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Parasiten-Evolution : Von zweifelhafter Herkunft

Er ist ein schlechter alter Bekannter des Menschen. Wann und wo der Malariaparasit aber zu seiner Geißel wurde, blieb bislang ein Rätsel mit konkurrierenden Lösungsansätzen.
Der Chinese Sun Tsu ist ein alter vergessener, dann neu entdeckter und gerade wieder in der Versenkung verschwindender Bestsellerautor: In seinem Standardwerk über die Kriegskunst vermittelte der betagte Kämpe vor gut 2500 Jahren Kernthesen wie das viel zitierte "Kenne deinen Feind und kenne dich selbst, und in hundert Schlachten wirst du nie in Gefahr geraten." Eine Aussage, die nicht nur in manch gut bezahlten Unternehmer-Seminaren der frühen 1990er Jahre ihr Revival fand, als kampfbetonter Karrierewegweiser für viele Manager aus der gehobenen mittleren oder unteren gehobenen Führungsebene. Auch Malariaforscher hielten sich dran – und kennen die von ihnen bekämpften Erreger der Gattung Plasmodium mittlerweile in fast allen Details.

Sie wissen etwa das allermeiste über die Genomzusammensetzung des Parasiten, vieles über seine Tricks, das Immunsystem zu umgehen und das meiste über den schmarotzerübertragende Weg von Mensch zu Mensch über den blutsaugenden Mückenwirt. Nur genutzt hat es bislang wenig: Jahr für Jahr erkranken vor allem in der Dritten Welt 300 Millionen Menschen und mehr. Gelegentlich scheint die Schlacht mit dem Feind der Parasitologen aussichtslos.

Da tut also offenbar noch mehr Wissen Not – etwa über die Herkunft des Schmarotzers. Wann sprang er eigentlich zum ersten Mal in einen Menschen, und wo? Die Antworten auf diese Frage unterliegen bislang schwankenden Modetrends. Eigentlich dachte man zunächst, Plasmodium vivax – Erreger einer weniger gefährlichen, aber stärker verbreiteten Malariavariante – entstand in Afrika und globalisierte sich zusammen mit dem Auszug der Menschenahnen vom Schwarzen Kontinent.

Kann nicht sein, meinten vor zwei Jahren einige Forscher – das Erreger-Erbgut ähnelt in gewissen Bereichen südamerikanischen Neuweltaffen-Schmarotzerverwandten. Kann doch sein, widersprachen Kollegen sogleich, man muss nur in anderen Genabschnitten genauer und gezielter hinschauen. Afrika sei der Ursprung der Vivax-Malaria. Das zeige allein schon, dass gerade in Afrika im menschlichen Genom eine Sequenzvariante vermehrt vorkommt, die gegen Plasmodium-vivax-Infektionen schützen kann – der so genannte Duffy-Genotyp in der Erbgut-Anleitung für ein bestimmtes Blut-Glykoprotein. Diese Variante sollte unter dem Selektionsdruck des Schmarotzers entstanden sein – und zwar dort, wo dieser schon am längsten seit seiner Entstehung gewütet hat.

Alles Quatsch, meinen nun Anasias Escalante und Kollegen von den Centers for Disease Control and Prevention. Eigentlich stammt der Stammvater von Plasmodium vivax aus Südostasien. Dort entstand er vor exakt 45 680 bis 81 607 Jahren.

Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, hatten die Wissenschaftler sich zehn verwandte Plasmodium-Spezies unter die genetische Analyselupe geholt. Ergebnis: Bei den Genen, welche die Forscher untersuchten, zeigten sich größte Ähnlichkeiten zwischen den menschlichen P. vivax und drei Affen-Plasmodium-Spezies, die sich allesamt in südostasiatischen Makaken heimisch fühlen. Entweder also stammte auch der letzte gemeinsam Vorfahre der vier Arten aus Affenahnen in Südostasien und gelangte von da auch in den Mensch, oder – eher unwahrscheinlicher – ein von Homo erectus oder sapiens mitgeschleppter Plasmodium vivax sprang gerade in Südostasien auf Makaken über und baute dort die nun als verwandtschaftlich eng verbandelt erkannte Parasiten-Sippe auf.

Also Südostasien – wenn denn diesmal die richtigen Genomabschnitte für die Verwandschaftbestimmung herangezogen wurden. Das würde passen, denn die Gegend gilt ohnehin als Brutstätte und Kinderstube einer Reihe netter menschlicher Schmarotzer von Maden- über Haken- bis zu Bandwürmern – warum also nicht auch ein Malaria-Einzeller?

Bleibt nur die Sache mit dem schützenden Duffy-Genotyp in Afrika. Die, so die Wissenschaftler um Escalante, sei vielleicht etwas überschätzt – wie oft, wenn zu Unrecht ein heute erkennbarer Vorteil mit einem evolutiven Grund verwechselt wird, wegen dem eine Erbgut-Eigenheit entstand. Möglicherweise sei ein Genotyp wie dieser erst zu einem Selektionsvorteil geworden, als Menschen vom Jäger- und Sammlerdasein Abstand nahmen und sich als Bauern niederließen – was in Afrika vielleicht einfach früher als im südostasiatischen Stammland geschah, allerdings erst nach einem Import des asiatischen Parasiten.

Gut, damit wäre also geklärt – bis zur nächsten Theorie-Anfechtung – wo Plasmodium vivax eigentlich herkommt. Und wohin nun mit dem Wissen? Erklären wir am besten optimistisch mit Sun Tsu die Malariaforschergemeinde für Meister der Kriegskunst: Diese seien stets erfolgreich, so der alte Chinese, denn "was immer sie tun, sichert ihren Sieg."

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