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News: Wahrer Schein

"Der Glaube versetzt Berge", heißt es so schön, und so kann auch der Glaube an die Wirksamkeit einer Medizin wahre Wunder auslösen: Mit wirkstofffreien Placebos lässt sich so manches Leid lindern - dabei beeinflussen die Scheinmedikamente tatsächlich die Schmerzzentren des Gehirns.
Schmerzzentren
"Ich werde gefallen" – oder auf gut Latein: placebo – verspricht die kleine weiße Pille und hält in der Tat ihr Wort: Der geduldige Patient schluckt sie brav, und gleich geht es ihm deutlich besser. Dabei enthält die heilsame Arznei lediglich Stärke, sonst nichts.

Die Wirksamkeit derartiger Scheinmedikamente ist Ärzten schon lange bekannt, und so dürften auch etliche obskure Wundermittel, die auf dem Markt kursieren, allein aufgrund des Placeboeffektes zur Linderung mancher Pein beitragen – zumindest so lange der Patient nur fest daran glaubt. Warum das Nichts eine derartige Wirkung zeigt, bleibt dabei allerdings rätselhaft.

Um diesem schönen Schein etwas mehr auf die Schliche zu kommen, mussten jetzt 47 Freiwillige leiden. Sie erhielten auf ihren rechten Handgelenken harmlose, aber schmerzhafte Reize, ausgelöst durch elektrischen Strom oder durch Hitze. Doch dann versprach ihnen Tor Wager, seines Zeichens Psychologe an der University of Michigan, Linderung: Der Wissenschaftler erklärte seinen Probanden, er teste die Wirksamkeit einer neuen schmerzstillenden Salbe, schmierte die Handgelenke seiner Opfer mit dem entsprechenden Präparat ein und führte anschließend die schmerzauslösende Prozedur erneut durch.

Und tatsächlich: Die meisten stuften den Strom- oder Hitzereiz jetzt als weniger unangenehm ein.

Was die Versuchspersonen allerdings nicht wussten: Die Salbe bestand aus völlig wirkungslosem Fett, sie war ein Placebo.

Gemeinerweise wiederholten Wager und seine Kollegen das Experiment. Denn schließlich müsse, so versicherten die Forscher, eine Kontrolle durchgeführt werden, und zwar mit einer Salbe ohne Wirkstoff. Also wurden die Handgelenke der Versuchspersonen mit der vermeintlichen Kontrollsalbe eingecremt – die exakt dieselbe vom vorherigen Experiment war –, und erneut mit Strom oder Hitze gepeinigt. Erwartungsgemäß empfanden die Probanden dieses Experiment wieder als deutlich unangenehmer.

Der Clou der Pein: Während der Experimente verfolgten die Wissenschaftler die Hirnaktivitäten ihrer Probanden per funktioneller Kernspinresonanztomographie (fMRI). Und dabei zeigte sich, dass an der Schmerzverarbeitung beteiligte Areale des Gehirns, wie der Thalamus, die Insula oder bestimmte Bereiche des präfrontalen Cortex, tatsächlich weniger aktiv waren – und zwar immer dann, wenn die Versuchspersonen meinten, einen geringeren Schmerz zu verspüren.

Die Wirkung eines Scheinmedikamentes beruht also auf einer realen, neurobiologischen Grundlage. Das Gehirn interpretiert Reize als weniger schmerzhaft, wenn es Grund zu der Annahme hat, dass die Pein gelindert wird. Dieser Schein muss jedoch überzeugend versichert werden, wie Kenneth Casey betont, der an der Studie beteiligt war: "Wenn Sie einen Patienten behandeln, dann müssen Sie glaubhaft seine Erwartung fördern, dass es hilft, um die Wirkung zu verstärken. Wenn Sie ihm ein Medikament oder irgendeine Behandlung verabreichen, von der Sie – sei es bewusst oder unbewusst – nicht überzeugt sind, dann wird es vermutlich auch weniger wirksam sein."

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