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Raumfahrt: Warum Astronauten noch nicht einparken können

"So auf keinen Fall wieder!" Da sind sich die Planer zukünftiger Expeditionen zum Mond einig. Die Risiken der Apollo-Missionen in den 1960er und 1970er Jahren darf man heute nicht mehr eingehen. Die Helden von morgen heben nicht selbst ab - sie rechnen mit beiden Füßen fest auf dem Boden die geeignetsten Landestellen aus.
Mond
Hätte Neil Armstrong sich strikt an die Sicherheitsrichtlinien gehalten, würde heutzutage niemand seinen Namen kennen. Als er zusammen mit Edwin Aldrin in der Landefähre Eagle auf die Mondoberfläche zu schoss, stellte die sich nämlich als Geröllwüste mit Kratern heraus. Der Treibstoff ging bereits bedrohlich zur Neige, als der Kommandant sich für das Risiko entschied und zur Landung ansetzte. Mit Erfolg und dem nötigen Quäntchen Glück, wie wir im Nachhinein wissen.

Glück, auf das sich die Raumfahrt inzwischen nicht mehr verlassen kann. Die Ereignisse der letzten Jahre haben gezeigt, dass die Öffentlichkeit kaum noch rein euphorisch das Geschehen im All verfolgt. Schadenfreude macht sich breit, wenn mal wieder eine Marssonde verschollen ist, und die gesamte bemannte Raumfahrt kommt auf den Prüfstand, wenn das Abenteuer sogar Menschenleben fordert. Hat im Zeitalter des Kalten Krieges der Wettbewerb alle Mittel gerechtfertigt, lautet im heißen Frieden die oberste Maxime "Sicherheit".

Und das bedeutet bei Ausflügen ins All ebenso wie beim Einparken vor dem Supermarkt: kluge Wahl des Parkplatzes! Wer demnächst auf den Mond will, muss exakt wissen, wie steil die anvisierte Landestelle ist, wie rau sich die Oberfläche darstellt, wie viele Steine dort herumliegen und welche Größe sie haben. Schließlich fliegt heutzutage niemand mehr ohne begleitenden Miniroboter à la Sojourner, der es eben schön eben mag. Kurz: Man braucht sehr gute Ortskenntnisse.

Für den Mars liegen die entsprechenden Karten vor, dank zahlreicher Missionen, die mit allen erdenklichen Wellenlängen das Gelände vermessen haben. Beim Mond befinden wir uns im Status des hilflosen "Naja". Im Bereich um die alten Landeplätze von Apollo und den unbemannten sowjetischen Sonden kennen wir jeden Strauch, pardon: Stein. Andernorts herrschen dagegen Unsicherheiten, die durchaus ein paar hundert Meter oder mehr ausmachen können. Von der Rückseite des Mondes schweigen wir besser ganz.

Nun geht es aber nicht darum, einfach irgendwo das Vehikel abzustellen. Nein, es muss schon möglichst nah an den Einkaufszentren sein. Auf dem Mond also in Nähe der Pole, wo es ewig dunkle Krater gibt, in denen eventuell gefrorenes Wasser existieren könnte, und zugleich an einem dauerhaft sonnigen Plätzchen für die Energieversorgung. Doch ausgerechnet für diese Gegenden gibt es praktisch kein geeignetes topografisches Wissen. Eine Landung dort wäre gegenwärtig vergleichbar mit Einparken bei zugefrorenen Scheiben.

Und einem Auto voller Beifahrer, die alle den besten Platz zu kennen meinen. Denn die exaktesten vorliegenden Daten stammen von erdgebundenen Radarmessungen und der Sonde Clementine – die sich leider bei entscheidenden Fragen gerne mal widersprechen.

Was tut der kluge Autofahrer in so einem Fall? Richtig: Er besorgt sich ein Navigationssystem mit dem neuesten Datensatz. Und wenn es das noch nicht gibt, wird eben gewartet. Bis Smart-1 von der Esa, Selene aus Japan, Chang'e 1 aus China, der indische Chandrayaan-1 und der Lunar Reconnaissance Orbiter aus den Nasa-Werkstätten geklärt haben, wo beim Erdtrabanten oben, unten, glatt und körnig zu finden ist.

Bis dahin gehen allerdings noch einige Jährchen ins Land. Zeit genug für potenzielle Astronauten, den Führerschein für die neue Landefähre zu machen. Denn letztlich entscheidet das Geschick des Fahrers, ob er sein Gefährt gefühlvoll in die Lücke bugsiert oder einen hässlichen Blechschaden produziert. Ein bisschen Glück muss man eben auch in der modernen Raumfahrt mitbringen.

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