Direkt zum Inhalt

News: Vorsicht! Ansteckender Planet!

Mit äußerster Akribie bemühen sich irdische Wissenschaftler und Ingenieure, Raumsonden vor ihrem Start ins Weltall zu sterilisieren, damit diese Abgesandten unseres Planeten keine verunreinigenden Bakterien mitschleppen. Die Mühe ist womöglich umsonst.
ErdeLaden...
Algerien am Ende des 19. Jahrhunderts. In der falsch verstandenen Männlichkeit jener Epoche treffen ein französischer Hauptmann und ein russischer Graf Vorbereitungen, sich gegenseitig wegen einer Nichtigkeit mit Partikelwaffen den Garaus zu machen. Doch es sollte anders kommen. Unbemerkt von den sonst so aufmerksamen Astronomen rast ein Komet aus Gold auf die Erde zu, kollidiert mit ihr und schleudert das nordafrikanische Land, ein wenig Mittelmeer sowie Gibraltar samt Maus, Soldaten, Grafen und was sonst gerade zugegen war, in das Weltall hinaus. Die "Reise durch das Sonnensystem" beginnt, und der französische Sciencefiction-Autor Jules Verne lässt seine Helden manches Abenteuer durchstehen, bevor er sie zu guter Letzt mit ihrem Stückchen Erde wieder so exakt zurückkehren lässt, dass niemand der Daheimgebliebenen ihren Erzählungen glauben mag.

Auch unsere zeitgenössischen Wissenschaftler würden abraten von dem Versuch, den Schwung eines kosmischen Zusammenstoßes für einen Flug ins Weltall zu nutzen. Nicht aus Ermangelung an Gelegenheit – die Erde hat in ihrer Geschichte sicherlich viele Kollisionen durchgemacht, bei der Materie in den Raum geschleudert wurde. Das Problem läge vielmehr darin, die Prozedur und die Reise lebend zu überstehen. Schon die Wucht des Aufpralls wäre für jede höhere Lebensform tödlich. Allenfalls Kleinstlebewesen könnten das eventuell wegstecken. Ob sie jedoch glücklich darüber wären, ist höchst zweifelhaft, denn kaum haben sie die schützende Atmosphäre und den Magnetmantel der Erde verlassen, prasseln unerbitterlich die Teilchen- und elektromagnetische Strahlung der Sonne und des Kosmos auf sie ein. Im Schnitt "dürften die Gesteinsbrocken etwa dann steril sein, wenn sie das Sonnensystem verlassen", schätzt der Astronom William Napier vom Armagh Observatory in Nordirland.

Trotz der wenig rosigen Aussichten glaubt Napier dennoch, dass Mikroorganismen es unter bestimmten Bedingungen in einem lebensfähigen Zustand bis zu benachbarten Planetensystemen schaffen könnten. Was sie bräuchten, wären gewisse biologische Fähigkeiten und günstige physikalische Umstände. Dann stünde einer erfolgreichen Reise und Besiedelung ferner Welten im Prinzip nichts mehr im Wege – eine Idee, die als "Panspermie" etwa seit Jule Vernes Zeiten die Runde macht.

Beginnen wir mit der Biologie. Extreme Hitze und Kälte, Trockenheit, Strahlung, Nahrungsmangel – das bringt auf die Dauer selbst hartgesottene Bakterien um. Für den Fall, dass die Umgebung so richtig feindselig wird, hat die Natur darum die Sporen entwickelt. Diese auch Endosporen genannte Dauerform ist hart im Nehmen. Eingebettet in einen mehrschichtigen stabilen Mantel aus Zuckern, Aminosäuren und Proteinen, umgeben von Calcium und speziellen organischen Säuren, in einem Medium, das kaum noch Wasser enthält, liegt die Erbsubstanz des Bakteriums fest verpackt zusammen mit den wichtigsten Enzymen. Klinisch gesehen ist eine Spore eigentlich tot, denn auch mit empfindlichen Methoden lässt sich keinerlei Stoffwechselaktivität nachweisen. Sie ist weitgehend unempfindlich gegen Temperaturextreme, ultraviolette und ionisierende Strahlung sowie eine Reihe toxischer Chemikalien. Erst, wenn sich die Verhältnisse irgendwann einmal ändern – und sei es auch Jahrzehnte später – regt sich die Spore. Innerhalb kürzester Zeit wirft sie ihren Metabolismus an und keimt, bald darauf hat sich die erste Bakterienzelle entwickelt, bereit, die neue Umgebung zu besiedeln.

Diese erreichen die Sporen aber nur dann, wenn zuvor die Physik gestimmt hat. Konkret bedeutet dies nach Berechnungen von Napier, dass die Bakteriensporen auf Staubteilchen als Gefährt durch den Raum reisen. Entweder starten sie von Anfang an auf entsprechend kleinen Körnchen, oder sie setzen auf die Hilfe des so genannten zodiakalen Staubs, der als Überbleibsel von anderen kosmischen Kollisionen und vorbeiziehenden Kometen das Sonnensystem erfüllt. Wie ein Sandstrahlgebläse kann dieser Staub einen Felsbrocken von einem Meter Durchmesser in 20 000 bis 200 000 Jahren auf einen Zehntel Millimeter herunterschleifen. Kommt gerade ein Komet vorbei, der frisches Schmirgelmaterial bringt, kann die Zeit sogar auf ein paar Jahrhunderte herabsinken.

Die abgeschliffenen winzigen Körnchen-Taxis hätten gegenüber größeren Brocken den Vorteil, dass sie den Impuls des Sonnenlichts als Antrieb nutzen können. In nur 70 000 Jahren, so hat Napier berechnet, könnte der Staub mit den Bakteriensporen rund sechs Lichtjahre zurückgelegt haben – genug, um andere Sterne zu erreichen.

Es ist denkbar, so Napier, dass eine gewaltige "Bio-Scheibe" von tiefgefrorenen Sporen auf kleinsten Körnchen die Erde weiträumig umgibt. "Das Sonnensystem ist so undicht wie ein Sieb", sagt er. Die Samen des Lebens könnten beliebig hinaus oder hinein fliegen. Vielleicht hat die Erde auf diesem Weg bereits andere Planeten mit Leben infiziert. Oder sie ist umgekehrt von Staub aus dem Weltall angesteckt worden.

Angenommen, der panspermische Prozess funktioniert tatsächlich so gut, wie Napier und Befürworter meinen – dann wäre anzunehmen, dass jeder halbwegs geeignete Planet in mittlerer Entfernung bakteriell besiedelt war, ist oder sein wird. Und außerdem wären wir alle miteinander verwandt. Zwar nur entfernt, aber immerhin gäbe es schon einmal eine gemeinsame biochemische Grundlage. Und das wäre doch ein viel versprechender Anfang für eine angenehme Nachbarschaft.

Lesermeinung

Beitrag schreiben

Wir freuen uns über Ihre Beiträge zu unseren Artikeln und wünschen Ihnen viel Spaß beim Gedankenaustausch auf unseren Seiten! Bitte beachten Sie dabei unsere Kommentarrichtlinien.

Tragen Sie bitte nur Relevantes zum Thema des jeweiligen Artikels vor, und wahren Sie einen respektvollen Umgangston. Die Redaktion behält sich vor, Leserzuschriften nicht zu veröffentlichen und Ihre Kommentare redaktionell zu bearbeiten. Die Leserzuschriften können daher leider nicht immer sofort veröffentlicht werden. Bitte geben Sie einen Namen an und Ihren Zuschriften stets eine aussagekräftige Überschrift, damit bei Onlinediskussionen andere Teilnehmer sich leichter auf Ihre Beiträge beziehen können. Ausgewählte Lesermeinungen können ohne separate Rücksprache auch in unseren gedruckten und digitalen Magazinen veröffentlicht werden. Vielen Dank!

Partnervideos