Direkt zum Inhalt

Vulkanismus: Warten am Vulkan

Ständig wird mit seinem Ausbruch gerechnet, aber der Merapi auf Java nimmt sich Zeit. Derweil bleiben die Forscher vor Ort nicht untätig und versuchen, dem Berg seine Geheimnisse zu entlocken.
Merapi
Vulkane entfesseln unbändige Kräfte, bringen Unheil, machen Angst. Wenig ist über diese Feuerberge bekannt. Erst moderne Techniken wie GPS und Satelliten ermöglichen der jungen Wissenschaft der Vulkanologie, ihre Objekte der Begierde genauer unter die Lupe zu nehmen.

Zur Zunft der Vulkanforscher gehört auch Birger Lühr. Und der Vulkan Merapi auf der indonesischen Insel Java, der zurzeit wegen seines täglich erwarteten Ausbruchs für Furore sorgt, stellt für den Geophysiker vom Geoforschungszentrum Potsdam ein dankbares Forschungsobjekt dar. Schließlich zählt der als Hochrisikovulkan eingestufte Merapi zu den Lieblingskindern der Vulkanologen: Der Berg gilt als hochaktiv und bricht etwa alle fünf bis sieben Jahre aus.

Merapi | Noch schweigt er: der Vulkan Merapi vom Flugzeug aus gesehen
Als so genannter Stratovulkan zeigt er als besondere Spezialität die Ausbildung von Domen. Sie entstehen aus Magma, die aus zwei bis zwanzig Kilometern Tiefe heraufgedrückt wird, an der Oberfläche erkaltet und dadurch Staukappen bildet. Da immer mehr Material emporsteigt, wachsen die Dome, deren Druck immer weiter ansteigt, bis sie schließlich aufplatzen und das Magma zäh wie Zahnpasta herausquillt.

Der Unterbau des Feuerbergs

Mit 130 Sonden am Merapi sowie an anderen Vulkanen Zentraljavas und auf dem Meersboden vor Java will Lühr zusammen mit seinem russischen Kollegen Ivan Koulakov sowie weiteren Wissenschaftlern vom Vulkanforschungszentrum in Yogyakarta im Rahmen des Forschungsprojekts "Meramex" (Merapi Amphibious Experiment) den "Unterbau des Merapi" ergründen.
"Das könnte die Vulkanwissenschaft revolutionieren"
(Birger Lühr)
Dabei sind die Vulkanologen jetzt auf eine heiße Spur gestoßen: Sie entdeckten in der Erdkruste einen "Körper mit verringerter seismischer Geschwindigkeit". Die Daten sind zwar noch nicht vollständig ausgewertet und veröffentlicht, doch Lühr äußert sich bereits enthusiastisch: "Das könnte die Vulkanwissenschaft revolutionieren."

Der Körper erstreckt sich siebzig bis hundert Kilometer von Ost nach West, hat eine Nord-Süd-Ausdehnung von gut dreißig Kilometern und reicht durch die gesamte Erdkruste bis in den Mantel der Erde. "Das Besondere ist, dass er eine Verbindung zur abtauchenden ozeanischen Platte hat", erläutert Lühr und fügt hinzu: "Am vordersten südlichen Rand dieses Körpers sitzen der Merapi und andere Vulkane Javas." Doch Lühr gibt zu: "Wir haben keine Ahnung, warum das so ist."

Lühr vermutet, dass der entdeckte Körper die für die Region Java typischen Tiefenbeben, die im weichen Erdmantel ausgelöst werden, erklären kann. "In den Tiefen sitzen in Poren und Kristallen Flüssigkeiten", erklärt der Vulkanologe. "Nach unseren Vorstellungen werden diese Fluide durch bestimmte Temperatur- und Druckbedingungen freigesetzt und steigen als Gase, Fluide und teilweise geschmolzenem Material aus der ozeanischen Platte nach oben. Wenn das Gemisch an die Oberfläche gelangt, bildet sich ein Vulkan."

Jahr ohne Sommer

Allerdings bleibt offen, ob der Wissenschaftler das Geheimnis seiner Entdeckung vollkommen enträtseln kann. Das auf drei Jahre angelegte und aus Mitteln der Deutschen Forschungsgesellschaft sowie des Bundesforschungsministeriums finanzierte Meramex-Projekt endet im kommenden Jahr. "Ob es eine Anschlussfinanzierung zur Erforschung der offenen Fragen geben wird, ist völlig unklar", seufzt Lühr.

Birger Lühr | Der Geophysiker Birger Lühr vom Geoforschungszentrum Potsdam wartet auf den Ausbruch des Merapi. Hier sitzt er vor den Bezugsdaten zur Messung der Erdanziehung am Vulkanforschungszentrum in Yogyakarta.
Dabei sei die Kenntnis der Funktionsweise von Vulkanen von zentraler Bedeutung für die sozial-ökonomische Entwicklung der Menschheit und das globale Klima. Lühr nennt als Beispiel den Ausbruch des Tambora auf Java im Jahr 1815. Damals schleuderte der Feuerberg 150 Millionen Tonnen Staub und Asche in die Atmosphäre, die sich langsam wie ein Schleier um den ganzen Erdball legten – mit weit reichenden Folgen: 1816 erlebten die Menschen auf der Nordhalbkugel das "Jahr ohne Sommer", das Missernten in Europa und in den USA gar Frost und Schneefall zwischen Juni und August brachte.

Risikominimierung

"Wir können Vulkanausbrüche und Erdbeben nicht verhindern", betont Lühr. "Aber wir können durch intensive Forschung das Verständnis für diese Phänomene und Prozesse verbessern. Das wiederum würde eine präzisere Einschätzung des Gefährdungspotenzials ermöglichen, aus der dann risikominimierende Maßnahmen entwickelt werden können."

Mit anderen Worten: Frühwarnsysteme? Lühr vermeidet dieses Reizwort. "Frühwarnsysteme sind nur ein geringer Teil von Risikominimierungsstrategien", betont der Experte. Der Mensch müsse lernen, mit der Natur zu leben. Als nachahmenswertes Beispiel nennt er Japan, wo die Aufklärung über Naturphänomene wie Vulkanausbrüche oder Erdbeben schon in der Schule anfängt. Mit Nachdruck betont Lühr: "Es gibt keine Naturkatastrophen. Katastrophen sind von Menschen verursacht."

Rituelle Geiserbeschwörung

Großen Respekt hat der Wissenschaftler auch vor traditionellem Wissen über Naturphänomene. "In allen Kulturen hat der Mensch schon immer versucht, seine Umwelt zu verstehen und bestimmte Phänomene mythischen Figuren zuzuordnen", sagt Lühr und fügt hinzu: "Wir sollten uns hüten, überlieferte Erklärungsmodelle zu vernichten, wenn wir keinen besseren Ersatz bieten können."

So wie am Sonntag vergangener Woche, als der lang erwartete Ausbruch des Merapi unmittelbar bevor zu stehen schien. Dicke Rauchwolken stiegen kilometerhoch in die Atmosphäre, Ascheregen fiel auf die Felder auf der westlichen Flanke des Berges, bei Nacht glühte Lava dunkelrot.
"Es gibt keine Naturkatastrophen. Katastrophen sind von Menschen verursacht"
(Birger Lühr)
Die Wissenschaftler im Vulkanforschungszentrum in Yogyakarta lösten die höchste Alarmstufe aus. Zehntausende flohen in Notunterkünfte. Nur einige Unentwegte blieben stur in ihren Häusern und Dörfern – unter ihnen Marijan, der 79 Jahre alte spirituelle Hüter des Merapi. Ein Job, den schon sein Vater inne hatte und den nur der Sultan von Yogyakarta vergeben kann.

Zwei Tage später ereigneten sich dann zwei Dinge: Der Vulkan reduzierte drastisch seine Angst einflößende Hyperaktivität und – Marijan verschwand. Erst 24 Stunden tauchte der alte Mann plötzlich wieder auf. Er habe an einem heiligen Platz in der Nähe des Kraters durch Meditation und Gebete die Vulkangeister und Gott gebeten, die Menschen vor einem Vulkanausbruch zu verschonen, tat der zum Liebling der indonesischen und internationalen Vulkanjournalisten avancierte Marijan kund. Ob die Geister das Flehen Marijans wohl erhört haben?

Inzwischen geht das bange Warten am Merapi in die vierte Woche. Wann der Berg loslegt, können die Vulkanologen nicht sagen. Auch der Chef des Vulkanforschungszentrums in Yogyakarta, Antonius Ratdomopurbo, muss einräumen: "Vielleicht bricht er heute aus, vielleicht morgen, vielleicht nächste Woche, vielleicht nie."

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.