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News: Waldiger Generationskonflikt

"Äpfel, Nuss und Mandelkern essen fromme Kinder gern." Wie jedes Jahr zur Weihnachtszeit hat der pflichtbewusste Nussknacker mit dem langen weißen Bart einiges zu tun. Tütenweise knackt er die harte Schale der leckeren Kerne. Aber wie lange noch?
Paranüsse
Oft stand Carlos Peres als Kind am Ufer des Amazonas und sah den voll beladenen Booten nach, die den mächtigen Fluss hinuntertrieben. Viele von ihnen waren mit ihrer Fracht unterwegs zu den Lagerhallen seines Vaters, der seinerzeit ein wahres Monopol hielt: im Handel mit Paranüssen.

Bergeweise wurden die braunen Kerne verschifft – und werden es noch. Doch schon damals ahnte Peres, dass der Regenwald eine derart exzessive Ausbeutung langfristig nicht ertragen kann. Sein Vater glaubte ihm nicht. Und so brauchte es viele Diskussionen – und 25 Jahre – bis der Sohn nachweisen konnte, dass er recht hatte.

Besonders zur Weihnachtszeit sind die knackigen Leckereien äußerst beliebt. Kämpft man sich durch die harte, dunkelbraune Schale, kommt ein fast weißer Kern zum Vorschein, der von einer dünnen braunen Haut bedeckt ist.

Gigantische Bäume (Bertholletia excelsa) mit einem Umfang von bis zu 16 Metern werfen die Nüsse in enormen Mengen ab. Und die Ernte ist leicht: Die Kerne, die sich in Gruppen von zehn bis 25 in einer grapefruitgroßen Schale versteckten, liest man einfach auf. Mindestens 45 000 Tonnen werden so jährlich allein im brasilianischen Amazonas-Gebiet gesammelt.

Paranüsse sind die einzigen international gehandelten Samen-Anbaupflanzen, die nicht in Plantagen angebaut, sondern ausschließlich in freier Natur geerntet werden. Und der Handel mit den Nüssen hat große wirtschaftliche Bedeutung: Mit mehr als 33 Millionen US-Dollar Umsatz im Jahr macht er den Hauptteil der Einnahmen der Regenwald-Region aus.

Bisher wurde diese Art der Landwirtschaft als umweltverträgliche, nachhaltige Möglichkeit gepriesen, Anbau in diesem Gebiet zu betreiben und gleichzeitig die Zerstörung des Waldes – wie sie bei Großfarmen geschieht – zu vermeiden.

Bereits vor zehn Jahren hatte Peres damit begonnen, die Auswirkungen der intensiven Ernte auf den Regenwald zu untersuchen. Zusammen mit einem internationalen Team von Wissenschaftlern bestimmte der Biologe von der University of East Anglia im englischen Norwich anhand von Aufzeichnungen und Umfragen die Geschichte und Intensität der Erntegewohnheiten und vermaß – zur Bestimmung des Alters – den Baumumfang.

Das Ergebnis seiner Untersuchung ist beunruhigend: Je mehr geerntet wurde, desto weniger junge Bäume gab es im untersuchten Waldgebiet. In besonders stark genutzten Abschnitten waren praktisch ausschließlich alte Bäume vorhanden.

Und auch wenn diese vielleicht noch jahrzehntelang für Nuss-Nachschub sorgen könnten, die Quelle wird versiegen, wenn nicht bald Maßnahmen ergriffen werden.

Eine Möglichkeit besteht laut Peres darin, die Ernte zu beschränken oder zeitweise regional ganz einzustellen, bis sich die nächste Baumgeneration entwickeln kann. Auch könnte man in Baumschulen gezogene Setzlinge einpflanzen. Möglicherweise müßte sogar die Anzahl der Samen fressenden Tiere kontrolliert werden, um den Pflanzen die Möglichkeit zum Wachstum zu geben. Auf den Genuss der Köstlichkeiten zu verzichten, ist hingegen keine gute Idee – Paranüsse liefern das Einkommen von Millionen von Menschen im Amazonas-Gebiet.

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