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Biodiversität: Wal-Kadaver: Gefährdetes Bonanza für Tiefseefauna

Der kommerzielle Walfang führte als Kollateralschaden zu einer Gefährdung einzigartiger Lebensgemeinschaften der Tiefsee, die komplett von der Verwertung anfallenden Aases abhängen.

Tote Wale, die auf den Meeresgrund sinken, bringen Tonnen an Fleisch, Blubber sowie Knochen – und damit Nährstoffe – in die Tiefsee, wo sie von zahlreichen spezialisierten Tierarten vollständig aufgezehrt werden. Darunter befindet sich eine jüngst von Wissenschaftlern um Craig Smith von der Universität von Hawaii vor Schwedens Küste gefundene Wurmart der Gattung Osedax, die mittels eines symbiontischen Bakterienstammes die Knochen des Walskeletts "knackt" und die darin befindlichen Fette und Proteine aufschließt.

Mittlerweile müssen aber nach Angaben der Forscher diese Lebensgemeinschaften zumindest im Nordatlantik als stark gefährdet eingestuft werden. Da sich dort durch die industrielle Nutzung die Bestände der großen Walarten um etwa 90 Prozent reduziert haben, ging auch die Zahl der anfallenden Kadaver entsprechend zurück. Während in früheren Zeiten in manchen Gebieten alle fünf bis zehn Kilometer ein toter Wal lag, haben sich diese Abstände heute stark vergrößert, sodass ein Austausch der Walverwertungs-Fauna untereinander erschwert wurde. Anhand von Modellrechnungen gehen Smith und seine Kollegen davon aus, dass daher im Nordatlantik etwa 30 bis 50 Prozent der Aas fressenden Arten in ihrem Fortbestand gefährdet sind.

Im kalten Tiefseewasser benötigen die Organismen 50 bis 100 Jahre, um einen Kadaver vollständig zu verwerten. Am biochemischen Umsatz beteiligen sich mitunter mehrere hundert Tierarten, die sich enge ökologischen Nischen am Wal-Kadaver gesucht haben, um dem Konkurrenzdruck zu entgehen. Genetische Untersuchungen belegen zudem die relativ enge Verwandtschaft zwischen Wurmarten der Kadaver und der heißen Tiefsee-Quellen. Beide entstanden wohl aus gemeinsamen Vorfahren, die ursprünglich näher an den Küsten lebten und über tote Wale als eine Art Trittsteine in die Tiefsee vordrangen.
22.02.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 22.02.2005

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