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News: Voodoo im römischen Mainz

Reiche archäologische Funde und Mauerreste aus der Römerzeit im Zentrum von Mainz deuten Wissenschaftler als ein ungewöhnliches Heiligtum. Ehemals geopferte Statuetten und Blei-Inschriften bezeugen hier eine Art von Voodoo-Kult, mit dem die einfache Bevölkerung ihren Wünschen und Verfluchungen Ausdruck verleihen wollte.
"Töte den, der mir das angetan hat!" So oder ähnlich könnte der Wunsch an die Götter gelautet haben, der eine kleine Tonstatuette begleitete, die Archäologen vor kurzem in der Mainzer Innenstadt fanden. Sie stammt aus einer Ausgrabung, die außerdem noch zahlreiche weitere interessante Funde ans Tageslicht brachte. Doch was hat es mit der Statuette auf sich? Sie lag flach und am Bauch zerbrochen im Boden. Dass sie männlich ist, war nicht zu übersehen: Ein überproportionaler Phallus stand den überraschten Archäologen entgegen. Das Erstaunliche an dieser äußerst plumpen und ohne jede Kunstfertigkeit gefertigten Figur war allerdings, dass der Oberkörper nicht in gleicher Richtung orientiert war wie der Unterkörper. Denn der zeigte nach oben, während die Nase im Dreck steckte. Die beiden Körperhälften hatte jemand nicht nur gewaltsam von einander getrennt, sondern auch gegeneinander verdreht vergraben.

Nach der Überzeugung von Gerd Rupprecht, dem Leiter der Grabung, handelt es sich um eine Verfluchung, eine Art Voodoo-Zauber, gegen den miniaturhaft Dargestellten. In römischer Zeit wurden Verbrecher nämlich ebenso bestraft: Man drehte sie bei ihrer Bestattung mit dem Gesicht nach unten, damit ihr "böser Geist" das unterirdische Gefängnis bloß nicht wieder verlassen möge. Ähnliches könnte auch für die Statuette gelten. Die genauere Deutung liegt allerdings jenseits des für die Archäologen Erfassbaren. Doch das betonte Glied der kleinen Skulptur drängt Rupprecht zu einer Vermutung: "Vielleicht wollte hier eine Frau ihre Vergewaltigung bestraft sehen, oder ihr Mann sollte für seinen Ehebruch sühnen."

Die Architektur in dem bisher ausgegrabenen Bezirk macht einen eher einfachen Eindruck. Lediglich ein paar Mauerzüge, ehemals wohl zur Unterteilung des heiligen Geländes angelegt, und einige rechteckig aufgemauerte Opfergruben sind zu erkennen. Das Außergewöhnliche an dieser Grabung aber ist die große Menge an Kleinfunden. Denn neben den Statuetten – eine zweite zeigt ein Liebespaar – fanden sich zahlreiche dünne Bleiplatten, auch als Fluchtäfelchen bezeichnet, die eingerollt oder zusammengefaltet wurden. Was diese Bleie zu Fluchtäfelchen macht, ist die Botschaft, die sie tragen. Auf ihnen finden sich Schriftzeichen, die als umgangssprachliches, einfaches Latein zu erkennen sind, ergänzt durch Symbole, die vielleicht von magischer Bedeutung waren.

Auch diese Fluchtäfelchen kennt man schon von anderen Fundorten. Auf ihnen standen ähnliche Wünsche und Verwünschungen, wie sie scheinbar auch die Statuette mitteilen will: "Beschaff mir einen Mann, und ich opfere Dir ein Schaf!", "Räche meinen Vater!" oder ähnliches. Welche Botschaften die Gläubigen einst im alten Mainz niedergeschrieben haben und an welche Götter sie sich richteten, das werden die Wissenschaftler erst dann erfahren, wenn sie die Bleie restauriert haben.

Eine ganze Reihe weiterer Funde wird im wahrsten Sinne des Wortes erst, nachdem sie unter die Lupe genommen wurde, weitere Erkenntnisse bieten können: Mehrere Kilo dunkel verfärbter Erde aus den Opfergruben lagern noch in den Depots und warten darauf, dass Botaniker sie genauer betrachten. Erste Untersuchungen ergaben bereits, das hauptsächlich pflanzliches Material, wie Äste, Zweige und Früchte, enthalten sind, aber auch einige kleine Öllampen und Tierknochen. Unter den größeren, bereits mit bloßem Auge erkennbaren Beigaben konnten auch mehrere exotische Früchte identifiziert werden: Feigen, Datteln und Pinienkernen bezeugen die guten Handelskontakte der römischen Zeit, die selbst eine Versorgung mit Gütern aus dem Mittelmeerraum erlaubte.

Aber was sagen alle diese Funde dem Archäologen über den Kult-Vorgang an dieser Stelle? Rupprecht ist sich sicher, dass er hier eine Art Heiligtum der einfachen Leute freigelegt hat, weshalb er sein Fundgebiet auch "Platz der Volksfrömmigkeit" nennt. Zu diesem heiligen Bezirk gelangten die Gläubigen offenbar über eine Straße, die mit Läden gesäumt war. Dort konnten sie rituelle Utensilien für ihre Kultausübung erwerben – beispielsweise die Öllämpchen, Terrakotten oder Früchte. Nach der Vorstellung des Ausgräbers gab es wahrscheinlich ein bauliches Zentrum der Anlage aus Stein oder aus Fachwerk, das bisher jedoch noch nicht lokalisiert ist. Auf der untersuchten Fläche befand sich ein Gemenge von brust- bis kopfhohen Umfriedungsmauern, die Areale eingegrenzten, welche einen Zugang besaßen und nach oben hin offen waren. Zuweilen stand in einem Areal ein Altar, an dem die Menschen ihre Opfer bringen konnten. Pfostenlöcher, die im Gelände nachgewiesen wurden, bezeugen mehrere Fachwerkbauten.

Der einfache Kultanhänger hob zur einmaligen Verwendung eine Erdmulde für seine Opfer aus. Darin formte er eine kleine Herdplatte oder umgab die Mulde mit Begrenzungssteinen. Er zündete Lampen und Weihrauch an. Vor der Feuerstelle kniend sang er Lieder oder betete. Um sich die Gottheit weiter gewogen zu machen, brachte er verschiedene Brandopfer (Getreide, Früchte oder Fleisch) dar und legte vielleicht ein Votiv, beispielsweise eine Tonstatuette, nieder. Das Zwiegespräch mit dem Gott oder der Göttin konnte beginnen...

Die Ausübung des Kultes begann im späten ersten Jahrhundert nach Christus und dauerte bis ins vierte Jahrhundert fort. Römische Münzen aus der obersten Grabungsschicht datieren die Endphase. Sie werden zur Zeit in Frankfurt weiter untersucht. Der heilige Bereich lag an einer wichtigen Verkehrsachse von Mogontiacum, dem römischen Mainz. Gleich südlich des Grabungsgeländes, entlang der heutigen Emmeransstraße, verlief die Straße vom Legionslager am Kästrich hinab zur Rheinbrücke.

Dass in dieser prominenten Lage nicht gesiedelt wurde, sondern ein Heiligtum entstand, könnte auf einen besonderen Umstand zurückzuführen sein: Hier befinden sich nämlich zwei keltische Hügelgräber samt Bestattungsresten aus der Zeit um 500 vor Christi Geburt. Wahrscheinlich waren die Erdhügel der Gräber noch in der römischen Zeit sichtbar, so dass die ersten "Mainzer" dort nicht siedeln wollten. "Bislang mussten wir davon ausgehen, dass die Römer die ersten waren, die in Mainz siedelten", so Rupprecht. Nun steht eine frühere Besitznahme durch die Kelten im Raum. "Doch für die 500 Jahre zwischen den Hügelgräbern und den Römern fehlt jegliche archäologische Spur – zeitlich existiert hier ein blinden Fleck."

Für die weitere Arbeit läuft den Archäologen inzwischen die Zeit davon. Die Mainzer Aufbaugesellschaft will an der Lotharpassage ein Wohn- und Einkaufsgebäude hochziehen und besteht auf ihren Zeitplan: Ende Juli sollen die Bagger der Baugesellschaft mit ihrer Arbeit beginnen. Bis dahin wollen die Archäologen alle Kulturschichten untersucht haben. Denn der Neubau wird mit seinen Fundamenten alles vernichten, was sie bis dahin nicht bergen konnten.

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