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Vogelgrippe: »Finnland impft bereits – vorbildlich für Deutschland, Frau Addo?«

In der EU sind schon zwei Impfstoffe gegen H5N1 zugelassen. Wer damit geimpft werden sollte und wann das sinnvoll ist, erklärt die Infektiologin Marylyn Addo im Interview – und auch, warum sie vorher nach der normalen Grippeimpfung fragen würde.
Impfspritze und Schriftzug H5N1 vor einem Impfpass
Seit Februar 2024 sind zwei Protein-Impfstoffe gegen H5N1 in der Europäischen Union zugelassen. (Symbolbild)

Seit Monaten breitet sich das Vogelgrippe-Virus H5N1 nahezu ungehindert unter Milchkühen in den USA aus. Und jede Übertragung zwischen Säugetieren lässt das Virus sich besser an eben jene anpassen – auch an uns. Am Ende dieser Entwicklung, fürchten Fachleute, könnte eine Pandemie stehen. Schon jetzt haben sich Menschen angesteckt. Bisher sind solche Fälle selten und harmlos, doch Experten und Unternehmen haben bereits Impfstoffe entwickelt – bereit für den Tag X.

Finnland, als weltweit erstes Land, impft bestimmte Personengruppen bereits gegen Vogelgrippe. Ob das auch ein Modell für Deutschland ist und wie gut wir hier zu Lande im Fall einer Pandemie in puncto Impfung gerüstet wären, erklärt die Infektiologin Marylyn Addo vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Frau Addo, wären wir in Deutschland, was die Impfstoffe angeht, gut vorbereitet auf eine H5N1-Pandemie?

Ja, seit Februar sind zwei adjuvantierte Protein-Impfstoffe in der Europäischen Union zugelassen. Beide können neben Erwachsenen auch schon Säuglingen ab sechs Monaten verabreicht werden. Einer der beiden Impfstoffe ist sozusagen als Blaupause zugelassen: Das heißt, wenn eine Pandemie offiziell erklärt würde, könnte man ihn schnell an den dann zirkulierenden Influenza-Stamm anpassen.

Das heißt, der fertige Impfstoff wäre bereits wirksam gegenüber H5N1-Stämmen, aber von dem angepassten würde man sich eine noch bessere Wirkung erhoffen?

Der verfügbare Impfstoff passt gut zu dem aktuellen Stamm. Das Virus müsste sich, um zu einer Pandemie zu führen, besser an den Menschen anpassen, etwa durch Rekombination. Das System ist darauf angelegt, dass man den Impfprototyp auf die dann aktuellen Stämme anpasst. Für Grippeimpfstoffe sind wir also gut aufgestellt.

Marylyn Addo | Die Professorin für Medizin/Infektiologie ist Leiterin des Instituts für Infektionsforschung und Impfstoffentwicklung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE).

Aber die Herstellung eines Protein-Impfstoffs dauert relativ lange, insbesondere die Produktion in Eiern hatte Limitationen.

Die traditionelle Herstellung in Hühnereiern hat den Nachteil, dass sie nicht so schnell auf große Mengen hochgefahren werden kann. Außerdem können Menschen, die allergisch auf Hühnereiweiß sind, mit den entsprechenden Impfstoffen nicht immunisiert werden. Auf die beiden zugelassenen Impfstoffe, die für eine mögliche Pandemie in Frage kämen, trifft das aber nicht zu. Sie werden in Zelllinien hergestellt, wie auch einige der saisonalen Grippeimpfstoffe. Diese Technologie ist deutlich besser skalierbar.

Trotzdem kamen solche klassischen Impfstoffe in der Corona-Pandemie zu spät. Die US-Regierung gab dem Unternehmen Moderna gerade 176 Millionen US-Dollar, um eine mRNA-Impfung gegen eine mögliche Influenza-Pandemie zu entwickeln. Wir brauchen für den Pandemiefall Plattformen, mit denen wir in kurzer Zeit viel Impfstoff herstellen können. Die mRNA-Technologie ist auch dafür gut geeignet, denn man kann Impfstoffe sehr schnell an eine neue Virusvariante anpassen und die Produktion hochfahren. In der Corona-Pandemie sind Kapazitäten geschaffen worden und die könnte man jetzt natürlich auch für eine Influenza-Pandemie nutzen. mRNA-Impfstoffe sind bereits in klinischer Entwicklung.

Finnland impft ja bereits – vorbildlich auch für Deutschland?

Es gibt verschiedene Gründe, zu impfen. Die Infektionen bei Menschen, wie wir sie in den USA beobachten, sind bisher sehr selten und verlaufen mild – obwohl recht viele Rinder infiziert sind und damit auch gar nicht so wenige Menschen, die in der Landwirtschaft arbeiten, mit dem Virus in Kontakt kommen. Der Erreger kann also in der jetzigen Form den Menschen nicht sehr gut infizieren und es gibt keine Übertragung von Mensch zu Mensch. In Finnland ist die Situation besonders. Dort hatte man in den letzten Jahren in Nerzfarmen große Ausbrüche mit Vogelgrippe bei den Pelztieren – und solche Farmen gibt es ja bei uns nicht. Ich würde die Strategie in Finnland daher nicht als Vorbild für Deutschland bezeichnen. Man sollte das Impfen immer an die jeweilige Situation im Land anpassen.

Das heißt, sobald H5N1 bei Milchkühen in der EU angekommen ist, wäre es schon sinnvoll, wenn die Bauern sich impfen lassen könnten?

In einem solchen Fall kann das Impfen von gefährdeten Personen wie Tierärzten und Landwirten ein Bestandteil der Eindämmung eines Ausbruchs sein. Es ginge dabei nicht nur um den Schutz vor der Erkrankung, denn die ist ja derzeit mild. Man sorgt sich auch davor, dass das Virus adaptiert. Wie kann sich ein Virus an den Menschen anpassen? Zum Beispiel wenn ein Wirt mit H5N1 und gleichzeitig mit der saisonalen Grippe infiziert wäre, könnten sich diese Viren mischen und neu kombinieren. Dieses Szenario möchte man unter anderem mit dem Impfen verhindern.

»Eine seriöse Vorhersage, welche Folgen eine Influenza-Pandemie mit definierten Subtypen haben könnte, ist derzeit nicht möglich«

Bieten die bislang dem Menschen verabreichten Influenza-Impfstoffe auch gegen H5N1 einen gewissen Schutz?

Man geht derzeit nicht davon aus, dass die saisonalen Grippeimpfstoffe hier eine ausreichende Schutzwirkung haben. Deshalb passen wir ja die saisonalen Impfstoffe regelmäßig an die zirkulierenden Varianten an.

Wäre eine pandemische Grippe weniger gefährlich als die Corona-Pandemie, weil gegen verschiedene Influenza-Viren in der Bevölkerung eine Vorimmunität existiert?

Das kann man so nicht sagen. 1918 hatten wir die so genannte Spanische Grippe – mit sehr vielen Todesopfern, insbesondere bei der jungen Bevölkerung. Seitdem haben wir uns immer wieder auf eine Influenza-Pandemie vorbereitet. So schlimm wie 1918 wurde es seitdem nicht mehr, aber wir hatten trotzdem etwa die Hongkong-Grippe und 2009 die so genannte Schweinegrippe. Zuletzt gab es einen Todesfall durch eine H7N2-Infektion. Eine seriöse Vorhersage, welche Folgen eine Influenza-Pandemie mit definierten Subtypen haben könnte, ist derzeit nicht möglich.

Wäre ein Lebendimpfstoff gegen Influenza denkbar, wie etwa gegen Masern, der dann vielleicht auch eine breitere und länger anhaltende Immunität gewährleisten könnte als bisherige Impfstoffe?

Für die Grippe haben wir schon Plattformen, die jedes Jahr angepasst werden, die gut funktionieren und erprobt sind. Es gibt auch abgeschwächte Lebendimpfstoffe für die saisonale Grippe, die sogar nasal verabreicht werden. Fraglich, ob man jetzt für H5N1 noch mal den Weg über einen Lebendimpfstoff geht. Einen Ansatz, der nahe an der klinischen Erprobung ist, kenne ich derzeit jedenfalls nicht. Diese Impfstoffe können auch nicht an Menschen mit geschwächtem Immunsystem verimpft werden.

Wird am Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) nicht sogar ein Influenza-Impfstoff auf der Basis des Masernvirus getestet?

Das DZIF forscht an solchen Impfstoff-Strategien. Es handelt sich um Vektor-Impfstoffe, zum Beispiel auf Basis des Masernvirus. Das Virus vermehrt sich dann aber nicht mehr im Körper, sondern ist wie ein Vehikel, um das Antigen in den Körper zu bringen. Aber trotzdem bewirkt er eine ähnlich breite Immunantwort wie bei einer Infektion.

»Dass nun massenhaft Kühe infiziert sind, ist neu und war so nicht vorhersehbar, insbesondere, dass die Virustiter in der Milch so hoch sind«

Ist ein Influenza-Impfstoff denkbar, der gegen alle Typen und Stämme immunisiert?

Das ist der Heilige Gral. An einem Paninfluenza-Impfstoff (»universal influenza vaccine«) wird schon lang geforscht. Also entweder mit dem Prinzip, dass man möglichst viele Stämme mit reinnimmt, in diese Richtung geht man ja mit den heutigen Impfstoffen schon. Oder aber man findet ein Antigen, mit dem man eine Immunität gegen viele Stämme auf einmal erreichen kann. Wir sind noch nicht so weit, aber es wird sehr aktiv daran geforscht.

Wird der aktuelle H5N1-Ausbruch in der Öffentlichkeit überdramatisch wahrgenommen?

Verständlicherweise fokussieren sich Medien sehr auf den neuen Ausbruch – wir müssen diesbezüglich sehr wachsam sein. Der aktuelle Ausbruch bei den Vögeln ist der langwierigste, den die Veterinäre jemals gesehen haben. Er hält schon über Jahre an, während wir sonst auch bei Tieren Infektionswellen beobachtet haben. Über die Zeit gab es global immer wieder Berichte über infizierte Säugetiere. Aber dass nun massenhaft Kühe infiziert sind, ist neu und war so nicht vorhersehbar, insbesondere dass die Virustiter in der Milch so hoch sind.

Das müssen wir also genau beobachten und möglichst schnell eindämmen. Aber wenn vor dem kommenden Winter jemand fragt: Kann ich den H5N1-Impfstoff haben? Aus Angst vor einem größeren Ausbruch auch bei uns, obwohl es keine Infektionen gibt, dann würde man erläutern, dass es in Deutschland derzeit keine H5N1-Impfempfehlung für die Allgemeinbevölkerung gibt. Daraus ergibt sich aber die Gelegenheit zur Gegenfrage: Sind Sie denn gegen die normale Grippe geimpft? Denn hier gibt es eine klare Impfempfehlung, die Krankheits- und Todesfälle der saisonalen Grippe verringert. Deshalb ist es wichtig, dass sich zumindest die Risikogruppen im Herbst gegen Influenza impfen lassen.

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