Wanderrekord: Was gesunde Buckelwale leisten können

Buckelwal »Timmy/Hope« hatte sich wahrscheinlich auf seiner Wanderung von der Arktis durch die Nordsee in die Ostsee verirrt, wo er schließlich sein Ende fand. Dabei gehört es zum natürlichen Verhalten dieser Meeressäuger, große Strecken im Ozean zurückzulegen: Buckelwale ziehen jedes Jahr zwischen kalten, nährstoffreichen Gewässern in Arktis und Antarktis sowie warmen, tropischen Fortpflanzungsgebieten hin und her – über Tausende Kilometer. Ihren Wanderrouten bleiben die Tiere dabei normalerweise ein Leben lang treu. Umso erstaunlicher ist, was ein internationales Forschungsteam im Fachjournal »Open Science« der britischen Royal Society berichtet: Zwei Tiere wechselten unabhängig voneinander offenbar zwischen den Fortpflanzungsgebieten vor Brasilien und Australien – und unternahmen so die längsten jemals nachgewiesenen Wanderungen von Buckelwalen.
»Wir haben Fotos von Schwanzflossen analysiert, die über mehrere Jahre hinweg aufgenommen wurden, und zwei Individuen identifiziert, die in beiden Regionen gesichtet wurden«, erklärt das Team um Cristian Castro von der Pacific Whale Foundation und Stephanie Stack von der Griffith University in Australien. »Das zweite Tier muss mindestens 15 100 Kilometer geschwommen sein. Das stellt die größte jemals für einen einzelnen Buckelwal gemeldete Distanz zwischen zwei Sichtungsorten dar.«
Mehr als 19 000 Aufnahmen aus den Jahren 1984 bis 2025 hatte das Team für die Studie ausgewertet. Zunächst suchte eine automatische Bilderkennung nach möglichen Treffern, anschließend überprüften Experten die Übereinstimmungen. Das Haupterkennungsmerkmal dabei: die Schwanzflosse der Wale. Sie hat bei jedem Tier ein einzigartiges Muster aus Pigmentflecken, Narben und Kerben und ist vergleichbar mit einem menschlichen Fingerabdruck.
Wanderungen zwischen Nahrungs- und Fortpflanzungsgebieten
Die Bilder stammen nicht nur aus der Wissenschaft, auch Laien können bei der Forschung mithelfen und Fotos auf Webseiten wie »happywhale.com« hochladen. So sei über Jahrzehnte ein weltweites Tracking-Netz entstanden, erklärt Stack: »Die Wale wurden über Jahrzehnte, von verschiedenen Personen in verschiedenen Teilen der Welt fotografiert, und dennoch können wir ihre Reise miteinander verknüpfen. Jedes Foto verbesserte unser Wissen über Wale und half, eine der extremsten Wanderungen aufzudecken, die je dokumentiert wurden.«
Aber warum waren die beiden Tiere überhaupt in derart weit voneinander entfernten Gebieten in Atlantik und Pazifik unterwegs? Zwar ziehen Buckelwale jedes Jahr zwischen Nahrungs- und Fortpflanzungsgebieten hin und her, aber dass sie zwischen so weit entfernten Populationen wechseln, ist eine extreme Ausnahme. In über 40 Jahren fanden die Forschenden nur zwei solche Fälle.
Der erste Wal wurde 2007 und erneut 2013 in Hervey Bay an Australiens Ostküste fotografiert. Sechs Jahre später erschien dasselbe Tier vor São Paulo in Brasilien: mindestens 14 200 Kilometer entfernt. Der zweite Fall ist noch spektakulärer: Ein Buckelwal, der 2003 an der Abrolhos-Bank - Brasiliens wichtigstem Fortpflanzungsgebiet – gesichtet wurde, tauchte rund 22 Jahre später im September 2025 bei Hervey Bay in Australien auf. Die beiden Regionen liegen über 15 000 Kilometer auseinander. 2024 wurde zudem ein Buckelwal identifiziert, der zwischen kolumbianischen Gewässern und Sansibar gewechselt ist.
Mit neuer Gruppe in andere Region wandern?
Welche Routen die Tiere dabei nahmen, ist unklar. Die Fotos dokumentieren lediglich Anfangs- und Endpunkte der Reise. Vermutlich sind die Wale also noch deutlich weiter geschwommen, vermuten Castro und Co. Möglicherweise treffen sich Tiere aus verschiedenen Fortpflanzungsregionen in den polaren Nahrungsgebieten und folgen anschließend einer neuen Gruppe.
»Die Fähigkeit einiger Individuen, alternative Routen zu erkunden und andere Fortpflanzungsgebiete zu nutzen, kann ein Vorteil sein«, so das Team. Dadurch kommt es beispielsweise zum genetischen Austausch unterschiedlicher Populationen. Um das Verhalten besser zu verstehen, sei weitere Forschung notwendig. Die bisher dokumentierten Fälle seien zu wenige, um generelle Aussagen zu treffen, bilanziert die Gruppe.
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