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Das Aktuelle Stichwort: Vogelzug und Vogelgrippe

Wandernde Vögel gelten eigentlich als Boten von Frühling und Herbst, jetzt werden sie misstrauisch als Virenträger beäugt. Doch was ist eigentlich dran an der Ausbreitung der Vogelgrippe durch ziehende Enten, Gänse oder Kraniche?
ZugvögelLaden...
Immer wenn sie einfielen, verhieß das den Menschen nichts Gutes: Die Pestvögel brachten Unheil, Krankheit und Tod. Dabei folgten die Seidenschwänze (Bombycilla garrulus) nur ihrem natürlichen Drang, winterlichen Notzeiten in Sibirien und Nordskandinavien zu entkommen. Alle sieben bis zwölf Jahre kommt es zu einer Invasion der ungewöhnlichen Vögel in Mitteleuropa – wahrscheinlich, weil eine übergroße Population der Tiere auf ein Minimalangebot an Früchten und Mispeln trifft.

Den Menschen des Mittelalters war das natürlich ungeheuer – plausible natürliche Erklärungen waren damals schließlich noch nicht gefunden. Und was sollten sie auch von Vögeln halten, die nur alle paar Jahre in großen Schwärmen auftauchen und giftigste Beeren fressen konnten, ohne Schaden zu nehmen: Sie mussten mit dem Teufel im Bunde stehen. Brach dann im folgenden Frühling die Pest oder die Cholera aus, schien klar, dass dies nur mit den Seidenschwänzen zusammenhängen konnte – in den Niederlanden tragen sie bis heute den alten ungerechtfertigten Namen.

Heute fürchten sich die Mitteleuropäer erneut vor ziehenden "Pestvögeln". Wieder kommen sie aus den Weiten Russlands, nur sollen sie diesmal den gefürchteten Vogelgrippevirus H5N1 im Gepäck haben. Nachdem neue Fälle der Erkrankung im Westen Russlands aufgetreten waren, erließ Bundesumweltminister Jürgen Trittin eine Eilverordnung, nach der alles Geflügel "aufgestallt" werden muss. Die Begründung: Sie könnten mit Zugvögeln in Kontakt geraten, die jetzt immer noch aus diesen Regionen nach Deutschland fliegen.

Doch welche Rolle spielen wandernde Tiere tatsächlich bei der um sich greifenden Ausbreitung von H5N1, das bei Ansteckung auch für Menschen potenziell tödlich ist? Bislang gibt es jedenfalls keine gesicherten Erkenntnisse, dass Zugvögel tatsächlich den Virus verbreiten. Anfänglich betraf die Seuche sogar ausschließlich Zuchtgeflügel in Asien, das in großen Mengen auf engstem Raum oft unter Missachtung hygienischer Standards gehalten wurde.

In der Folge breitete sich dieser Grippestamm in Ost- und Südostasien durchweg durch – häufig illegale – Tiertransporte aus. Die Viren überleben zudem in feuchtem Erdreich oder in Kot: Erreger, die so an Kleidung oder Reifen anhaften, können auf diese Weise über das Land verteilt werden. Erst im Juli 2005 kam es wohl zum Übersprung auf Wildtiere am chinesischen Qinghai-See. Die dort infizierten Wasservögel starben zu Tausenden innerhalb kürzester Zeit an der Krankheit; auch für sie war H5N1 in höchstem Maße letal. Seitdem wurde der Virus immer wieder in toten Wildtieren gefunden, jedoch bislang noch nicht in lebenden Wildgänsen oder -enten.

Dennoch gerieten schnell die Zugvögel in Verdacht, die Seuche auszubreiten, da sich die Infektion im weiteren Verlauf des letzten Sommers wie ein Lauffeuer nach Kasachstan, in die Mongolei und nach Sibirien verbreitete – Regionen, die auf den Flugrouten an die sibirischen Brutplätze liegen. Das Aufflammen der Krankheit dort geschah jedoch während einer Zeit, in der die Tiere bereits brüten und sich mausern. Folglich überbrücken sie keine großen Strecken, und nach Recherchen der internationalen Vogelschutzorganisation Birdlife International lagen alle neuen Herde außerdem entlang wichtiger Straßen und Eisenbahnlinien: Eine Verbreitung mit Tiertransporten scheint also ebenfalls plausibel.

Für den weiteren Sprung von Russland nach Rumänien und in die Türkei gibt es bis jetzt allerdings noch keine stimmige Rekonstruktion. Das erstmalige Auftreten im Donau-Delta – einem der wichtigsten europäischen Rastplätze für Zugvögel – bringt Wildvögel jedoch wieder in Verdacht: Erstmals läge eine Übereinstimmung zwischen Zugrichtung, Zugzeit und Krankheitsausbruch vor.

Insgesamt sind weitere 144 Vogelgrippe-Stämme in Wildvögeln in meist geringem, wenig schädlichem Umfang, aber beständig virulent. Es ist also durchaus möglich, dass sie sich nun mit einem modifizierten H5N1 infiziert haben. Der Virus müsste jedoch soweit mutiert sein, dass er in Zugvögeln nicht mehr in kürzester Zeit tödlich wirkt, wohl aber immer noch in Hausgeflügel. Andernfalls wären die Tiere in kurzer Zeit stark geschwächt und nicht mehr in der Lage, große Strecken zurückzulegen. Beweise für eine derartige Veränderung des H5N1-Erbguts fehlen jedoch weiterhin.

Diese Art der Vogelgrippe befällt außerdem hauptsächlich Wasservögel, Wachteln und Fasane. Aus Russland ziehen dagegen gegenwärtig neben Saat- (Anser fabalis) und Blässgänsen (Anser albifrons) vor allem noch Greif-, Raben- oder Finkenvögel nach Westen – Gruppen, in denen H5N1 bislang nicht entdeckt wurde. Und die aus Skandinavien südwärts über und nach Deutschland ziehenden Gänse und Enten gelten im Moment noch als unbelastet: Der Verdacht auf Vogelgrippe in Schweden hat sich nicht bestätigt.

Da bislang noch keine einzige Ansteckung eines Menschen durch Wildtiere stattfand, warnen Vogelschutzverbände, die Europäische Union und die Weltgesundheitsorganisation einhellig vor dem präventiven Töten von Wasservögeln an Rastplätzen: Diese Abschüsse wären nicht nur im Widerspruch zu vielen Naturschutzgesetzen, sie könnten sich sogar kontraproduktiv auswirken. Viele Wasservögel verbringen den Winter standorttreu an der Küste oder großen Fließ- und Stillgewässern wie Donau und Bodensee.

Schrecken Jäger sie auf, flüchten sie mitunter in alle Richtungen an andere Gewässer. Wären darunter wirklich infizierte Tiere, so würde die Krankheit in einem größeren Umkreis verbreitet und wäre noch schwerer unter Kontrolle zu bringen. Einen ähnlichen Verteilungseffekt hätte das Trockenlegen von Feuchtgebieten, das von einigen asiatischen und arabischen Ländern als Vorsorgemaßnahme in Erwägung gezogen wird – auch hier stünden die ökologischen Schäden im Kontrast zu einem fragwürdigen Nutzen.

Die beschlossenen Maßnahmen der Europäischen Union wie Aufstallung des Geflügels zur Vermeidung von Kontakten mit Wildvögeln werden dagegen von den Verbänden und Organisationen begrüßt. Zugleich mahnen sie schärfere Kontrollen von Tiertransporten und ein generelles Importverbot von Wildfängen an.

Bei allen möglichen tragischen Konsequenzen für die Geflügelbestände und vor allem die betroffenen Menschen, sollte zudem nicht vergessen werden, dass H5N1 ebenso für gefährdete Tierarten in höchstem Maße bedrohlich ist: Beim letzten Ausbruch der Seuche in China starben bis zu zehn Prozent des Weltbestandes der Streifengans (Anser indicus).
25.10.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 25.10.2005

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