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Seuchen: Wann gibt es einen Impfstoff gegen Ebola?

Der tödliche Ebola-Ausbruch in Westafrika stellt den dringenden Bedarf an einem Impfstoff in den Mittelpunkt. Laut Forschern könnte er in ein paar Jahren verfügbar sein.
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Der jüngste Ausbruch des Ebola-Virus in Westafrika ist der schlimmste bislang – nach dem Stand von Montag hat es bereits mehr als 1200 Menschen infiziert und seit dem Frühjahr mindestens 729 Opfer gefordert. Guinea, Liberia sowie Sierra Leone meldeten bestätigte Fälle, in Nigeria starb ein Infizierter, der mit dem Flugzeug aus dem Krisengebiet eingewandert war. Laut "NBC News" erklärte ein Funktionär von "Ärzte ohne Grenzen" den Ausbruch für "vollständig außer Kontrolle". Bedauerlicherweise stehen Ärzten weder wirksame Impfstoffe noch Therapien zur Verfügung. Beschäftigte in der Gesundheitsvorsorge können nichts Weiteres tun, als das Immunsystem der Patienten zu unterstützen, indem sie Körperflüssigkeiten, Sauerstofflevel und Blutdruck regulieren und andere Infektionen behandeln, um den Betroffenen im Kampf gegen das Virus so gut es geht beizustehen.

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Ebola-Ausbruch in Afrika fordert viele Menschenleben | Der jüngste Ausbruch des Ebola-Virus in Westafrika ist der bislang schlimmste. Mittlerweile sind mindestens 729 Menschen daran gestorben, verschiedene Länder haben den Notstand ausgerufen.

Ein Impfstoff, der dabei hilft, zukünftige Ebola-Ausbrüche zu bekämpfen, könnte schon in ein paar Jahren greifbar sein. Während des letzten Jahrzehnts machten Forscher erhebliche Fortschritte, und entwickelte Impfstoffe wirkten bereits bei Primaten. Allerdings stellte es sich bis dato als schwierig heraus, Gelder für Sicherheitsprüfungen am Menschen aufzubringen. Um mehr über jüngste Fortschritte wie auch Hürden zu erfahren, sprach "Scientific American" mit Thomas Geisbert, einem Virologen der Abteilung für Mikrobiologie und Immunologie an der amerikanischen University of Texas Medical Branch in Galveston. Er studiert das Ebola-Virus seit 1988 und ist derzeit an der Forschung und Entwicklung von Impfstoffen beteiligt.

Befinden sich denn bereits irgendwelche viel versprechenden Impfstoffe gegen das Ebola-Virus in der Entwicklung?

Es werden bereits ein paar vorbeugende Schutzstoffe entwickelt, von denen sich drei bis fünf als vollkommener Schutz gegen Ebola bei nichthumanen Primaten bewährt haben. Einige dieser Impfstoffe benötigen drei Injektionen, andere nur eine einzige. Die meisten werden von der amerikanischen Regierung finanziert. Somit befinden sie sich in verschiedenen Entwicklungsstadien, aber keine von ihnen ist schon lizenzreif.

Die Achillesferse dieser Vakzine sind klinische Studien der Phase I am Menschen. Hier werden wir Wissenschaftler leicht frustriert, da wir wissen, dass diese Impfstoffe Tiere schützen, und wir verstehen nicht, warum die Dinge nicht schneller vorangehen können und die Regulierung so streng ist. Die Frage, warum das so lange dauert, kann ich Ihnen also leider nicht beantworten.

Warum gelingt es dem menschlichen Immunsystem nicht, gegen das Virus anzukämpfen?

Das Ebola-Virus wird gewöhnlich durch engen Kontakt übertragen, und die ersten Zellen, die es angreift, sind Zellen, die bedeutend für die erste Verteidigungslinie unserer Immunabwehr sind – Monozyten, Makrophagen und dendritische Zellen. Diese Zellen sind wichtig, weil sie die allerersten sind, die erkennen, dass etwas Fremdes in unseren Körper eingedrungen ist, und die ersten Zellen, die unsere angeborene Immunabwehr aktivieren, um die Infektion zu bekämpfen. Das erschwert die Aufstellung einer effektiven Immunabwehr gegen das Virus – unser Körper hat es schwer, das Virus abzuwehren. Und das Virus vermehrt sich bis zu einem Punkt, an dem es dann voll und ganz die Hauptorgane unseres Körpers erobert.

Kann eine Impfung diesen Effekten entgegenwirken?

Ich werde Ihnen an einem Beispiel veranschaulichen, wie ein Impfstoff wirken könnte. Der Impfstoff VSV ist höchstwahrscheinlich einer der vielversprechendsten, und er basiert auf einem viralen Vektor, der mit dem Tollwutvirus verwandt ist. Es ist ein kegelstumpfförmiger Partikel, und auf seiner Oberfläche befindet sich ein "Glykoprotein" – ein Strukturprotein, das es dem Virus ermöglicht, seine Wirtszelle zu erkennen, daran zu binden und die Macht über die Maschinerie der Wirtszelle zu übernehmen. Mit einer Vakzine entfernen wir die Gene, die für das Glykoprotein des VSV-Virus kodieren, und ersetzen es mit einem Gen, das für das Glykoprotein von Ebola kodiert. Letztendlich landet man bei einem Impfstoff, der ein Ebola-Glykoprotein auf der Oberfläche trägt. Wie Ebola verhält es sich jedoch nun nicht, weil der Rest seines Genoms nicht Ebola ist. Da unser Körper das Ebola-Glykoprotein besitzt, erkennt dieser es als fremd an und baut eine Immunantwort gegen Ebola auf.

Wie weit ist man mit der Entwicklung des VSV-Impfstoffes?

Wir sind nun an dem Punkt angekommen, an dem wir versuchen, die Geldmittel für menschliche Studien aufzutreiben.

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Welche biologischen Herausforderungen bei der Entwicklung einer Ebola-Impfung gibt es?

Es existieren einige Impfstoffe, die sich nicht reproduzieren. Sie sind tendenziell sicherer. Dann gibt es noch andere Impfstoffe, die zwar wirksamer sind, aber "replikationskompetent". Ein Beispiel für letztere wäre die Masern- oder die Gelbfieberimpfung. In der Regel sind die Erreger sozusagen verkrüppelt und nicht mehr so gefährlich wie ein Wildtypvirus, aber bestimmte Patienten könnten einen Behandlungsschaden erleiden, wenn ihnen ein derartiger Impfstoff verabreicht wird.

Diese replikationskompetenten Impfungen könnten mit nur einer einzige Spritze verabreicht werden, während man mit den so genannten replikationsdefektiven Impfungen jedes Jahr eine Auffrischung machen müsste, weil diese eben nicht so leistungsstark sind. Soll man sich also für eine Impfung entscheiden, die Menschen durch nur eine einzige Spritze schützt? In Afrika muss man das beinahe tun, weil man sich in einer Gegend wie dieser glücklich schätzen kann, jemanden nur einmal in die Klinik bringen zu müssen. Es ist ein Kompromiss – Effizienz gegen Sicherheit. Das ist eine der größten Herausforderungen.

Können Sie eine Schätzung darüber abgeben, wann wir einen geeigneten Impfstoff gegen das Ebola-Virus haben werden?

Meiner Einschätzung nach irgendwann zwischen zwei und sechs Jahren. Ich sage das ungern, aber das hängt wirklich von der finanziellen Unterstützung der kleinen Firmen ab, die diese Impfstoffe entwickeln. Studien am Menschen sind teuer und erfordern einiges an Regierungsgeldern. Für Ebola existiert nur ein kleiner globaler Markt – einem großen Pharmakonzern mangelt es an Motivation, eine Ebola-Impfung herzustellen. Demnach bedarf es einer Förderung durch die Regierung.

Lesen Sie dazu auch unseren Artikel "5 Fakten über Ebola"

Ich hätte gerne ein Situation, in der wir versuchen würden, den Hauptkandidaten unseres Impfstoffs so zu verbessern, dass wir die Studien der Phase I so schnell es geht hinter uns bringen können. Ich denke, wir sollten in Gebieten mit hohem Risiko bei den Helfern vor Ort damit anfangen. Dieser Ausbruch ist so ungewöhnlich, weil er in einer Gegend auftritt, in der wir das Virus vorher nie gesehen haben, und auch weil hier scheinbar ein höherer Prozentsatz an medizinischem Personal infiziert ist als je zuvor. Ich habe gesehen, wie alle diese Impfstoffe bei zahlreichen Tieren gewirkt haben, und an keinem von ihnen je auch nur einen Behandlungsschaden beobachtet. Ich verstehe die Sicherheitsbedenken, aber es wäre toll, wenn es einen Weg gäbe, das Ganze zu beschleunigen. Menschen sind Ebola ausgesetzt, und es besteht eine 60- bis 90-prozentige Chance, dass sie sterben werden. Ich denke, dass wir das in diesem Zusammenhang betrachten müssen.

Dieser Artikel erschien unter dem Titel "Health: When Will We Have a Vaccine for Ebola Virus? " in Scientific American, online, 2014.

32. KW 2014

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 32. KW 2014

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