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Reproduktionsmedizin: Wandel in der Wahl künstlicher Fortpflanzungsmethoden

Daten aus der Reproduktionsmedizin zufolge ist die Zahl der Intracytoplasmischen Spermieninjektionen (ICSI) in den vergangenen Jahren in Europa kontinuierlich angestiegen und hat inzwischen die konventionelle In-vitro-Fertilisation (IVF) überholt. So wurden in Europa im Jahr 2002 mehr als 122 000 künstliche Befruchtungen nach ICSI-Verfahren durchgeführt, während die IVF-Methode knapp 113 000 Mal zum Einsatz kam. Betrug das proportionale Verhältnis von ICSI gegenüber IVF im Jahr 1997 noch 43,7 Prozent, ist es damit nun auf 52 Prozent gestiegen.

ICSI gilt als Methode der Wahl, wenn es mit dem Kinderwunsch auf Grund von schlechter Spermienqualität nicht klappt. Insofern könnten die Zahlen darauf hindeuten, dass sich Fruchtbarkeitsprobleme bei Männern häufen, ausgelöst beispielsweise durch Umweltschadstoffe oder Rückstände in der Nahrung, welche die Hormonproduktion beeinträchtigen. Möglich wäre aber auch, dass immer weniger Frauen an Fruchtbarkeitsproblemen leiden, weil durch die Aids-Gefahr mehr Wert auf geschützten Geschlechtsverkehr gelegt werde, erklären die Forscher um Anders Nyboe Andersen vom Reichshospital in Kopenhagen. Dadurch treten auch weniger Infektionen der Gebärmutter oder Eileiter auft, die früher häufiger Schwangerschaften vereitelten. Bislang schätzten Experten, dass Unfruchtbarkeit beide Geschlechter gleichermaßen zu je 40 Prozent betrifft.

Ebensogut könnten aber auch Patienten und Mediziner dieser Methode schlicht den Vorzug geben, weil sie mehr Vorteile und weniger Risiken birgt als das traditionelle In-vitro-Verfahren. Schließlich muss bei der neuen Methode bei gleicher Erfolgsrate nur noch ein Spermium in eine Eizelle gebracht werden – nach dem alten Verfahren sind mindestens 50 000 funktionsfähige Samenzellen für eine erfolgreiche Befruchtung nötig. Auch sprechen andere Zahlen für diese Methode: Seit Beginn des Monitorings war nur noch ein geringer Anstieg von Zwillingsgeburten nach einem Eingriff zu verzeichnen gewesen – die Anzahl der Drillingsgeburten ist sogar von 3,6 auf 1,3 Prozent zurückgegangen.

Forscher in Frankreich beschäftigten sich zudem mit der Frage der Kosten von Mehrlingsgeburten. Sie stellten fest, dass Zwillingsschwangerschaften dreimal so teuer sind wie Schwangerschaften mit einem Kind. Bei Drillingen verachtfachen sich die Kosten sogar. Jacques de Mouzon von der Inserm-Klinik in Bicêtre fordert daher mit seinen Kollegen, dass die bei künstlicher Befruchtung übliche Implantation von mehreren befruchteten Eizellen vermieden werden sollte, zumal abgesehen von den Kosten auch erhebliche Gesundheitsrisiken für Mutter und Kinder bestünden.
23.06.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 23.06.2005

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