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Aviäre Influenza: Vogelgrippe in der Türkei: EU stoppt Importe

Nach dem Ausbruch der Vogelgrippe in einem Putenbestand in der Türkei Anfang Oktober hat die Europäische Union den Import aller von dort stammenden lebenden Vögeln und unbehandelten Federn vollständig gestoppt. Da es weiterhin keine legale Einfuhr von lebendem Zuchtfedervieh, Eiern und frischem Geflügelfleisch aus der Türkei in die Europäische Union gibt, hält das Robert-Koch-Institut das Risiko für ein Einschleppen der Vogelgrippe auf diesem Wege für vernachlässigbar.

Zudem ist bis jetzt nicht bestätigt, ob es sich bei dem Erreger in der Türkei um den hochpathogenen Suptyp H5N1 handelt, der sich in Asien seit Anfang 2004 massiv ausbreitet und zum Tod von inzwischen über 140 Millionen Vögeln geführt hat. Bislang ist nur klar, dass das Virus zum H5-Typ gehört.

Die Türkei hatte am 9. Oktober mitgeteilt, dass bei Balikesir in Nordwest-Anatolien 1700 Puten auf einer Geflügelfarm durch Vogelgrippe eingegangen waren, die verbleibenden hundert Tiere wurden vorsorglich getötet. Wie das Virus dorthin gelangt war, ist noch nicht bekannt.

Bei den am 7. Oktober aus Rumänien gemeldeten Fällen von Vogelgrippe gelten Zugvögel als Importeure. Allerdings ist hier noch weniger über den Erreger bekannt: Bislang konnten Forscher nur bei Enten, nicht aber bei Hühnerküken Antikörper gegen Influenza-A-Viren feststellen. Ob es sich dabei um eine Reaktion gegen den H5N1-Subtyp handelt, blieb offen – die Antikörper könnten auch Folge einer Infektion mit einem weniger gefährlichen Stamm sein. Ungewöhnlich ist auch, dass hier die Todesrate unter infizierten Enten weitaus höher lag als bei infizierten Hühnern: Normalerweise reagieren Hühnervögel empfindlicher auf Grippeviren als Wassergeflügel.

Die letzten bestätigten Meldungen von Vogelgrippe durch H5N1 außerhalb Ost- und Südostasiens stammen aus Sibirien und Kasachstan von August 2005. Die Welttiergesundheitsorganisation (OIE) vermutet, dass Zugvögel das Virus dort eingeschleppt hatten. Im Mai 2005 waren erstmals Wildgänse Opfer der Krankheit geworden.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Zugvögel das Virus nach Europa einschleppen, ist allerdings nicht sehr hoch – zumindest nicht auf direktem Weg, da dieser keine typischen Wanderroute ist. Möglich wäre zwar, dass sich die Tiere an gemeinsamen Rastplätzen oder Brutgebieten untereinander infizieren und so den Erreger langsam nach Westen tragen. Das Risiko werde zahlreichen Ornithologen zufolge aber höchstgradig überschätzt. Franz Bairlein, Direktor der Vogelwarte Helgoland, hält die Diskussion um Zugvögel als mögliche Vektoren für "panisch übertrieben", auch wenn es ein grundsätzliches Potenzial dafür gebe. Außerdem verhalten sich Wildenten in der Regel eher scheu und meiden menschliche Nähe.

Nachdem die legalen Importmöglichkeiten nun drastisch eingeschränkt sind, sieht das Robert-Koch-Institut das größte Risiko derzeit darin, dass das Virus aus Rumänien oder der Türkei über die illegale Einfuhr von lebendem Geflügel und Geflügelprodukten oder anderer Vögel und daraus hergestellter Waren in die Europäische Union gelangt.

Bislang gibt es etwa hundert Fälle von Vogelgrippe bei Menschen, die wahrscheinlich durch engen Kontakt mit Geflügel übertragen wurde. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch wird nur in zwei Fällen vermutet. Sollte sich das aggressive Virus aber in Wechselwirkung mit humanen Grippeviren so verändern, dass es von Mensch zu Mensch übertragbar wird, könnte es eine Grippe-Pandemie auslösen, fürchten Experten.
13.10.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 13.10.2005

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