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Anthropologie: Vom Gesetz der Serie

Wer glaubt, dass sich die Gewinnserie seines Lieblingsvereins auch am nächsten und übernächsten Spieltag fortsetzen wird, macht sich statistischer Ignoranz verdächtig - folgt aber möglicherweise nur einer uralten Strategie.
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"Einen Lauf" nennen es Zuschauer gelegentlich, wenn ein Sportler gerade "tüchtig abräumt", "einen nach dem anderen reinmacht" – oder eine "heiße Hand" hat, wie es im angelsächsischen Sprachraum heißt. Hot-Hand-Fehlurteil nennen es dagegen Wissenschaftler, wenn Zuschauer auf die Idee kommen, bei einem Spiel, in dem hauptsächlich der Zufall entscheidet, könnte es so etwas wie eine Glückssträhne geben.

Wie Studien belegt haben, unterliegen wir dieser Wahrnehmungstäuschung generell, wenn es darum geht, die Auftretenswahrscheinlichkeit von Ereignissen zu beurteilen: Am Ende glauben wir fast immer, dass seltene, aber für uns vorteilhafte Fälle gehäuft auftreten.

Für Andreas Wilke vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin ist das Hot-Hand-Phänomen dennoch in erster Linie keine Wahrnehmungstäuschung. "Die Hot-Hand-Studien galten als überraschend, weil sie zeigten, dass Menschen beim Einschätzen zufälliger Prozesse schlecht abschnitten. Wir glauben allerdings, dass der umgekehrte Fall noch weitaus überraschender gewesen wäre."

In der Natur sind wirklich zufällige Verteilungen außerordentlich selten, der Glaube an Muster und Serienereignisse bringt dagegen Vorteile. Wer Früchte sammelt, tut gut daran, dort zu suchen, wo bereits welche auftauchten. Gleiches dürfte für andere Bereiche des steinzeitlichen Alltags gegolten haben: etwa bei der Jagd, der Lagerplatzsuche oder der Partnerwahl. "Das Hot-Hand-Phänomen ist ein evolutionär erworbenes Verhaltensmuster", sagt Wilke.

Um dies nachzuweisen, luden er und sein Kollege Clark Barrett von der University of California in Los Angeles zwei Probandengruppen zum Experiment: Amerikanische Studenten sowie Angehörige des ecuadorianischen Volks der Shuar, bei denen das Sammeln noch immer wesentlich zum Bestreiten des Lebensunterhalts beiträgt.

Beide Gruppen ließ er an einer Art virtueller Suche nach Objekten teilnehmen: Ein Zufallsgenerator entschied dabei für jeden Zeitschritt, ob auf einem Bildschirm ein Objekt auftauchte oder nicht. Jedes Mal mussten die Teilnehmer im Anschluss tippen, ob im nächsten Bild der Gegenstand erneut erscheinen würde.

Sowohl bei den Antworten der Studenten, als auch denen der Ecuadorianer zeigte sich das Hot-Hand-Phänomen. Allein dies gelte schon als Anzeichen für eine kulturunabhängige – und damit möglicherweise entwicklungsgeschichtliche – Ursache, so die Forscher. Kaum einen Unterschied machte es außerdem, ob Wilke und Barrett Dinge verwendeten, die in der Natur vorkommen oder von Menschen gemacht sind.

Bei solchen Objekten, die gewöhnlich eher gleichmäßig verteilt sind, wie Bushaltestellen an einer Straße oder Nester in einem Baum, fanden die Wissenschaftler, dass ihre Probanden weniger stark Häufigkeiten erwarteten als bei auch natürlicherweise gehäuft auftretenden Gegenständen. Offenbar könne man sich die Hot-Hand-Wahrnehmung zu einem gewissen Grad abtrainieren oder an beobachtete Häufigkeiten anpassen, erläutern die Wissenschaftler. Für eine optimale Jagd- und Sammelstrategie sei diese Fähigkeit wichtig.

Nur wenn auch für die Probanden vollkommen offensichtlich der Zufall regierte, blieb kaum etwas vom Hot-Hand-Phänomen übrig. Für die Studenten war das dann der Fall, wenn sie Ergebnisse von Münzwürfen voraussagen sollten. Die Shuar hingegen, die nach eigenen Angaben mit der Zufälligkeit des Kopf-oder-Zahl-Spiels nicht vertraut waren, schätzten auch hier wieder nach der altbewährten Strategie: "Wenn gerade ein paar Mal 'Kopf' kam, wird wohl auch das nächste Mal 'Kopf' kommen."

Gewiefte Glücksspieler dürften hier allerdings stutzen: Wer das Gefühl hat, in letzter Zeit häufiger Asse auf der Hand gehabt zu haben, beginnt zu fürchten, dass die Wahrscheinlichkeit, wieder eines zu bekommen, immer weiter abnimmt. Auch bei diesem Effekt spekulieren die Wissenschaftler übrigens über einen evolutionären Hintergrund: Diesmal sei es allerdings nicht darum gegangen, das suchende Umherstreifen strategisch zu optimieren, sondern um die ganz alltägliche Erfahrung, dass Ressourcen eben nicht auf ewig halten.

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