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Energie: Wandel statt Wende

Über ein Jahr nach der Katastrophe von Fukushima stellt Japan erste Weichen für eine Zukunft ohne Atomkraft. Allzu eilig hat man es allerdings nicht. Denn der Weg ist weit.
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Es ist eine schöne Zeit für Kernkraftgegner: Am 6. Mai 2012 ging das letzte laufende Atomkraftwerk Japans in Revision. Damit sind alle 54 japanischen Reaktoren abgeschaltet. Erst wenn sie den nach dem Reaktorunglück von Fukushima angeordneten Stresstest überstanden haben, sollen sie wieder ans Netz gehen. Knapp 30 Prozent des japanischen Strombedarfs deckt die Kernkraft für gewöhnlich – jetzt muss Japan ohne sie klarkommen. Die Welt hält den Atem an. Und mancher stilisiert die kommenden Wochen gar zur Bewährungsprobe für die Zukunft der Energieversorgung: Geht es womöglich auch ohne Kernenergie?

Auf den ersten Blick kann die Frage bejaht werden: In den letzten Monaten liefen nur noch eine Hand voll Meiler, und es kam zu keinen nennenswerten Stromausfällen. Allerdings mussten alte Ölkraftwerke reaktiviert werden. Daneben hat man Gaskraftwerke in den Dauerbetrieb geschaltet – für gewöhnlich werden sie kurzfristig angefahren, um die Spitzenlast zu decken. Auch dass der vergangene Winter verhältnismäßig mild war, kam dem Energieexperiment zugute.

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Blick auf Tokio | Blick vom Rathausturm auf Tokio: Im Sommer droht die Bewährungsprobe für eine Energieversorgung ohne Atomkraft. Denn Klimaanlagen treiben den Strombedarf drastisch in die Höhe.

Aber die eigentliche Herausforderung steht noch bevor: In den schwülen Sommermonaten ist das Büroland auf Klimaanlagen angewiesen und verbraucht bis zu einem Fünftel mehr Strom als im Winter. Einige Energieversorger haben bereits angekündigt, dass sie eine solche Nachfrage aktuell nicht decken können – etwa die Kansai Electric Power Co. (Kepco), die 13 Millionen Menschen in der Metropolregion Osakas versorgt. Im August könne sie 16 Prozent weniger Strom liefern, als im extrem heißen Sommer 2010 nachgefragt wurde, rechnete das Unternehmen kürzlich vor. Engpässe erwarten auch die Versorger Kyushu Electric Power Co. und Hokkaido Electric. Rückenwind bekamen sie jüngst vom Weltwirtschaftsforum: Die Energiesicherheit stehe auf dem Spiel, wenn nicht bald wieder einige Atomkraftwerke angefahren werden, hieß es da.

Ausstieg auf Zeit oder auf Dauer?

Der größte Energieversorger des Landes, die Tokyo Power Electrics Co. (Tepco), sieht keine Engpässe für seine Kunden kommen. Das Unternehmen, das wegen der Nuklearkatastrophe in Fukushima bald verstaatlicht werden soll, verfeuerte im letzten Jahr einfach mehr fossile Brennstoffe als im Jahr zuvor. Erdgas und Öl wurden zu hohen Preisen aus dem Ausland gekauft. Erstmals seit 1980 gab Japan deshalb mehr Geld für den Import als den Export von Gütern aus: Das Handelsdefizit belief sich auf 4,41 Billionen Yen (etwa 40 Milliarden Euro). Ein starker Yen ist die Folge – eine wirtschaftliche Katastrophe für ein Land, das vor allem von seinen Technologie-Exporten lebt. Die Krise kommt nun beim Endverbraucher an: Strom werde zukünftig um 17 Prozent teurer, verkündete Tepco im Januar. Solch ein Preisanstieg senke die Güterproduktion um bis zu ein Zwanzigstel und das Bruttoinlandsprodukt um bis zu 1,4 Prozent, schätzt das japanische Wirtschaftsforschungsinstitut Daiwa.

Um die Wirtschaft zu entlasten und drohenden Engpässen im Sommer vorzubeugen, soll die Zeit ohne Atomstrom bald ein Ende haben. Zwei Reaktoren von Kepco am Standort Ohi werden bald wieder ans Netz gehen, entschied die Regierung kürzlich. Ein genauer Termin ist allerdings noch nicht vereinbart. Die Terminfindung fällt wohl auch deshalb schwer, weil sich verstärkt Protest gegen das erneute Anfahren der Reaktoren regt. Umfragen kommen zu dem Ergebnis, dass mehr als die Hälfte der Japaner gegen die Kernenergie ist. Zum Jahrestag des Fukushima-Unglücks gingen Zehntausende auf die Straße und forderten eine Zukunft ohne Atomkraftwerke.

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Fukushima I | Knapp 30 Prozent des japanischen Strombedarfs hat bislang die Kernenergie gedeckt – am 6. Mai jedoch ging vorerst der letzte Meiler vom Netz: Nach der Katastrophe von Fukushima wurde eine Sicherheitsüberprüfung für alle anberaumt.

Der Unmut ist mittlerweile bei der politischen Führung angekommen. "Wir arbeiten daran, die Abhängigkeit von der Atomenergie innerhalb von 40 Jahren auf Null zu reduzieren", erklärte kürzlich Wirtschaftsminister Edano bei einem Fernsehauftritt. "Unter den gegenwärtigen Bedingungen" wolle man keine neuen Kernkraftwerke planen und nur die bisher begonnen Bauprojekte fertig stellen, sagte Edano, der in der Vergangenheit als Befürworter der Atomkraft galt. Aktuell diskutiert das Parlament ein Gesetz, das 2013 in Kraft treten könnte und die Laufzeit von Reaktoren auf 40 Jahre beschränken soll.

Kommt er also, der Atomausstieg? "Auf lange Sicht wird Japan sicher aussteigen", sagt Kerstin Cuhls, Japanologin an der Universität Heidelberg und Expertin für Innovationsforschung in Japan. Sie sieht die aktuellen Bemühungen als Beginn einer Umstrukturierung der Energiebranche – allerdings einer langfristigen.

Ein Ausstieg von heute auf morgen ist auch deshalb nicht möglich, weil die Kernkraft tragende Säule der CO2-Reduktionsstrategie der Regierung ist. Daneben bedient sie wie keine andere Technologie die Sehnsucht der Inselnation nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Japan ist nach China und den Vereinigten Staaten das stromhungrigste Land der Erde. Seine natürlichen Öl- und Gasvorkommen reichen aber gerade einmal, um vier Prozent des eigenen Energiebedarfs zu decken. Zwar muss auch der Großteil des Urans importiert werden. Aber mit Hilfe von Wiederaufbereitungsanlagen und Brutreaktoren sollte ein Plutoniumkreislauf Japan zunehmend unabhängig vom Energieträgerimport machen. Auf lange Sicht sollte die Kernkraft die Hälfte des japanischen Strombedarfs decken und so einen großen Teil der CO2-emittierenden Kohle-Industrie ersetzen.

Ein Jahr nach Fukushima und dem deutschen Atomausstieg ist die Energiewende hier zu Lande in vollem Gang. Aber wie sieht es in anderen wichtigen Industriestaaten oder aufstrebenden Nationen wie China aus? Steht die Kernkraft auch dort vor dem Aus? Wie verknüpfen Brasilien oder die USA Ökonomie und Ökologie? In einer mehrteiligen Serie werfen wir einen Blick auf diese Staaten.

Das Loslösen von diesem Traum wird der japanischen Gesellschaft einiges abverlangen. Zumal Fukushima nicht nur unzureichende Sicherheitsmaßnahmen der Kernkraftwerke zu Tage förderte, sondern auch die tiefe Verstrickung von Politik und Atomindustrie. Die nukleare Aufsichtsbehörde NISA untersteht dem Wirtschaftsministerium – das stets größtes Interesse an der Popularität der Kernenergie hatte. So gesehen dürfte es keinen kleinen Anteil am japanischen Energiewandel haben, dass die Regierung nun eine neue Atomaufsichtsbehörde unter der Obhut des Umweltministeriums schaffen möchte.

Sparen und Umbauen

Anders als den Atomstromprotest muss Japan in Sachen Nachhaltigkeit nur wenig lernen. Das Land übt sich seit der Ölkrise 1973 im Energiesparen. Insbesondere der gewerbliche Sektor unterliegt strengen Richtlinien: Fabriken, Bürogebäude, Krankenhäuser und Einkaufspassagen müssen ihren Energieverbrauch jährlich um ein Prozent senken. Aber noch gibt es Raum für Verbesserung. "Das fortwährende Streben nach Bequemlichkeit und Komfort hat den Energieverbrauch von Privathaushalten stetig steigen lassen", hieß es etwa in einem Handbuch des Wirtschaftsministeriums aus dem Jahr 2010. Bessere Kühlschränke, Klimaanlagungen und Dämmungen sollen Abhilfe schaffen. Und vielleicht werden ja Notfallmaßnahmen aus dem letzten Sommer zum Normalzustand: Da wurde die Anzugspflicht in Büros gelockert, um die Klimaanlagen weniger belasten zu müssen. Außerdem blieb das Gros der großstädtischen Leuchtreklamen in vielen Nächten ausgeschaltet.

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Onsen in Nikko | Die Geothermie böte in Japan vielfältige Möglichkeiten zur Energiegewinnung. Bislang wurde sie jedoch kaum ausgebaut. Konflikte sind vorprogrammiert: Heiße Quellen werden häufig zu Erholungszwecken genutzt (hier ein solcher Onsen in Nikko) oder liegen in Naturschutzgebieten.

Der Löwenanteil des Umbaus dürfte aber von den erneuerbaren Energiequellen kommen, die in Japan in jüngster Vergangenheit massiv vernachlässigt wurden. Nennenswert ist nur die Wasserkraft, die etwa acht Prozent zur japanischen Elektrizitätsversorgung beiträgt. Der Anteil anderer Energieträger bewegt sich im Promillebereich. "Die Windenergie hat man lange nicht angefasst, weil man dachte, sie könne nicht rentabel sein", sagt Cuhls. Und die Fotovoltaik wurde – nachdem sich Japan um die Jahrtausendwende die Weltmarktführerschaft erarbeitet hatte – zwar exportiert, aber im eigenen Land vernachlässigt. Ebenso gibt es großen Nachholbedarf beim Ausbau der Geothermie. Letztere wäre besonders ergiebig, da sich Japan in einer seismisch außerordentlich aktiven Region befindet. Aber gerade einmal 18 Anlagen gibt es im ganzen Land, die 0,3 Prozent des Stroms erzeugen. Hier wäre Schätzungen zufolge das Vierzigfache möglich. Allerdings verhindern die Besitzer der "onsen" (zu Erholungszwecken genutzte heiße Quellen) seit Jahrzehnten einen Ausbau der Geothermie.

Aber seit Fukushima kommt Bewegung in die Branche. Nach Medienberichten plant das Umweltministerium, das Bauverbot in Naturschutzgebieten aufzuheben, in denen viele potenzielle Standorte liegen. Und der Öl- und Gasförderer Idemitsu will in den Bergen der Präfektur Fukushima ein großes Geothermieprojekt verwirklichen – mit einer Fertigstellung wird allerdings erst in zehn Jahren gerechnet. Schneller dürfte die Sonnenenergie ausgebaut werden. Der Modulhersteller Kyocera gab unlängst bekannt, dass im März 2012 bereits über eine Million Dächer mit Fotovoltaikanlagen versehen waren – man rechne mit jährlichen Wachstumsraten von zwölf Prozent. Kyocera will auch das größte Fotovoltaikkraftwerk des Landes bauen: 70 Megawatt soll es erzeugen – knapp die Hälfte der aktuell auf Dächern installierten Kapazität.

Die New Yorker Investmentbank Jefferies & Company Inc. prognostizierte in einer im April vorgelegten Studie, dass Japan schon im kommenden Jahr zehn Prozent des Weltmarkts für Solarenergie ausmachen könnte. Die Goldgräberstimmung geht auf eine Gesetzesnovelle zurück, die Japans ehemaliger Premierminister Naoto Kan auf den Weg gebracht hat: Sie sieht eine Einspeisepauschale von 40 Cent pro Kilowattstunde für erneuerbare Energien vor – ähnlich üppig wurde auch deutscher Solarstrom kurz nach Novellierung des europäischen Erneuerbare-Energien-Gesetzes im Jahr 2004 gefördert.

Seit Fukushima geht es auch mit der Windenergie bergauf. Derzeit entstehen eine Reihe von Offshore-Farmen, deren Kapazität nach ihrer Fertigstellung Mitte des Jahrzehnts jedoch nur einen Bruchteil der Leistung ihrer europäischen Vorbilder erreichen wird. Dennoch hofft die Windstromindustrie, bis 2050 ein Zehntel des japanischen Strombedarfs decken zu können. Vielleicht ist dann auch ein ambitioniertes Megaprojekt vollendet, das nach Fukushima initiiert wurde: Die HGÜ-Leitungen des Asia Supergrid sollen sich eines Tages bis in die Mongolei erstrecken und Solarstrom aus den Wüsten Zentralasiens nach Japan liefern. Mit an Bord ist unter anderem die Desertec-Foundation, die ein ähnlich ambioniertes Projekt in Nordafrika realisieren will.

So ist Potenzial für eine Energiewende durchaus vorhanden. Gut möglich, dass in 40 Jahren Sonne, Wind und Geothermie die Kernkraftwerke Japans ersetzen können. Viel schneller werde es mit dem Atomausstieg allerdings nicht gehen, meint auch Japanexpertin Cuhls: "Man wird nichts über das Knie brechen", sagt sie. Aber je deutlicher die langfristigen Folgen von Fukushima würden, desto unumgänglicher werde der Atomausstieg. Dass dieser jedoch eher übermorgen als morgen kommen dürfte, liegt nicht nur an technischen Ursachen: "Das muss auch deshalb schleichend vonstatten gehen, damit niemand das Gesicht verliert", so Cuhls.

19. KW 2012

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 19. KW 2012

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