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Zukunft der Stadt: Wachsen und Schrumpfen liegen nah beieinander

Während einige deutsche Metropolen allmählich aus allen Nähten platzen, schrumpfen viele andere Städte zusammen. Beide Entwicklungen werden uns in Zukunft noch vor Herausforderungen stellen, prophezeien Geografen und Raumforscher.
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20. Juli 2037. Jonas checkt in seine Wohnung in Berlin Mitte ein. Er war lange nicht da, in der Zwischenzeit haben andere hier gewohnt: Die Manager teilen sich die Wohnung wie eine WG, nur dass sie nie gleichzeitig dort sind. Eigene Wohnungen leistet sich hier fast keiner mehr – sie sind nicht nur teuer, sondern auch Mangelware. Und wieso auch? Dank weitsichtiger Planung konnte Jonas die vergangenen sechs Wochen zu Hause arbeiten und die wertvolle Freizeit mit seiner Familie in München verbringen statt auf Flughäfen, Bahnhöfen und Autobahnen. Jetzt steht in der Firma des Finanzmanagers eine große Entscheidung über Investitionen in Millionenhöhe an. So etwas regelt man auch 2037 ungern über Videokonferenzen. Das Unternehmen hat die Führungskräfte zum Meeting nach Berlin gerufen. Die Hemden, die er nach dem letzten Meeting verschwitzt im Bad liegen ließ, hängen nun gewaschen und gebügelt im Schrank, im Kühlschrank steht Essen für zwei Tage. Dann wird Jonas wieder nach Hause fliegen.

Was für uns eher noch futuristisch klingt, ist in anderen Großstädten der Welt wie New York oder Tokio heute schon üblich. Solche Formen des Wohnens werden als eine Folge ständig wachsender Städte auch bei uns bald kommen, glaubt Tim Freytag, Professor für Humangeografie an der Universität Freiburg: "Die Nachfrage nach temporären Wohnräumen wird weiter steigen." Die Prognosen sind eindeutig: Die großen deutschen Städte werden weiter wachsen, was sie schon heute spürbar an ihre Grenzen bringt: Immobilienpreise schnellen in die Höhe, der Berufsverkehr kollabiert regelmäßig.

Dabei gab es schon schlimmere Wachstumsphasen in Deutschland: In der Zeit der großen Industrialisierung vor dem Ersten Weltkrieg explodierten die deutschen Städte geradezu. Die Folge davon war die Politik der Eigenheime im Grünen der 1960er und 1970er Jahre. Inzwischen zieht es die Menschen wieder zurück in die Stadt. Es gibt nicht nur weniger dieser klassischen "Wüstenrot-Familien", die Städte sind auch für sie wieder attraktiver geworden, beobachtet Rainer Danielzyk von der Akademie für Raumforschung und Landesplanung in Hannover: "Wenn beide arbeiten, braucht man gut erreichbare Standorte. Das führt zu einer starken Nachfrage in den Kernstädten."

Politik begünstigt unkontrolliertes Wuchern

Nur wie kriegt man diese Menschen alle unter? "Man kann in den Grenzen der Stadt nicht unendlich nachverdichten", sagt Freytag. Damit eine Stadt nicht unkontrolliert wuchert und sich um sie herum kein Flickenteppich an Neubaugebieten bildet, muss eine Region als eine Einheit denken und handeln. Das scheitert in Deutschland allerdings oft am politischen Zuschnitt der Räume. "Man denkt nicht als Region, sondern als Kommune", beobachtet Freytag. Gerade wenn es um Geld geht wie bei der Gewerbesteuer, werde es besonders problematisch. Und auch in anderen Entscheidungen haben die kleineren Kommunen rund um die großen Städte, deren Bürgermeister zudem häufig ein anderes Parteibuch haben, die Befürchtung, überstimmt zu werden: "Sie haben Angst, dass beispielsweise die Mülldeponie auf ihr Gebiet kommt." Zentral für die Zukunft sei deshalb, dass andere gesellschaftliche Akteure Regionen mitgestalten: beispielsweise Unternehmen oder Bürgerinitiativen, "für die die Welt nicht an der Stadtgrenze aufhört".

Je attraktiver städtische Räume werden, desto teurer werden sie auch. "Es ist eine Herausforderung, diesen Prozess sozialverträglich zu gestalten, damit niemand rausgedrängt wird", sagt Freytag. Hier muss die Stadtplanung die ökonomische Steuerung relativieren, die sich allein durch Angebot und Nachfrage ergibt. Dazu kommt, dass viele Städte ihre Wohnungsbaugesellschaften verkauft haben und private Investoren auf hochpreisige Wohnungen setzen. "Der soziale Wohnungsbau muss von Bund und Ländern noch viel stärker gefördert werden", fordert Danielzyk. Zudem gebe es neue Ansätze der Städte, die beispielsweise Investoren auferlegen, bei jedem Neubauprojekt auch einen bestimmten Anteil an Sozialwohnungen zu bauen.

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Es wird eng! | Platz für unbegrenzt viele Menschen bieten auch Großstädte nicht. Schon heute bricht in vielen Metropolen pünktlich zur Feierabendzeit das Verkehrschaos aus.

Aber nicht nur der teure Wohnraum ist ein Problem wachsender Städte: "Auf den innerstädtischen Räumen lastet ein großer Nutzungsdruck", sagt Tim Freytag. Zu den Bewohnern kommen Touristen und Menschen, die in den Städten arbeiten. Die Folge: Nicht nur die Immobilienpreise steigen, auch das alltägliche Leben wird teurer. Die Einheimischen meiden die Innenstadt, weil der Kaffee in der Fußgängerzone so viel kostet wie anderswo ein ganzes Mittagessen. Diese Nutzungskonflikte zu lösen, das sieht Freytag als eine der größten Herausforderungen für die wachsenden Metropolen. Er prognostiziert die "multilokale Gesellschaft": Wir arbeiten und leben zwar nicht mehr unbedingt getrennt, nutzen aber verschiedene Arbeits- und Wohnorte.

Temporäre Stadtstrände und Spielstraßen am Wochenende

Freitagabend: Jonas hat sein Meeting in Berlin hinter sich gebracht. Jetzt nach Hause? Die "Und-nun?"-App rät ihm, einen kleinen Umweg einzulegen: Auf der Stadtautobahn ist Stau, die Großstädter fahren in die Ferien, der nächste Flug nach München ist überbucht, mit dem Zug schafft er die Strecke heute nicht mehr. "Nur ein Kilometer entfernt: Stadtstrand gerade geöffnet", vermeldet die App, "noch freie Plätze an der Bar." Nach einem Drink könne er gemütlich mit dem Nachtzug nach München reisen, das Bett reserviert ihm die App mit einem Klick. Sie rät ihm obendrein zu einem Leihfahrrad, da einige der großen innerstädtischen Straßen in Berlin wie jedes Wochenende gesperrt sind. Fußgänger, Radfahrer und spielende Kinder nutzen den Raum.

"Wenn beide arbeiten, braucht man gut erreichbare Standorte. Das führt zu einer starken Nachfrage in den Kernstädten"(Rainer Danielzyk)

Freytag sieht in solchen Modellen die Zukunft. Während für Nutzungskonflikte klassischerweise rein räumliche Lösungen gesucht würden, beispielsweise Wohnen, Arbeiten und Tourismus in getrennten Stadtvierteln zu verorten, genüge das in Zukunft nicht mehr. "Der Nutzungsdruck wächst, man braucht integrierte Konzepte in Raum und Zeit." In Städten wie Paris gibt es bereits temporäre Fußgängerzonen und vorübergehend eingerichtete Stadtstrände, wenn in den Sommerferien große Teile der Bevölkerung ans Meer gefahren sind. "Die Stadt ist dann ziemlich entleert, und man versucht, vorhandene Kapazitäten für die Daheimgebliebenen und für die Touristen besser zu nutzen." Die digitalen Medien helfen den Menschen dabei, auf dem aktuellen Stand zu bleiben.

Beste digitale Möglichkeiten

Aber es gibt auch die andere Seite der Medaille: Während die Infrastrukturen der großen Metropolen dem Ansturm nicht gewachsen sind, können die schrumpfenden Städte die ihren kaum aufrechterhalten. "Das Schrumpfen hinterlässt oft unwirtliche Situationen", sagt Claus Wiegandt, Professor für Stadt- und Regionalforschung an der Universität Bonn. Irgendwann werden die ersten Buslinien eingestellt, die sich nicht mehr lohnen, Geschäfte schließen, Unternehmen wandern ab. Je mehr Ruinen und Baulücken vorhanden sind, umso unattraktiver wird eine Stadt zudem. Diese Polarisierung zwischen wachsenden und schrumpfenden Städten sei eine Gefahr, so Wiegandt: "Wenn nur die Bevölkerung zurückbleibt, die nicht so mobil ist, ist das sozial ungünstig." Das gelte nicht nur für die neuen Bundesländer, auch im Westen gibt es inzwischen genügend Beispiele. So geht in Nordrhein-Westfalen die Schere immer weiter auseinander: Auf der einen Seite stehen die wachsenden Metropolen wie Bonn, Köln, Düsseldorf, Münster und Aachen, auf der anderen Seite ihre schrumpfenden Nachbarn wie Wuppertal, Hagen, Mönchengladbach und Gelsenkirchen. Laut einer Prognose des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung verschärft sich diese Tendenz bundesweit bis 2030 zunehmend.

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Wohnen im Grünen | Ländliche Gegenden verlieren langsam ihren Reiz. Immer mehr Menschen zieht es zurück in die Städte.

Schrumpfende Gemeinden müssen noch stärker als bisher unterstützt werden, findet Wiegandt – auch im Interesse der wachsenden Städte, die aus allen Nähten platzen. Beispielsweise brauchten diese viel dringender schnelles Internet als die großen Metropolen: Wegfallende Infrastruktur wie der Einzelhandel könnte hierdurch zumindest ansatzweise ersetzt werden. Auch Telearbeitsplätze hängen von einer guten Verbindung ab, ebenso wie die moderne Telemedizin, dank derer Patienten überwacht werden können, ohne dass sie ständig lange Strecken in die nächste Klinik fahren müssen. Nicht zuletzt können betroffene Städte die verbliebenen Unternehmen nur mit besten Bedingungen halten – und dazu gehören auch schnelle Leitungen. Aktuell stehen die schrumpfenden Städte bei der Nutzung digitaler Möglichkeiten aber ganz hinten, wie Wiegandts Studie ergeben hat: In einem Ranking der 25 größten deutschen Gemeinden zur Digitalisierung gehörten bis auf eine Ausnahme (Wuppertal) wachsende Städte zu den Top 10, die schrumpfenden lagen hinten.

Kluges Schrumpfen

Wer Stadt- und Regionalplaner nach Beispielen für Städte fragt, die erfolgreich mit dem Schrumpfen umgehen, bekommt immer wieder Altena genannt. Die Stadt im Märkischen Kreis in Nordrhein-Westfalen gilt als Beweis dafür, dass eine kluge Schrumpfungspolitik erfolgreich sein kann. Während das anderswo ein Tabuthema sei, habe sich Altena nie versteckt, sagt Danielzyk. Die Gemeinde hat infolge des Untergangs der Drahtindustrie seit 1970 beinahe die Hälfte der Einwohner verloren: Heute leben nur noch knapp 18 000 Menschen dort, 1970 waren es noch 32 000. "Der Trick ist Ehrlichkeit", vermutet Danielzyk: "Die Bürger merken doch, dass sie immer weniger werden." Der Altenaer Bürgermeister sei trotz rigider Schrumpfungspolitik zweimal in Folge wiedergewählt worden. Er habe beispielsweise Einrichtungen wie das Standesamt mit Nachbargemeinden zusammengelegt. "Außerdem darf man nicht nur sparen, sondern muss ab und zu ein Highlight setzen", sagt Danielzyk – beispielsweise ein gläserner Aufzug, der seit 2012 die Stadt mit der Burg verbindet.

"Der Trick ist Ehrlichkeit"(Rainer Danielzyk)

Die schlimmsten Auswirkungen des Schrumpfens mindern auch die Programme "Stadtumbau Ost und West" der Bundesregierung. Sie fangen das auf, was sich die Gemeinden nicht leisten können: etwa einen Rückbau, der nicht in einer perforierten Stadt endet, in der sich Menschen verloren fühlen und in der die Infrastruktur über verwaiste Bauflächen hinweg aufrechterhalten werden muss – ein teures Unterfangen auf Dauer. Ein organisierter Umzug der Bewohner vom Rand in die Mitte kostet aber erst einmal Geld, ebenso wie der Abriss verlassener Gebäude. Investoren lassen sie häufig einfach stehen.

Baulücken und Brachflächen als Chance

Ein bisschen Perforation kann aber auch gut sein: Manche Stadtforscher sehen Brachflächen und Baulücken als Chance für neue Formen der Urbanität, die das Leben in der Stadt attraktiv machen, und warnen davor, diese gleich wieder zu schließen. In solchen Räumen in Leipzig oder Dresden entstanden beispielsweise künstlerische Aktivitäten, Urban Gardening – Chancen für die Menschen, zusammenzukommen. Vielleicht waren sie sogar der Motor für eine Entwicklung, die Stadtforscher überrascht hat: Leipzig und Dresden schrumpften nach der Wende zunächst. Nun wachsen sie wieder. "Das hätte keiner vorhergesagt", sagt Rainer Danielzyk. Scheinbar gibt es auch weiche Faktoren, die eine Stadt attraktiv machen, die selbst Wissenschaftler schwer abschätzen können.

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Nicht zuletzt kann das Schrumpfen auch eine Chance sein, findet Stadtforscher Wiegandt. "Man kann auf bestimmte Infrastrukturen verzichten." Gerade viele der ehemaligen DDR-Städte, die für den Braunkohleabbau aus dem Boden gestampft worden seien und nun extrem unter dem Wegzug der Bevölkerung litten, könnten jetzt die unschönen Plattensiedlungen der 1980er Jahre am Stadtrand abreißen und die Bevölkerung im Stadtzentrum konzentrieren. Weißwasser beispielsweise, eine ehemalige Braunkohlehochburg an der polnischen Grenze, hat so seine Bevölkerung wieder mehr zusammengeführt. Teile der früheren Stadt sind heute Wald. Ein neues Eishockeystadion hat sich die Stadt zum Ausgleich geleistet – schließlich war Weißwasser zu DDR-Zeiten der zweitwichtigste Eishockeystandort nach Berlin. Das stärkt das Selbstbewusstsein der dort lebenden Menschen.

Jonas ist am Samstagmorgen ausgeschlafen aus dem Nachtzug aus Berlin gestiegen und trifft seine Familie beim Frühstück bei der Urlaubsplanung: Nun sind auch in München Sommerferien. Seine Frau schlägt eine Deutschlandreise vor. Angefangen in Altena, jener Stadt in Nordrhein-Westfalen, die um die Jahrtausendwende als eine der am stärksten schrumpfenden Städte in die Geschichte einging. Sohn Peter will unbedingt mit dem gläsernen Erlebnisaufzug auf die dortige Burg fahren. Und Tochter Nina will sehen, wie die Menschen in dieser anderen Welt leben: in einer beschaulichen Stadt mit kleinen, denkmalgeschützten Häusern aus einer anderen Zeit.

35/2015

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 35/2015

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