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Australopithecus: Wandernde Weibchen und unflexible Männer

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Über die Lebensweise der Australopithecinen gibt es tausende Spekulationen und nur ganz wenig gesichertes Wissen, sagt Margaret Schoeninger von der University of California in San Diego [1]. Eine neue Studie könnte nun Abhilfe schaffen und einige Fakten zur Ernährungsweise und Gruppendynamik der bis zu dreieinhalb Millionen Jahre alten Zweibeiner liefern.
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Australopithecus africanus | Zu den berühmtesten Fundstücken eines Australopithecus africanus zählt dieser 1947 im südafrikanischen Sterkfontein gefundene Schädel. Er ist auch bekannt unter dem Namen "Mrs. Ples"
Forscher haben dazu die Zähne der Vormenschen auf Isotopen untersucht.

Dabei zeigte sich, dass Australopithecus-africanus-Weibchen offenbar wanderlustiger waren als ihre männlichen Artgenossen. Letztere blieben dem Familienverband treu, Erstere suchten sich vermutlich als Heranwachsende eine neue Gruppe, beobachtete das Anthropologenteam um Sandi Copeland vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig [2]. Eine ähnliche so genannte männliche Philopatrie praktizieren heutzutage Schimpansen und Bonobos sowie einige menschliche Gesellschaften. Bei den Gorillas aber wandern beispielsweise beide Geschlechter.

Indem sie Zahnschmelz in winzigen Mengen verdampften und darin das Verhältnis zweier Strontiumisotope bestimmten, gewannen die Forscher ein Bild der Wanderbewegungen von 19 Individuen. Jede geologische Formation rund um die Fundstellen im südafrikanischen Swartkrans und Sterkfontein weist ihr eigenes charakteristisches Isotopenverhältnis auf, das sich im Zahnschmelz widerspiegelt.
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Paranthropus robustus | Vertreter der Gattung Paranthropus – so wie dieses in Swartkrans gefundene Exemplar – ähnelten in vielerlei Hinsicht den eigentlichen Australophitecus-Arten, unterschieden sich jedoch in einer entscheidenden Hinsicht: Ihr massiverer Kauapparat deutet daraufhin, dass sie sich auf hartfaserige Nahrung spezialisiert hatten. Häufig werden sie auch als "robuste" Australopithecinen bezeichnet.
Ob das Gebiss einem Männchen oder Weibchen gehörte, bestimmten die Wissenschaftler anhand der Größe der Backenzähne. A. africanus und die ebenfalls untersuchte, "robuste" Australopithecus-Art Paranthropus robustus wiesen einen starken Geschlechtsdimorphismus auf.

Ein genauerer Abgleich mit den umliegenden Gesteinsformationen zeigte, dass sich die Männchen nur in einem Schweifgebiet von rund 30 Quadratkilometer Größe aufhielten – entweder weil sie die dort vorherrschende Pflanzenkost bevorzugten oder weil sie grundsätzlich nicht weiter umherzogen. Ihre Reviergröße entsprach damit eher der heutiger Gorillas, die ebenfalls vergleichsweise standorttreu sind. Schimpansengruppen können dagegen Reviere von 600 Quadratkilometer Größe haben.

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Spuren der Lasertechnik | Die Forscher verwendeten ein Verfahren namens Laser Ablation Multicollector Inductively Coupled Plasma Mass Spectrometry, eine technisch hochentwickelte Art der Isotopenmassenspektrometrie. Kleinste Mengen an biologischem Material werden dabei mit einem Laser abgetragen (als Muster im Bild erkennbar).
Allerdings ernähren sich fast alle Menschenaffen von anderen Pflanzen und leben in einer anderen Umwelt als Australopithecus. Studien haben ergeben, dass dieser in einer weit gehend offenen, baumbestandenen Savanne vorkam und sich dort von Gräsern und nahrhaften Pflanzenteilen ernährte. Laut Schoeninger ähnelt er darin am ehesten heutigen Dscheladas – mit den Pavianen verwandten Affen aus dem Hochland Äthiopiens. Auch bei dieser Art, die in starken Verbänden von rund 60 Tieren Schutz sucht, wechseln heranwachsende Weibchen in neue Gruppen, deren Schweifgebiet dem für die Australopithecinen berechneten entspricht. (jd)
22. KW 2011

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 22. KW 2011

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