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Naturkatastrophen: Wenn der Vulkan Schicksal spielt

Die antarktische Insel Ardley beheimatet eine sehr lebendige Pinguinkolonie. Doch regelmäßig wird sie ausgelöscht – wenn ein Vulkan in der Nachbarschaft zum Leben erwacht.
Eselspinguine auf Ardley

Die kleine antarktische Insel Ardley beherbergt seit mindestens 6700 Jahren eine lebhafte Kolonie an Eselspinguinen (Pygoscelis papua) – sie ist einer der ältesten und größten bekannten Brutplätze der Art. Aber im Lauf der Jahrtausende wurden die Bewohner immer wieder von dem Eiland vor der Antarktischen Halbinsel vertrieben, wie Stephen Roberts vom British Antarctic Survey (BAS) und sein Team in "Nature Communications" darlegen: Mehrfach brach der nahe gelegene Vulkan von Deception Island aus und verjagte die Vögel langfristig aus ihrer Heimat, wie die Wissenschaftler anhand von Bodenproben belegen können. "Als wir die Sedimentbohrkerne das erste Mal untersuchten, haute uns der intensive Guanogestank mancher Schichten um", beschreibt Roberts das Erlebnis.

Eselspinguin auf Ardley
Eselspinguin auf Ardley | Diese Art brütet in Steinnestern auf eisfreiem Gelände. Im Gegensatz zu anderen Pinguinspezies profitiert sie daher vom Eisrückgang in der Antarktis – außer Vulkane brechen aus und begraben alles unter Asche.

Die teils sehr mächtigen Guanolagen wurden allerdings durch drei größere Ascheschichten unterbrochen – Zeugnis von mindestens drei großen Eruptionen auf Deception Island. "Damals war der Bestand jeweils ungefähr so groß wie heute, wie wir anhand der Bodenchemie abschätzen konnten. Doch die Populationen wurden durch die Ausbrüche stets völlig ausgelöscht", so Roberts. Ein Abgleich mit Luft- und Wassertemperaturdaten sowie mit Analysen zur Meereisbedeckung erbrachte dagegen keine Zusammenhänge: Die Kolonie starb also nicht aus, weil sich das Klima abkühlte und die Tiere durch ausgedehntes Eis von Ardley Island abgeschnitten wurden, sondern durch einzelne Naturkatastrophen. "Ein Ausbruch kann Küken unter giftiger und scharfkantiger Asche verschütten. Und während die Alttiere problemlos ins Meer flüchten, bleibt dies dem Nachwuchs verwehrt: Das Gefieder der jungen Tiere ist nicht wasserdicht, so dass sie auskühlen", erklärt die an der Studie beteiligte Pinguinforscherin Claire Waluda vom BAS.

Gravierender wirkte sich jedoch aus, dass die Eselspinguine für längere Zeit keine Nester mehr in den lockeren Vulkansedimenten anlegen konnten, da sie bevorzugt zwischen niedriger Vegetation – etwa Grasbüscheln – nisten. Womöglich vergiftete die Asche zudem die Nahrungsgründe im Meer, weshalb die Vögel zur Futtersuche abwandern mussten. Jedenfalls gaben sie Ardley nach diesen drei großen Ausbrüchen auch stets für mehrere hundert Jahre als Nestkolonie auf. "Durchschnittlich hat es 400 bis 800 Jahre gedauert, bis sich die Pinguine wieder dauerhaft auf der Insel ausbreiten konnten", so Waluda. Da Pinguine Koloniebrüter sind, suchen sie die Nähe zu Artgenossen. Entsprechend schlecht etablieren sich neue Kolonien, und sie wachsen auch nur langsam. Gegenwärtig umfasst der Bestand wieder mehr als 5000 Brutpaare, denen zumindest durch den Vulkan mittlerweile eine geringere Gefahr droht: Seine Ausbrüche wurden im Lauf der letzten Jahrtausende schwächer. Allerdings lassen sich die geologischen Prozesse in der Region wegen der schlechten Zugänglichkeit und den oft extremen Bedingungen nur schlecht untersuchen.

Wie viele andere Seevögel leben Eselspinguine relativ lang: Sie können ein Alter von 15 bis 20 Jahren erreichen. Deshalb verkraftet die Art den Ausfall einzelner Brutzeiten. Katastrophale Ereignisse treten in der Region regelmäßig auf. 2016 etwa bangten Biologen um eine Million Zügelpinguine (Pygoscelis antarctica), die sich auf der Zavodovski-Insel im Südatlantik mauserten, als der Vulkan des Eilands ausbrach. Wegen des Gefiederwechsels konnten die Vögel nicht ins Wasser. Ebenfalls 2016 blockierte ein massiver Eisberg den Zugang zu einer Kolonie von Adeliepinguinen (Pygoscelis adeliae). Sie gaben den Platz auf und schlossen sich wahrscheinlich anderen Kolonien an. Die Zahl der Eselspinguine nimmt jedenfalls seit rund 30 Jahren rund um die Antarktische Halbinsel zu: Die Tiere sind nicht auf Packeis zum Nisten angewiesen und profitierten wohl von der Jagd auf Wale. Wie diese fressen Eselspinguine Krill – und nutzten den deutlichen Rückgang der Meeressäuger.

15/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 15/2017

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