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Ornithologie: Vogel-Vendetta

Widerstand ist zwecklos - zumindest im spannungsgeladenen Verhältnis zwischen kukucksartigen Kuhstärlingen und heimgesuchten Singvogeleltern: Wer nicht willig den fremden Nachwuchs aufzieht, muss mit empfindlichen Strafen rechnen.
Untergeschoben: Nest mit fremden Eiern
Michigan-Waldsänger | Der Michigan-Waldsänger war lange Zeit auch wegen des starken Brutparasitismus durch Braunkopf-Kuhstärlinge bedroht.
Der Michigan-Waldsänger (Dendroica kirtlandii) durchlebte in den 1970er und 1980er Jahren eine schwere Zeit: Zuhause ist er einzig in einer kleinen Region im nördlichen Michigan, wo er nur auf trockenem Sandboden inmitten dicht stehender junger Kiefern brütet, deren Haine immer wieder von kleinen Gras-, Farn-oder Gebüschlichtungen unterbrochen werden – ein Lebensraum, der immer wieder von kleineren Feuern regeneriert werden muss. Waldbrände gehören aber zum Schrecken von Forstwirten wie der lokalen Bevölkerung, sodass sie in Michigan – wie andernorts – rigoros bekämpft wurden. Damit verschlechterten sich die Lebensbedingungen für den kleinen Singvogel rapide, und sein Bruterfolg nahm mangels geeigneter Reviere steil ab.

Zur gleichen Zeit breiteten sich Braunkopf-Kuhstärlinge (Molothrus ater) aus den Weiten der Prärie nach Michigan aus, nachdem dort Abholzung und Landwirtschaft die Landschaft öffneten. Als notorische Brutparasiten, die ihre Eier in fremde Sinvogelnester legen, ließen sie auch die Michigan-Waldsänger nicht ungeschoren davonkommen. Anfang der 1970er zählten Forscher in sieben von zehn Dendroica-Nestern ein oder zwei Molothrus-Eier, was schlussendlich die Zahl der flüggen Jungen des Waldsängers und damit dauerhaft den gesamten Bestand weiter drastisch senkte: 1974 exitierten insgesamt nur noch rund 170 besetzte Brutreviere.

Braunkopf-Kuhstärling | Der Braunkopf-Kuhstärling ist ein notorischer Brutparasit, der mehr als 100 Singvogelarten als Wirte missbraucht.
Braunkopf-Kuhstärlinge – die übrigens überhaupt nicht mit Kuckucken verwandt sind – gehören allerdings nicht zu den "klassischen" Brutparasiten, deren Nachwuchs den Altersgenossen der Pateneltern keine Überlebenschance bietet, indem er diese aus dem Nest befördert. Vielmehr überlebt ein gewisser Teil der wirtseigenen Sprösslinge die Zwangsgemeinschaft ebenfalls, sodass der vom Kuhstärling befallene Bestand einigermaßen im Gleichgewicht bleibt. Warum ausgerechnet der seltene Michigan-Waldsänger nicht zu diesen mehr oder weniger glücklichen Gastgebern gehört, konnten nun wahrscheinlich Jeffrey Hoover und Scott Robinson von der Universität von Florida in Gainesville klären.

Sie wollten wissen, warum so viele Vögel Eier des Kuhstärlings akzeptieren, obwohl sich diese deutlich von den eigenen Legeprodukten unterscheiden. Deshalb beobachteten die beiden Forscher das Verhalten der fremdlegenden Stärlinge sowie des Zitronenwaldsängers (Protonotaria citrea), eines beliebten Opfers, und manipulierten es durch gezielte Eingriffe – beispielsweise, indem die Biologen gezielt Kuhstärling-Eier aus parasitierten Nestern entfernten, was in der Natur durch wachsame Eltern ebenfalls häufiger vorkommt.

Untergeschoben: Nest mit fremden Eiern | Obwohl die Eier der Stärlinge meist deutlich von jenen des Wirts unterscheidbar sind, akzeptieren die Zwangseltern häufig das untergeschobene Gelege – andernfalls drohen Sanktionen durch die Stärlinge.
Diese Gegenmaßnahme lassen sich die um die Fortpflanzungschance gebrachten Molothrus ater jedoch nicht gefallen: In einem mafiaartigen Straffeldzug wurden fast sechzig Prozent aller derart gesäuberten Gelege durch die offensichtlich nachkontrollierenden Stärlinge geplündert und damit zerstört. Gefügige Zitronenwaldsänger kamen dagegen überwiegend ungeschoren davon, denn nur sechs Prozent dieser Nester wurden verheert. Dass tatsächlich die Braunkopf-Kuhstärlinge diese Vendetta durchführten, bewiesen Hoover und Robinson, indem sie die Vögel noch vor dem Legen beziehungsweise nach der Entnahme der Eier einfach von den Nistkästen der Waldsänger ausschlossen – kein einziger Verlust war dann nachweisbar.

Aus Erfahrung klug?

Doch der Terror beschränkt sich nicht nur auf widerspenstige Wirte. Er gilt auch Vogelpärchen, die ursprünglich nicht als Ammen vorgesehen waren, weil beispielsweise ihr Nest anfänglich übersehen wurde: Jede fünfte Brutanstrengung wurde auf diese Weise vorzeitig beendet. Hunger steckt allerdings nicht hinter diesem Verhalten, denn Braunkopf-Kuhstärlinge fressen überwiegend Sämereien und zu einem geringen Anteil Insekten, während Eier keinen Platz im Diätplan haben. Wozu also die Aktion gegen unbescholtene Dritte?

Hoover und Robinson sehen das im Sinne einer vorauschauenden Belehrungstaktik, denn wo durchführbar, erwies sich die Einschüchterung insgesamt als sehr erfolgreich. Die Kuhstärlinge nutzen dazu eine bewährte Überlebensstrategie von kleinen Singvögeln, die vielfach einen zweiten Versuch starten, Nachwuchs großzuziehen, wenn der erste Anlauf fehlschlägt. Gerade diese geplagten Eltern werden nun aber neuerlich von den Brutparasiten heimgesucht, die dadurch endlich zum eigenen Erfolg kommen wollen – ganze 85 Prozent dieser Nester wurden mit den Fremdeiern bestückt, und damit mehr als alle anderen.

Zitronenwaldsänger | Auch Höhlenbrüter wie der Zitronenwaldsänger bleiben nicht von den Brutparasiten verschont, da diese nur amselgroß sind.
Akzeptieren die ausgenutzten Zitronenwaldsänger nun endlich ihr Schicksal, zahlt sich das durchaus auch für sie aus. Denn trotz der ins Nest gesetzten Schmarotzer ziehen sie im Vergleich zu widerspenstigen Artgenossen mehr Nachwuchs groß: Die Fortpflanzungsquote der Verweigerer war in den überwachten Nestern um sechzig Prozent niedriger, weil sie mehr Gelege durch Vandalismus verloren. Ganz wehrlos ergeben sich einige der derart ausgenutzten rund hundert Singvogelarten jedoch nicht; vielfach vergrämen sie die Braunkopf-Kuhstärlinge durch aggressive Attacken aus der Luft oder dem Gezweig von ihrem Revier und schützen damit ihre Brut.

Für den bedrohten Michigan-Waldsänger hätten diese Anpassungen allerdings keine Entlastung bedeutet: Zu klein war ihre Zahl und zu unvorbereitet fielen sie als relativ neues Opfer unter die mafiösen Brutparasiten. Deshalb griff der Mensch zu ihren Gunsten ein und entfernte pro Jahr durchschnittlich 4000 Braunkopf-Kuhstärlinge aus ihrem Verbreitungsgebiet – mit Erfolg, denn nur noch drei Prozent aller Nester werden heute heimgesucht und singen wieder mehr als 1200 Männchen von den Spitzen der Kiefern.

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