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Hirnforschung: Vom Wunsch zur Wirklichkeit

Gier und Moral, Kalkül und Angst - viel muss unser Kopf in Konfliktsituationen unter einen Hut bringen. Das Gehirn beauftragt dafür Spezialisten, die Entscheidungen nur gemeinsam ausklüngeln.
SchädelLaden...
Wie eigentlich macht sich der Wunsch zum Vater des Gedanken? Wie bildet unser Gehirn nach einem ersten flüchtigen Blick Begehren, wie plant es in uns die Erfüllung unserer kleinen und großen Träume, wann und wodurch fallen Entscheidungen, die uns einem Ziel näher bringen – oder es als unerreichbar zu verdrängen versuchen? Fragen, deren Antwort man, wenn überhaupt, nur in Trippelschritten näher kommen kann.

In Richtung höherer Erkenntnis trippelt sich Samuel McClure, Neurowissenschaftler der Princeton-Universität, mit Hilfe geschickt für zahlungskräftige Klientel formulierter Fragestellungen. Die Marketingabteilungen zweier US-amerikanischer Konzerne dürfte McClures Frage nach dem Unterschied zwischen Pepsi und Coca Cola für das Gehirn ziemlich interessieren – immerhin 67 Versuchskandidaten machten für den Forscher unter bildgebender Kontrolle der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) den Brausetest [1].

Auf Geschmacksunterschiede kam es dabei allerdings nicht an – die Kandidatengehirne aktivierten beim Schmecken beider Produkte ohnehin die gleichen Regionen. Viel aufschlussreicher waren für die Forscher dramatische Abweichungen der Gehirnaktivitäten, die auftraten, sobald bei der Präsentation der Testgetränke das Markenzeichen des jeweiligen Colagetränkes vor den Augen der Kandidaten aufleuchtete. Siehe da: Nur eine der Getränkefirmen erregte dabei regelmäßig den hinteren, seitlichen präfrontalen Kortex sowie den Hippocampus der Kandidatengehirne. Von diesen Regionen weiß man bereits, dass sie Verhalten auf der Basis gesammelter gesellschaftlicher Erfahrungen oder kultureller Normen, modifizieren. Ganz offenbar war es einer Marketingabteilung im Laufe der Jahre gelungen, ihr Markenzeichen flächendeckend zu einem kollektivem Mitentscheider bei der Wahl des bevorzugten Getränkes zu machen. Welches Markenzeichen? Auflösung folgt.

Kalkül- und Gefühl-Einflüsterer

Denn insgesamt ist mit all dem noch nicht viel bewiesen – immer noch offen bleibt ja, wie die von irgendwelchen subkulturell-hippokampalen Einflüsterungen vielleicht beeinflusste Getränkeentscheidung dann letztlich ausfällt. Ein aktiver seitlicher präfrontaler Kortex, soviel ist nach weiteren Experimenten von McClure und Kollegen wohl sicher, scheint jedenfalls eindeutig auf einen gedanklichen Konflikt abzuwägender Möglichkeiten hinzudeuten, den das Gehirn erst einmal verarbeiten muss. Derartige Konflikte produzierten die Forscher auch in den Köpfen von 14 Freiwilligen: Diese sollten wählen zwischen einer geringen, sofort ausgezahlten Belohnung sowie einer deutlich höheren Zuwendung, derer sie aber erst nach einiger Zeit habhaft werden würden [2].

Logisch und gewinnorientiert geht dabei nicht jeder vor – vielmehr verzeichneten die Wissenschaftler bei Strategien und fMRT-Bildern deutliche individuelle Unterschiede der Kandidaten. In denjenigen, welche geduldig auf langfristig höheren Ertrag zu warten bereit waren, wägte ein deutlich aktiverer präfrontaler Kortex, vielleicht auf der Basis des hier hinterlegten Erfahrungsschatzes, die zu erwartenden Gewinnchancen gegeneinander ab. Bei jenen Probanden aber, die nach einer sofortigen Belohnung gegiert hatten, war eine besonders starke Aktivität von Hirnregionen des limbischen Systems zu verzeichnen – in diesem evolutionsgeschichtlich uralten Gehirnareal wird Sinnliches wie Sehen, Fühlen, Riechen und Schmecken verarbeitet. Offensichtlich eine Region, die eher zu emotionalen Entscheidungen aus dem Bauch heraus verführt – und sich damit gegen die Erfahrungs-Expertise des präfrontalen Kortex durchaus auch einmal durchsetzen kann.

Dabei ist Geldgier natürlich nicht die einzige Emotion, die einen nüchtern kalkulierenden Entscheidungsprozess beeinflusst, wie ein Wissenschaftlerteam um Joshua Greene von der Princeton-Universität beisteuert [3]. Greene und Kollegen setzten ihren Kandidaten im Gedankenexperiment weitaus stärkere moralische Daumenschrauben an: Sie sollten sich etwa in Situationen hineinversetzen, in denen sie in einem Versteck vor marodierenden Söldnerbanden entweder ihr eigenes schreiendes Baby zum sofortigen Schweigen bringen oder andernfalls den Tod aller mit versteckter Freunde und Verwandten verantworten müssen. Hier rechnet auch der parietale Kortex – genauer, sein dorsolateraler Abschnitt. Je größer aber das moralische Dilemma, desto deutlicher auch der Beitrag des limbischen Systems, in diesem Falle des vorderen cingulären Kortex (ACC). Diese Region ist bekannt dafür, bei körperlichem Schmerz anzuspringen – oder eben seelischer Pein.Entscheidungsträger

Nur – wo und bei wem laufen die Beiträge der Gehirnregionen von limbischem System, Hippocampus oder präfrontalem Kortex zusammen? Welches Areal entscheidet darüber, ob Gier, Abscheu und Schmerz, gesellschaftliche Norm oder Erfahrung unser Handeln mehr bestimmen? Nach Meinung von Paul Glimcher von der Universität New York und Michael Dorris von der Queens-Universität könnte ein gehirninterner Entscheider im hinteren parietalen Kortex zu finden sein – und zwar nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Rhesus-Affen [4]. Die Neuroökonomen – sie forschen auf einem boomenden Schnittmengen-Forschungsfeld zwischen Psycho- und Neurologie sowie der klassischen Ökonomie – verglichen beide Primatenspezies beim Wollen, Planen, Entscheiden, Ärgern und Freuen in Spielsituationen, die jeweils unterschiedliche und situationsbedingt wechselnde Strategien erfordern.

Resultat ihrer Analyse: Die Probanden-Strategie, die in derartigen Experimenten theoretisch vorhersehbar ist, scheint im hinteren parietalen Kortex kodiert zu sein – getroffene Entscheidungen im Spiel und neuronale Aktivitäten dieses Areals korrespondierten eindeutig, stellten die Wissenschaftler fest. Tatsächlich war mit Hilfe von spieltheoretischen Vorhersagen der zu erwartenden Kandidatenentscheidungen sogar das Muster der Nervenaktivität im hinteren parietalen Kortex prognostizierbar.

Mehrheitsvotum

Glimcher formuliert als Ziel der Neuroökonomie "irgendwann einmal genau nachvollziehen zu können, wie unser Gehirn von einem ersten wahrgenommenen Sinnesreiz bis zum Befehl einer entschiedenen Aktion vorgeht" [5]. Diesem Ziel sind Hirnforscher offenbar tatsächlich einige Trippelschritte näher gekommen: Es scheint, dass Entscheidungen im hinteren parietalen Kortex fallen, und dies unter dem Einfluss des Emotionen verarbeitenden limbischen Systems, der Erfahrungskontrollinstanzen des präfrontalen Kortex, dem Input angenommener sozialer und kultureller Normen aus dem Hippocampus – und wohl noch anderer Hirnareale, wie die Forscher meist vorsichtig einschränken. Auch heute getroffene Entscheidungen sind beispielsweise morgen kontextabhängig revidierbar: Sie stehen unter Erfolgskontrolle des vorderen mittleren Frontalkortex, wie Forscher um Richard Ridderinkhof von der Universität Amsterdam schlussfolgern. Diese Hirnregion überprüft offenbar die Resultate von Handlungen aus zurückliegenden Entscheidungssituationen und modifiziert die Langzeittaktik flexibel, falls nötig [6].

Noch ist das Wissen um die Entscheidungsprozesse im Gehirn nicht geballt genug, um etwa der Marketingabteilung von Pepsi einen neuen Hebel zur Beeinflussung der Softdrinkkonsumenten in die Hand zu geben – obwohl die Marke es doch irgendwie nötig zu haben scheint, wie die zu Beginn des Artikels beschriebenen Brausetests von McClure offenbarten: Das weiß-blau-rote Pepsi-Logo wurde hier ignoriert, ein klassisch rot-weißer Coke-Schriftzug ließ dagegen keinen Hippocampus kalt. Coca Cola ist eben, im Spätsommer durch eine Umfrage des Magazins Business Week erneut bestätigt, die "stärkste Marke" der Welt. Nur ist andererseits, wie die Hirnforschung belegt, der Hippocampus eben nicht alles: Zwar lag der Marktanteil von Coke im vergangenen Jahr in Deutschland deutlich über dem von Pepsi – aber eben auch nur bei etwa vierzig, nicht bei hundert Prozent.
16.10.2004

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 16.10.2004

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