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Jahresrückblick: Vom Guten, Schönen, Unwahren

Kein Jahresrückblick ist fertig, wenn er schon Anfang Dezember geschrieben ist - denn manchmal wirft eine späte Meldung kurz vor Weihnachten das Topthema des Jahres noch spektakulär vom Sockel. Und gelegentlich fallen dabei die Sensationen vergangener Weihnachten gleich mit. Tauglicher Stoff für ein derartiges Erdbeben ist etwa der Sturz eines Helden - er übertönt leider so manche beachtenswerte Leistung.
Angeblich geklonter EmbryoLaden...
Seit ein paar Tagen steht vor Woo Suk Hwangs Namen nicht mehr "Stammzellenpionier", sondern "Betrüger". Der Koreaner, noch vor einem Jahr weltweit gefeiert für seine Leistung des erstmaligen Klonens menschlicher embryonaler Stammzellen zum Zwecke der gezielten Therapie, ist tief gefallen. Beschädigt hat er eine ganze Zunft ehrlicher Forscherkollegen, aber auch das etablierte System von Wissenschaftszeitschriften, Gutachtern und Berichterstattern.

Snuppy, der erste Klonhund?Laden...
Snuppy, der erste Klonhund? | Ein dreijähriges Afghanisches Windhundmännchen spendete sein genetisches Material für den ersten geklonte Hund Snuppy (links). Ein Labradorweibchen brachte Snuppy als Leihmutter zur Welt (rechts). Bleibt nach einem Blick auf den Erstautor der Veröffentlichung nur noch zu hinterfragen, oder das alles auch wirklich so stimmt.
Entscheidende Daten von Hwangs spektakulärster Veröffentlichung im Fachblatt Science waren vorsätzlich manipuliert und erfunden, fand eine viel zu spät eingesetzte Expertenkommission heraus – nachdem frühere Wegbegleiter sich distanzierten und Stammzellenforscher eine Untersuchung öffentlich gefordert hatten. Dass Hwang sein Stammzell-Ausgangsmaterial unethisch von abhängigen, angeblich "freiwillig" spendenden Untergebenen erhalten hatte, wird da schon fast zur Randnotiz. Gestanden und "tief bereut" hat Hwang Fehlverhalten scheibchenweise immer pünktlich dann, wenn einer der vielen Anklagepunkte nicht mehr zu leugnen war.

Ware Wissen

Der Skandal des Jahres macht die wissenschaftliche Publikationspraxis selbst zum Topthema des Jahres und wirft eine Reihe von Fragen auf. Etwa über die Sorgfalt, mit der Science Hwangs umjubelte Veröffentlichung prüfte. Durchlief die Veröffentlichung überhaupt ein reguläres "Peer-Review"-Verfahren mit mehreren Gutachtern, oder musste es einfach einmal schneller gehen, um im umkämpften Markt der erste zu sein, der eine Sensation verkünden darf? Ulrike Beisiegel, Sprecherin des Ombudsgremiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) für wissenschaftliches Fehlverhalten schlug prompt vor, dass Fachjournale bei Meldungen über scheinbare Durchbrüche ein eigens geschaffenes Gutachtergremium einsetzen sollten. "Man sollte überlegen, ob Resultate wirklich mit dieser Geschwindigkeit veröffentlicht werden müssen und diesen Prozess entschleunigen."

Die bekannteste Konkurrenz von Science sollte im übrigen tunlichst zunächst vor der eigenen Tür recherchieren, bevor sie guten Gewissens mit dem Finger auf andere zeigt: Das britische Journal Nature berichtete Anfang August von Hwangs Erfolg, den ersten Hund geklont zu haben. Nicht die einzige von Hwangs Veröffentlichungen, die jetzt nachträglich unter die Lupe genommen werden dürfte. Oder mit den Worten von Stammzellenforscher Miodrag Stojkovic von der Universität Newcastle: "Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll."

<i>Architeuthis</i>Laden...
Architeuthis | Tintenfischfund des Jahres: Der legendäre Riesenkalmar Architeuthis konnte zum ersten Mal lebend beobachtet werden. Das Tier war vermutlich acht Meter lang.
Stojkovic, der neben Hwang bisher als einziger Forscher menschliche Embryonen geklont hatte, steht nun mitsamt allen anderen Stammzellenforschern – hoffentlich unschuldig – im plötzlich ungemein kritischen Blick der Öffentlichkeit. Dabei tun nun alle überraschter, als sie eigentlich sein dürften, denn Kassandra-Rufe gab es schon vor Hwangs Fall genug. Im Juni erst berichteten Forscher etwa darüber, wie weit verbreitet wissenschaftliches Fehlverhalten ist: Ein Drittel von eintausend in der biomedizinischen Forschung tätigen, anonym befragten US-Wissenschaftlern gab zu, in den vergangenen drei Jahren mindestens einmal vorsätzlich gegen Grundsätze korrekten wissenschaftlichen Handelns verstoßen zu haben.

Und schon im Januar hatten Forscher zu mehr Vorsicht bei der Interpretation von Daten und Sorgfalt bei ihrer statistischen Auswertung gefordert. Im Juni dieses Jahres warnten auch zwei im "Peer-Review"-Betrieb engagierte deutsche Wissenschaftler vor möglichen Folgen des schnellen Publikationszwangs: "Bestimmte Journale nehmen ein Thema, weil es sehr sexy ist; um einfach die ersten zu sein, gucken sie nicht so genau hin. Mit Sicherheit geht da nicht alles mit rechten Dingen zu", sagte etwa Ingrid Grummt vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg und Editorial Board Member des EMBO Journal gegenüber spektrumdirekt zum Thema. Und Hartmut Wekerle, Direktor am Max-Planck-Institut für Neurobiologie in Martinsried und Editorial Board Member des Journal of Immunology wollte auf die Frage, ob sich der Wettbewerb unter den Top-Journals negativ auswirkt, am liebsten schnell verneinen – es gebe aber eben Situationen, "wo mancher hinschreibt, was der Reviewer so gerne sehen möchte. Das ist eine moralische Schwachstelle. Eine echte Fälschungsverführung."Hwangs Fehlverhalten wird also wohl nicht der letzte derartige Fälschungsfall bleiben – der erste oder einzige war es jedenfalls nicht in diesem Jahr: Schon im Februar stellten sich etwa die Vorwürfe gegen den Anthropologen Reiner Protsch von Zieten, Menschenschädel-Funde vorsätzlich falsch datiert zu haben, als wahr heraus.

Überfällig also, nicht nur die Unwahrheit zu meiden, sondern auch die Wahrheit vollständig hinzuschreiben. Zu diesem Zweck führten Wissenschaftler im März die Online-Zeitschrift Journal of Negative Results in Biomedicine ein – um negative Forschungsergebnisse zu veröffentlichen, die sonst gerne unter den Tisch fallen. Insbesondere dann, wenn ein finanziell beteiligter, zahlungskräftiger Auftraggeber aus der Pharmaindustrie als Studienziel lieber einen umfassend erfolgreichen Medikamententest gesehen hätte. Ins Bild passt da auch die Dezembermeldung, die Tabakindustrie habe über Jahre hinweg mehr als sechzig namhafte deutsche Wissenschaftler finanziert, um die Gefahren des Rauchens zu verschleiern.

Wahre Wunder

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Oxytocin | Das Peptidhormon Oxytocin wird im Hypothalamus gebildet und ist einerseits wichtig beim Geburtsvorgang und beim Milcheinschuss, wirkt andererseits aber auch als Neurotransmitter in Hirnbereichen, die mit Emotionen und Sozialverhalten in Zusammenhang stehen. So trägt es bei Tieren zur Partnerbindung und zur Mutter-Kind-Bindung bei und fördert auch das Vertrauensverhältnis zwischen zwei Unbekannten in einem Glücksspielexperiment. Mäuse, denen Gentechniker die Produktion des körpereigenen Botenmoleküls abtrainieren, entwickelen sich zu sozialen Inkompetenzlern.
Was besteht dann überhaupt noch neben der Erkenntnis, dass alles Publizierte auch falsch sein kann? Vielleicht jene Wunder der Biologie, die schwer zu Geld zu machen oder schlicht zu skurril sind, um sie zu erfinden – und davon beschrieben Forscher einige. Beispielsweise in den Ozeanen – bei Tintenfischen und Kraken, von denen wir erfuhren, wie sie bewegliche Gelenke in den Fangarmen verschieben, ihren Nachwuchs umsorgen, zweibeinig über den Meeresboden flitzen und mit Haut-Farbspielchen Feinde verwirren und Sexualpartner umgarnen. Oder auch diese verwirren, indem sie männlich als Weibchen verkleidet jede Intimdistanz unterlaufen.

Wo wir schon dabei sind, noch kurz zwei weitere Meldungen zum Thema tierischer Sex (Hufeisennasenfledermäuse teilen sich Partner, Kurzflügelgrillen erkennen sexuell unbeleckte am Geruch), sowie drei der in diesem Jahr aufgestellten biologischen Weltrekorde. Wer weiß schließlich schon, ob er bei Günther Jauch bald nach der weltgrößten Kakerlake (zehn Zentimeter auf Borneo), dem kurzlebigsten Wirbeltier (die Zwerggrundel Eviota sigillata wird höchstens 59 Tage alt) oder dem vielleicht schnellsten und schrillsten Fresser des Tierreichs (der Sternmull erkennt und verschlingt vorbeikommende Beute in durchschnittlich 230 Millisekunden) gefragt wird. Apropos gefundenes Fressen: Namenspatron des Jahres dürfte US-Präsident Bush sein, nach dem ein vorzugsweise Schleimpilze verspeisender Käfer benannt wurde.

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Zugvögel | Während in Asien die Vogelgrippe wütete und auch Menschenleben fordert, ist Europa vergleichsweise glimpflich davon gekommen. Ein bestätigter Fall einer H5N1-Infektion trat hierzulande nicht auf.
Wesen der Meere überraschten 2005 dagegen mit tradiertem Werkzeuggebrauch – Große Tümmlerinnen etwa schnappen sich Badeschwämme als Mundschutz beim Bodengründeln und lehren den Trick ihrem Nachwuchs. Orcakinder erlernen dagegen, wie Papa und Mama Möwen erbeuten. An Land bewiesen Mäuse, dass sie lernen können, hilflose Albatrosküken blutig auszurotten und Gorillas, die bislang dahingehend unterschätzt worden waren, zeigten Geschick beim Werkzeuggebrauch – Fälschung in beiden Fällen ausgeschlossen, es existieren Beweisfilme.

Harte Fakten

Genetiker sammelten im abgelaufenen Jahr indes weiter fleißig Basenfolgen – die DNA-Sequenzen eines Hundes, eines Schimpansen, eines menschlichen X-Chromosoms, eines längst verstorbenen Höhlenbärens und von drei wichtigen Parasiten des Menschen wurden 2005 vollständig aufgeschrieben. Gefälscht wird hier wohl nichts, schließlich können die Forscher den Sinn der Basenreihung ohnehin zu großen Teilen nicht entschlüsseln. Welche Rolle scheinbar überflüssige Junk-DNA im menschlichen Genom spielt, blieb daher wie schon im letzten Jahr weiterhin umstritten. Neueste Erkenntnisse: Junk-DNA, die sich übrigens überraschend langsam verändert, hat möglicherweise Einflüsse auf das Sozialverhalten von Säugetieren.

Klassische medizinisch-biologische Forschung enthüllte in den vergangenen zwölf Monaten zudem molekulare Grundlagen unseres Bitter- Geschmacksempfindens, Hintergründe des Autismus, die vertrauensbildende und weitere Funktionen des menschlichen Hormons Oxytocin, die historischen Wanderwege des Lepraerregers und förderte das Verständnis einer leider zunehmend bedrohlichen Zivilisationserkrankung: der Depression. Sie ist sowohl medikamentös als auch mit Verhaltenstherapie behandelbar, wie Vergleichsstudien zeigten – langfristig aber minimiert nur intensive psychologische Betreuung über längere Zeit Rückfalle.Auch sonst helfen Medikamente meist, schaden aber gelegentlich sehr. Während das Rheumamittel Vioxx auch im Februar dieses Jahres noch wegen möglicher Nebenwirkungen unter Beschuss stand, erreichten uns immerhin auch zwei Entwarnungen: Antidepressiva verursachen nicht, wie befürchtet, generell ein höheres Suizidrisiko, und die verbreiteten Kombi-Impfungen bei Kindern erhöhen nicht das Risiko, autistische Symptome zu entwickeln. Übrigens stellte eine andere Alternative zu Medikamenten – die Placebos oder Scheinmedikamente – im Spätsommer 2005 ihren Wert unter Beweis, als ihre Wirksamkeit abhängig von Alter und Geschlecht der Patienten auch biochemisch festgestellt wurde. Ein Placebo-Effekt sei im Übrigen auch für jegliche Wirkung von Homöopathie-Behandlungen verantwortlich, glauben andere Forscher herausgefunden zu haben.

Und sonst? Wer bis hierhin ein medizinisches Topthema des Jahres vermisst, der denkt vielleicht an die Vogelgrippe. Stimmt schon, über aviäre Influenza wurde in diesem Jahr viel geschrieben, und längst nicht alles war Panikmache – Menschen starben schließlich, erstmals auch in Europa. Dennoch: wissenschaftlich gesehen brachte 2005 über den Vogelvirus H5N1 nicht viel Neues. Klar war schon zuvor, dass das Virus tödlich sein kann, nicht von Mensch zu Mensch übertragen wird, sich aber theoretisch und im schlimmsten Fall mit menschlichen Grippeviren zu einer tödlichen neuen ansteckenden Mischung vermengen könnte. Letzteres geschah allerdings nicht, und nach Deutschland gelangte bislang nicht einmal die Vogelgrippe-Variante.

Zum Abschluss also noch einmal vom vermeintlichen zum wirklichen Topthema des ablaufenden Bio-Medizin-Jahres – zu den offenbar gewordenen Webfehlern im System der Publikationsprozesse und den Zwängen, denen sich alle Akteure heutzutage ausgesetzt sehen. Manchmal sind dies, wie sich zeigte, auch Zwänge von ganz oben – in den USA verhinderte die Regierung im Juni eine Veröffentlichung, in der im Journal PNAS über die Gefahren des Bioterrorismus nach ihrer Meinung ein paar Details allzu deutliche beschrieben waren.

Den Kollegen der vom Stammzellskandal gebeutelten Science waren übrigens – vielleicht begreiflicherweise – Klone, Stammzellen und Fälschungen nicht das wichtigste Thema 2005, sondern die Evolutionstheorie. Auch dies eine offensichtlich politische Entscheidung in einem Jahr, in dem fundamentalistische christliche Gruppen wieder vermehrt versuchten, kreationistisches Gedankengut als der Evolutionstheorie gleichwertige "Intelligent-Design"-Hypothese in wissenschaftliche Debatten einzuschmuggeln.

Damit allerdings ist die Grenze der Naturwissenschaft überschritten. In dem Wirken der Lobbygruppen dennoch den Eingriff einer allerhöchsten Instanz zu sehen, bleibt jedem unbenommen – ein falsifizierbarer Beweis für die Existenz einer solchen Instanz wird jedenfalls auch am Ende des kommenden Jahres sicherlich nirgendwo veröffentlicht sein. Auch ein Gegenbeweis übrigens nicht – falls also eine solche Instanz doch existieren sollte, möchte sie doch bitte aus dem Hintergrund allen Wissenschaftlern dabei helfen, auch im kommenden Jahr 2006 Gutes und Schönes zu finden. Und Wahres.
31.12.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 31.12.2005

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