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Erinnerungsverzerrungen: Waren Sie früher glücklicher als heute?

Vielen Menschen scheint das Leben in der Rückschau etwas anders, als es tatsächlich war: Die heute Unglücklichen sehen ihre Vergangenheit rosiger. Und die heute Glücklichen meinen, einst weniger glücklich gewesen zu sein.
Eine junge Frau hängt Fotos an einer Pinnwand auf
Früher war es schöner, oder zumindest scheint es manchmal so. (Symbolbild)

Können wir uns an alte Zeiten richtig erinnern? Oder sieht die Vergangenheit im Rückblick anders aus? Die Antwort suchten Alberto Prati vom University College London und Claudia Senik von der Sorbonne Université in Paris in Längsschnittstudien aus den USA, Frankreich, Großbritannien und Deutschland. In den Zehntausenden von Datensätzen entdeckten sie systematische Erinnerungsverzerrungen: »Die Menschen können sich erinnern, wie sie sich gefühlt haben, aber die Erinnerung vermischt sich damit, wie sie sich heute fühlen«, berichten Prati und Senik in »Psychological Science«.

Die beiden Ökonomen werteten zunächst Daten von 11 000 Erwachsenen aus, die in den Jahren 2006 bis 2016 am Sozio-Oekonomischen Panel, einer regelmäßigen Datenerhebung in Deutschland, teilgenommen hatten. Darin hatten sie stets Auskunft über ihre aktuelle Lebenszufriedenheit gegeben. Beim letzten Mal sollten sie eine von neun Linien auswählen, die ihrer Ansicht am besten spiegelte, wie sich ihre Lebenszufriedenheit in den vergangenen zehn Jahren entwickelt hatte.

Im Mittel über alle Befragten wurde das vergangene Glück leicht unterschätzt. Die heute Glücklichen wählten eher eine stetig aufsteigende Linie, die mäßig Glücklichen eine leicht aufsteigende und die weniger Glücklichen eine absteigende Linie. Die Glücklichen überschätzten dabei den Zuwachs an Wohlbefinden und glaubten, früher unglücklicher gewesen zu sein, als es tatsächlich der Fall war. Die weniger Glücklichen meinten hingegen, einst glücklicher gewesen zu sein, und überschätzten den Abwärtstrend.

Dieselbe Tendenz zeigte sich in den USA in Gallup-Umfragen der Jahre 1971, 1976, 2001 und 2006: Das vergangene Glück wurde unterschätzt. Im Schnitt glaubten die rund 4000 Befragten, vor fünf Jahren weniger glücklich gewesen zu sein, als sie damals angegeben hatten. Und dasselbe bestätigte eine Studie in Frankreich bei rund 18 000 Befragten im Ein-Jahres-Rückblick.

Ähnliche Verzerrungen tauchten auch in den Daten von mehr als 20 000 Britinnen und Briten auf. Auf die Frage, ob sie sich mehr, weniger oder ebenso zufrieden wie vor einem Jahr fühlten, erinnerte sich ungefähr die Hälfte von ihnen richtig. Doch bei den übrigen war die Erinnerung vom aktuellen Befinden eingefärbt.

Glück bedeutet, dass es aufwärtsgeht

»Da gerät etwas durcheinander: sich gut zu fühlen und sich besser zu fühlen«, erklären Prati und Senik. Sie schließen daraus, dass Glücksgefühle in der Regel damit verbunden werden, dass man sich besser fühle als in der Vergangenheit. Und Unglück beinhalte, dass es wohl abwärtsgegangen sein muss.

2020 hatten sie in einer Teilstudie bereits zwei weitere Theorien geäußert. Die eine: Weil wir uns nicht sicher sind, wie es wirklich war, neigen wir unbewusst in Richtung eines vermuteten Normalwerts. Die andere: Wir wollen ein möglichst positives Selbstbild bewahren. Dazu schaffen wir eine »selbstwertdienliche Illusion«, und die äußert sich je nach aktuellem Befinden unterschiedlich: bei glücklichen Menschen in einem positiven Trend in eine noch bessere Zukunft, bei unglücklichen im Schönfärben der Vergangenheit, um sich kein permanentes Versagen attestieren zu müssen.

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