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Vor 40 000 Jahren: Machte uns Kunst zum modernen Menschen?

Vögel, Frauen, Löwenmenschen – in den Höhlen der Schwäbischen Alb fanden sich die ältesten Skulpturen der Welt. Diese Kunst könnte den Menschen erst so erfolgreich gemacht haben.
Zwei geschnitzte Tierfiguren aus Elfenbein auf schwarzem Hintergrund. Links ist eine Figur mit langen, eingravierten Linien, die an Flügel erinnern, während rechts eine kompaktere Figur mit abgerundeten Formen zu sehen ist. Beide Objekte scheinen sehr alt und handgefertigt zu sein.
Die etwa 40 000 Jahre alten Vogelfiguren aus Mammutelfenbein sind etwa zwei Zentimeter lang. Sie fanden sich in der Höhle Hohle Fels auf der Schwäbischen Alb.

35 Grad im Schatten – mitten in Europas Hitzewelle im Juni kommt Alexander Janas aus dem Hohle Fels heraus. In der Höhle bei Schelklingen im Südwesten Deutschlands zeigt das Thermometer neun oder zehn Grad Celsius. »Es ist wunderbar, drinnen zu sein«, sagt Janas, der als Archäologe am Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment in Tübingen arbeitet.

Es ist nicht nur die kühle Höhlenluft, die Janas, seine Kolleginnen und Kollegen jeden Sommer in den Hohle Fels lockt. In den vergangenen drei Jahrzehnten haben sie dort einen verblüffenden Fund nach dem anderen zutage gefördert. Einen Teil davon bilden virtuos geschnitzte Werke: etwa die älteste menschliche Skulptur der Welt – die circa 40 000 Jahre alte »Venus vom Hohle Fels« – und die frühesten bekannten Musikinstrumente.

Die Objekte gewähren einen Blick in die Vorstellungswelt einiger der frühesten Vertreter von Homo sapiens in Europa. Diese Menschen lebten in der Zeit des Aurignacien und zählten zu den Ersten, die gesichert Darstellungen von ihrer Umwelt hinterlassen haben. »Es ist fast so, als ob wir durch die Augen der Menschen im Aurignacien blicken und sehen, wie sie ihre Umgebung wahrgenommen haben«, erklärt die Archäologin Amy Clark von der Harvard University.

Ende Juli 2026 stellten Janas und seine Kollegen ihre neuesten Schätze vor: zwei winzige Vogelfiguren, die aus Mammutelfenbein geschnitzt worden waren, sowie Fragmente einer Flöte, gefertigt aus einem Geierknochen. Das Team hatte die Funde während der Grabungen im Jahr 2025 geborgen.

Flöte und Frauenfigur |

Die Flöte aus einem Gänsegeierknochen (rechts) fand sich weniger als einen Meter neben der berühmten »Venus vom Hohle Fels« (links).

»Diese Stücke haben etwas Magisches an sich«, sagt der Archäologe Nicholas Conard von der Universität Tübingen, der seit Ende der 1990er-Jahre die Ausgrabungen im Hohle Fels leitet. Laut Conard markiert die Kunstfertigkeit, die an den Stücken aus dem Hohle Fels und aus den umliegenden Höhlen erkennbar ist, einen Wandel in der kognitiven und kulturellen Komplexität von Homo sapiens. Möglicherweise verhalf genau sie den Menschen, im eiszeitlichen Europa zu bestehen und sich zu entfalten, während andere Gruppen nicht überlebten.

Conard hofft, seine Theorie überprüfen zu können: mithilfe alter DNA aus den Sedimenten des Hohle Fels. »Es ist das ultimative Labor«, so der Archäologe. »Warum ist es gerade hier geschehen? Was ist die treibende Kraft? Und wohin führt uns das?«

Eine Fundgrube an Kunstwerken

Zum allergrößten Teil stammen heutige Menschen von Populationen ab, die vor 300 000 bis 200 000 Jahren in Afrika hervorkamen. Die Besiedlung der Welt nahm jedoch viel Zeit in Anspruch. Den ältesten eindeutigen Nachweis für Homo sapiens in Europa lieferten Überreste, die mehr als 45 000 Jahre alt sind. Archäologische Funde und genetische Belege deuten darauf hin, dass diese frühen Entdecker jedoch wieder verschwanden. Spätere Wellen von Jägern und Sammlern, die bereits mit der Technologie des Aurignacien vertraut waren – mit Geschossspitzen aus Knochen oder Elfenbein und langen Steinklingen etwa –, tauchten vor etwa 43 000 Jahren auf und breiteten sich anschließend über den gesamten europäischen Kontinent aus. Ab dem Aurignacien kamen Kunst und andere Formen des symbolischen Ausdrucks überall dort auf, wo die europäischen Jäger und Sammler umherstreiften.

Auf Tauchgang? |

In den frühen 2000er-Jahren entdeckten die Archäologen diese Figur eines Wasservogels im Hohle Fels.

Der Hohle Fels liegt im Tal der Ach, einem kleinen Fluss in der Schwäbischen Alb, die mit ganz ähnlichen Höhlensystemen übersät ist. Bevor Conard im Hohle Fels zu forschen begann, war die Fundstätte bereits seit mehr als einem Jahrhundert immer wieder untersucht und Partien ausgegraben worden. Bei diesen Arbeiten kamen Knochen von Mammuts oder Rentieren und Steinwerkzeuge zum Vorschein. In anderen Höhlen der Schwäbischen Alb fanden sich zudem Figuren aus Elfenbein, darunter die 31 Zentimeter hohe Statuette des sogenannten Löwenmenschen: Sie ist etwa 40 000 Jahre alt und lag in der nahegelegenen Höhle Hohlenstein-Stadel. Einst, so Conard, hielt man diese Kunstwerke für seltene Funde.

Seit 1997 gräbt sein Team im Hohle Fels und stieß dabei auf die Figuren eines Wasservogels, eines Pferds, eines Otters und eines zweieinhalb Zentimeter großen »Kleinen Löwenmenschen«; außerdem fanden die Archäologen dort auch die in Fragmente zerbrochene Venus. All diese Stücke waren aus Mammutelfenbein geschnitzt worden. Etwa 70 Zentimeter von der Venus entfernt lag eine fast vollständige Flöte, die aus dem Knochen eines Gänsegeiers (Gyps fulvus) gefertigt worden war. Alle Funde stammen aus einer Schicht, die dem Aurignacien zugeordnet wird. Ihr Alter: bis zu 42 500 Jahre.

Diese explosionsartige Fülle an Kunstwerken ist einzigartig. Figürliche Kunst, die ein Bild der realen Welt wiedergibt und älter ist als die Figuren und Flöten von der Schwäbischen Alb, gibt es sonst nur in Indonesien. Es sind Höhlenmalereien – dazu gehört beispielsweise das Bild von menschlichen Figuren und einem Wildschwein auf Sulawesi, das auf ein Alter von mindestens 51 200 Jahren datiert wird.

Grabung im Hohle Fels |

Immer nur in einem kleinen Bereich heben die Archäologen jeweils Schichten von etwa zwei Zentimetern heraus. Das Sediment wird anschließend gewaschen, gesiebt und dabei nach Funden durchsucht.

Ins Netz gegangen

Alle Stücke, die Conards Team aus dem Hohle Fels geborgen hat, stammen aus einer acht mal neun Meter großen Kammer nahe dem Höhleneingang. Janas und seine Kollegen graben dort jeweils in kleinen Quadranten, heben zwei bis drei Zentimeter tief Sediment aus und sichern das gesamte Erdreich, um es später mit Wasser durch ein feines Sieb zu filtern. Die beiden neuen, zwei bis drei Zentimeter kleinen Vogelfiguren gingen auf diese Weise ins Netz. Die Tierfigürchen ähneln einer den Fasanen verwandten Gattung, den Schneehühnern (Lagopus sp.). Der eine Vogel scheint eine ruhende Pose einzunehmen; der andere hat seine Flügel ausgebreitet, möglicherweise ist er im Gleitflug abgebildet.

Die Paläontologin Elisa Luzi von der Universität Tübingen identifizierte einen der Neufunde, als sie 2025 gemeinsam mit Quentin Schäfer, der heute als Grabungstechniker am Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg tätig ist, das gesiebte Sediment nach Mikrofossilien von Nagetieren und anderen kleinen Tieren durchsuchte. Obwohl der Statuette ein Flügel fehlt, sei sofort zu erkennen gewesen, dass es sich um einen Vogel handelte. »Wenn man diese Figur sieht, spürt man die Menschlichkeit des Ganzen«, berichtet Luzi. »Seit 40 000 Jahren hat niemand diese Objekte gesehen, und wir sind die Ersten, die das tun. Es ist ein Privileg.«

Auch Amy Clark staunte, als Nicholas Conard ihr per E-Mail Bilder der beiden Vogelfiguren schickte. Für Clark sind die zwei Statuetten »erstaunlich lebensecht und ausdrucksstark«. Wenn man an die Menschen denke, die sie gefertigt hätten, werde deutlich, »wie sehr sie von diesen Tieren fasziniert waren«, sagt die Archäologin. Warum sie die Figürchen gefertigt hatten, darüber könne man aber nur spekulieren.

Erinnerungsstücke, Gruppensymbol oder Spielzeug?

»Diese Objekte wurden mit einem anderen Zweck als dem bloßen Vergnügen geschaffen«, ist sich Daniel Adler sicher; er ist Archäologe an der University of Connecticut in Storrs und Experte für die Altsteinzeit. Mit den kleinen Kunstwerken haben die Menschen vielleicht Erinnerungen festgehalten, vermutet Adler, oder ihre Gruppenzugehörigkeit zum Ausdruck gebracht. Lyn Wadley, Spezialistin für afrikanische Archäologie an der University of the Witwatersrand in Johannesburg, geht davon aus, dass Stücke wie die Venus- und die Vogelfiguren bei Übergangsriten, unter anderem im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt, einen Nutzen hatten. Die Kerben auf einigen Figuren erinnern sie an rituelle Skarifizierung, also das Einritzen und Vernarben von Motiven in der Haut.

Eiszeitkunst |

Die Vögel aus Mammutelfenbein sind winzig, in etwa so groß wie ein Daumennagel. Die beiden Figuren sind jeweils oben und unten in drei Ansichten zu sehen.

Wie viel Sorgfalt und Handwerkskunst in den Figuren stecken, verraten moderne Nachbildungen. Melissa Stannard vom Queensland Museum im australischen Brisbane ist Künstlerin und gehört der indigenen Gemeinschaft der Yuwaalaraay und Gamilaraay an. Aus einem Hirschgeweih und anderen Materialien hat sie die Venusfigur nachgebildet. Dabei verwendete sie solche Werkzeuge, die auch den frühen Jägern und Sammlern zur Verfügung standen. Zusammen mit der Archäologin Michelle Langley von der Griffith University in Brisbane vermutet sie, dass solche Objekte möglicherweise als Spielzeug oder als Hilfsmittel dienten, um Geschichten über das Muttersein zu erzählen. Der Archäotechniker Wulf Hein benötigte mehr als 360 Stunden, um aus legal erworbenem Elefantenelfenbein eine Kopie des Löwenmenschen zu fertigen.

Es sei ebenjene kulturelle und künstlerische Komplexität, die nach Conards Ansicht eine Wende in der Entwicklung des Homo sapiens markierte. »Dies scheint ein Punkt in der menschlichen Evolution zu sein, an dem wir wissen, dass diese Menschen wie wir selbst waren.« Anfang der 2000er-Jahre entwickelten er und sein Kollege Michael Bolus ein Modell namens Kulturpumpe. Die These dahinter: Bei den Menschen auf der Schwäbischen Alb lösten mehrere Faktoren wie eine größere Bevölkerungsdichte und die Konkurrenz um Ressourcen eine Kulturexplosion aus. Danach verbreiteten sich die neuen Ideen in ganz Europa und darüber hinaus. Die späteren Jäger und Sammler schufen viel mehr figürliche Kunst, betont Conard, davor hingegen an früheren Fundstätten gebe es kaum Funde dieser Art.

Sphärisches Flötenspiel im Hohle Fels

Als Cosimo Posth zum ersten Mal den Hohle Fels betrat, erlebte er ein Konzert wie kein anderes. Posth, der heute ein Labor für Archäo- und Paläogenetik an der Universität Tübingen leitet, besuchte die Höhle während seiner Promotion in Archäologie. Er stand in der Hauptkammer, als das Grabungsteam die Aufzeichnung eines Flötenspiels abspielte. Nicht irgendein Blasinstrument erklang im Höhlenraum, sondern die Musik einer nachgebildeten Flöte aus dem Aurignacien von der Schwäbischen Alb. Der Sound, der von den Höhlenwänden widerhallte, sei sphärisch gewesen, erinnert sich Posth. »Ich wurde 40 000 Jahre in die Vergangenheit katapultiert.«

Nun arbeitet er gemeinsam mit Conard daran, die Sedimente der Höhle paläogenetisch zu untersuchen – in der Hoffnung, eine große Lücke in den DNA-Daten zu schließen. Bislang sind nur zwei menschliche Genome aus der Zeit des Aurignacien veröffentlicht und beide stammen aus dem späten Abschnitt der Epoche, vor etwa 35 000 Jahren. Diese Menschen waren genetisch eng mit Gruppen aus dem späteren Gravettien verwandt, jener Phase, die auf das Aurignacien folgte. Dennoch wissen die Fachleute nichts über die Herkunft der frühesten Populationen des Aurignacien – einschließlich jener Leute, die Kunst im Hohle Fels schufen.

Höhleneingang |

Im Achtal in Baden-Württemberg liegt die Höhle Hohle Fels.

Weder dort noch in den benachbarten Höhlen haben sich bisher menschliche Überreste aus dieser Zeit gefunden. Ebenso blieb die Suche nach alter menschlicher DNA auf der Oberfläche der Elfenbein- und Knochenstücke erfolglos. Jetzt hoffen die Fachleute, dass sie mit der Sequenzierung von alter DNA aus den Sedimenten Conards Kulturpumpen-Theorie überprüfen können – wenn sie denn herausfinden, wer im Hohle Fels lebte und ob die Bewohner Nachkommen hinterlassen haben.

Warum schufen die Menschen Kunst?

Es sei plausibel, dass Gruppen des frühen Aurignacien, die im Hohle Fels lebten, genetisch zu späteren Jägern und Sammlern beigetragen haben, erklärt Adler. »Wir müssen diese Hypothesen überprüfen.« Er bezweifelt jedoch, ob eine biologische Verbindung den Forschern viel über die Entstehung der figürlichen Kunst auf der Schwäbischen Alb – oder aber ihr Fehlen an anderen Orten – verraten würde. Frühmenschen wie die Neandertaler verspürten womöglich nicht das Bedürfnis, sich auf ähnliche symbolische Weise auszudrücken; oder sie taten es mit Methoden, die keine Zeugnisse hinterlassen haben.

Die im Juli 2026 vorgestellten Vogelfiguren seien zu beeindruckend, als dass sie einen Anfang markieren könnten, sagt Adler. »Hohle Fels ist kein Endpunkt, sondern ein Zwischenschritt in der Ausbreitung einer Population, die bereits über ein vollständig entwickeltes Kunstrepertoire verfügte, als sie in diese Region Westeuropas gelangte.«

Posths und Conards Studien sind Teil eines größeren Forschungsvorhabens. Die Wissenschaftler wollen mithilfe der Sediment-DNA von Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen aus der gesamten Höhle mehr über das Alltagsleben im Hohle Fels vor 40 000 Jahren herausfinden. Clark hofft, dass sich zeigen lässt, wie die Menschen die Höhle nutzten: etwa, wo sie Feuer machten oder ihre Abfälle hinterließen, wann sie dort lebten und wie lange. »Wie sah das Leben in der Höhle genau aus?«, überlegt Clark. »Haben sie den ganzen Winter dort verbracht, sich dort verschanzt und eine ganze Reihe dieser wunderschönen Kunstobjekte gefertigt?«

Neben den Vogelfiguren und der Knochenflöte holten die Archäologen 2025 Hunderte von Steinwerkzeugen aus dem Hohle Fels, Dutzende Elfenbeinperlen und mehrere verzierte Tierzähne. Die diesjährigen Grabungen sollen bis Ende August laufen, doch die Funde werden die Archäologen wahrscheinlich noch Monate beschäftigen, sagt Janas. »Die Fundstücke aus dem Boden zu holen, ist nur der Anfang.«

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  • Quellen

Conard, N. et al., Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2025, 2026

Conard, N., Bolus, M., Journal of Human Evolution 10.1016/S0047–2484(02)00202–6, 2003

Hajdinjak, M. et al., Nature 10.1038/s41586–021–03335–3, 2021

Hein, W., L'Anthropologie 10.1016/j.anthro.2018.05.001, 2018

Stannard, M., Langley, M., Cambridge Archaeological Journal 10.1017/S0959774320000207, 2021

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