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Ornithologie: Vogel mit Rechensinn

Langbeinschnäpper
Der neuseeländische Langbeinschnäpper (Petroica australis) hat offensichtlich einen Sinn für Zahlen, ohne dass ihm das zuvor antrainiert worden war. Das zumindest legen Freilandexperimente von Simon Hunt von der Victoria University in Wellington und seinen Kollegen nahe.

Sie boten verschiedenen wildlebenden Langbeinschnäppern gleichzeitig unterschiedliche Mengen von Mehlwürmern in jeweils zwei verschiedenen Verstecken an, wobei sie die Beute vor den Augen der Vögel versteckten – die Tiere vor Ort waren an Menschen gewöhnt, so dass sie nicht vor diesen flohen. Die Speisekammern wurden dabei stets nacheinander in acht Kombinationen mit bis zu zehn Würmern befüllt. Dennoch behielten die Singvögel in der überwiegenden Zahl der Fälle den Überblick und entschieden sich zielsicher für das Lager mit der größeren Zahl der Beute: So bevorzugten sie beispielsweise in rund 90 Prozent der Fälle die Kammer mit den zwei Mehlwürmern gegenüber jener mit nur einem. Stand das Verhältnis acht zu vier waren es immerhin noch 80 Prozent Treffsicherheit für die größere Belohnung. Erst bei großen Mengen und gleichzeitig kleineren Unterschieden (etwa sechs zu acht) wählten sie überwiegend zufällig.

Bis zu 12 Objekte konnten sie mengenmäßig jedoch gut unterscheiden und entsprechend zu ihrem Vorteil handeln. In einem weiteren Versuch konnten Hunt und seine Kollegen zudem zeigen, dass die Langbeinschnäpper länger suchen, wenn ihnen mehr Beute winkt: Im ersten Teil des Test hielten die Biologen den Vögeln einen Wurm vor, den sie aus dem Versteck ziehen und verspeisen durften. Anschließend führten sie den Tieren zwei Mehlwürmer vor, wovon jedoch nur einer erreichbar war. Im Wissen um den anderen verbrachten die Schnäpper geraume Zeit mit der Suche: Sie merken sich also, wie viel Nahrung versteckt wurde.

Nach eigenen Angaben gelang Hunts Team daher erstmals der Nachweis, dass auch wildlebende Vögel ohne vorheriges intensives Training durch Menschen einen Zahlensinn aufweisen, der über vier Objekte hinausreicht. Bislang hielt ein Graupapagei namens "Alex" den Rekord: Er konnte nach jahrelanger Arbeit bis zu neun verschiedene Dinge numerisch unterscheiden. (dl)
09.07.2008

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 09.07.2008

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  • Quellen
Hunt, S. et al.: Adaptive numerical competency in a food-horading songbird. In: Proceedings of the Royal Society B 10.1098/rspb.2008.0702, 2008.

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