im Alter von fünf bis sechs Jahren erstmals nisten, ziehen sie weit umher – auf der Suche nach Nahrung, Nistplätzen und potenziellen Partnern. Dass dies gerade im Frühling und Frühsommer geschehe, hänge laut Rümmler auch mit dem Brutgeschäft der Vögel zusammen: »Es ist kein Zufall, dass der Einflug im späten Frühling erfolgt. Geiereltern müssen jetzt ihren aktuellen Nachwuchs versorgen, da bleibt in der Hierarchie am Futterplatz für die Halbwüchsigen wenig übrig. Sie verlassen daher die angestammten Gebiete und fliegen dabei im Extremfall auch bis zu uns.«
Hierzulande halten sie bislang vor allem nach Aas Ausschau und legen dabei weite Strecken zurück. Geier nutzen mit ihren großen Flügeln geschickt die Thermik und kommen, ohne viel mit den Flügeln zu schlagen, mehrere Hundert Kilometer pro Tag weit. Sie ziehen also rasch weiter, wenn sie keine Kadaver finden. In der Nähe toter Tiere können sie jedoch auch mehrere Tage verweilen. Dabei sind die Tiere sehr ausdauernd, da sie auch über Wochen ohne Futter auskommen können. Da in Deutschland jedoch tote Tiere rasch aus der Landschaft verschwinden müssen, wird die Ernährungssituation für sie hier nach gewisser Zeit kritisch. Der NABU bittet daher auch darum, geschwächte Tiere zu melden, etwa wenn diese nahezu regungslos an einem Ort verweilen.
Gänsegeier sind aufgrund ihrer Größe leicht erkennbar: Sie übertreffen darin sogar Stein- oder Seeadler. Verglichen mit den in Deutschland häufigen Mäusebussarden oder dem Rotmilan sind sie sogar doppelt so groß. Charakteristisch sind zudem ihr fast nackter Hals und Kopf, eine Anpassung an ihr Leben als Aasverwerter, bei dem sie mit ihren Köpfen bisweilen tief in den Kadaver eintauchen. Nur sehr selten und bei großem Hunger gehen diese Vögel an lebende Beute. Der NABU weiß von einem aktuellen Fall aus Frankreich nahe der deutschen Grenze, wo ein Gänsegeier junge Störche aus einem Horst geholt hat. Neben Nahrungsmangel sind die Geier durch Vogelschlag an Windkraftanlagen und vor allem durch Vergiftungen mit Blei oder Pestiziden bedroht. Letzteres passiert über die Aufnahme dieser Stoffe aus damit kontaminiertem Aas.
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