Wale: Warum Pottwale senkrecht schlafen können

Zu den erstaunlichsten Verhaltensweisen von Walen gehört sicherlich die aufrechte Schlafhaltung von Pottwalen (Physeter macrocephalus): Wie Kerzen stehen sie in Gruppen senkrecht im Wasser, um 10 bis 15 Minuten lang zu ruhen – ein majestätischer Anblick, den wohl viele Naturfreunde gern einmal sehen würden. Doch wie gelingt es ihnen, relativ konstant in etwa 25 Metern Wassertiefe zu verharren, ohne an die Oberfläche getrieben zu werden? Noémie Freymond von der University of St Andrews und ihr Team haben nun genauer untersucht, was dieses annähernd stabile Verharren an Ort und Stelle in der Wassersäule überhaupt ermöglicht: Die Pottwale entlassen regelmäßig Luftblasen aus ihren Lungen, um ihren Auftrieb zu verringern.
Pottwale nutzen drei verschiedene Schlafvarianten: Sie tauchen bis in 200 Meter Tiefe und lassen sich dann schlafend nach oben treiben, sie lassen sich mit dem Schwanz voraus bis in acht Meter Tiefe sinken und dösen dabei – oder sie stehen ortstreu in etwa 25 Metern Tiefe senkrecht im Wasser und halten dabei ihr Nickerchen. Sie sind sogar die einzigen Wale, die auf die zuletzt genannte Art und Weise schlafen. Für ihre Studie stattete die Arbeitsgruppe vor der norwegischen Küste 42 der Tiere mit kleinen Sensoren aus, die sie über Saugnäpfe an den Walen befestigte. Die Geräte zeichneten neben der Tauchtiefe beispielsweise die Geräusche auf, welche freigesetzte Luftblasen erzeugen. Zudem konnten die Wissenschaftler damit erfassen, ob die Wale mit dem Kopf nach oben oder nach unten im Wasser standen.
Bei der Datenauswertung zeigte sich, dass nahe der Oberfläche dösende Wale während ihres Schlafs deutlich häufiger als sonst Blasen ausstießen, etwa elfmal pro Kurzschlafphase. Im Gegensatz dazu gaben Artgenossen, die aus Tiefen von über 200 Metern aufstiegen, nur drei- bis viermal Blasen ins Wasser ab, während sie sich der Wasserlinie näherten. Die unterschiedlichen Ruhephasen in verschiedenen Tiefen erfordern jeweils andere Mengen an Sauerstoff, auch weil sie nicht alle gleich lange dauern. Für Tauchgänge in tieferes Wasser benötigen die Wale viel Sauerstoff, doch der Wasserdruck komprimiert die Luft in ihren Lungen, wodurch ihre Auftriebskraft abnimmt. Das bedeutet, sie müssen weniger Blasen ausstoßen, um zu verhindern, dass sie unkontrolliert nach oben treiben.
Ruht ein Wal hingegen näher an der Oberfläche, sorgt die Luft in seinen Lungen dafür, dass er allmählich an die Wasseroberfläche steigt. Entlässt das Tier dabei immer wieder Luft ins Wasser, verzögert sich dieser Auftrieb weiter, und die Wale können länger in optimaler Tiefe schlafen. Damit setzen sie sich nicht den störenden Wellen – oder Schiffen – an der Wasseroberfläche aus, die den Schlaf unterbrechen oder zu Verletzungen führen können. Aber selbst ohne jede Luft in den Lungen würden die Pottwale nach gewisser Zeit an die Wasseroberfläche kommen. Dafür sorgt ihr riesiger Schädel mit dem darin in größeren Mengen enthaltenen Walrat: Diese je nach Temperatur wachs- bis ölartige Masse aus dem Walratorgan, einem mächtigen Gewebepolster vor dem Oberkiefer, ist leichter als Wasser und treibt die Tiere nach oben.
Deutlich erkennbar sind die Luftblasen, die der schlafende Pottwal ausgestoßen hat, um seinen Auftrieb zu reduzieren.
Unklar ist jedoch, ob es sich beim Ablassen von Luftblasen um eine bewusste Entscheidung der Wale handelt oder um eine automatische Reaktion. Denn bislang weiß man noch nicht, ob die Tiere komplett einschlafen oder ob bei ihnen wie bei Delfinen eine Hälfte des Gehirns wach bleibt. Jedenfalls müssen die Wale auf irgendeine Weise realisieren, dass sie der Oberfläche zu nahe kommen, und entsprechende Gegenmaßnahmen ergreifen.
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