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Kirchen: Warum brannte Notre-Dame lichterloh?

Bang blickten die Pariser - und mit ihnen viele Menschen in Europa - auf das flammende Inferno von Notre-Dame. Eine erste Abschätzung der Ursachen und Schäden.
Brennende Kirche Notre-DameLaden...

Hoch schlugen am Montagabend die Flammen aus dem Dachstuhl des Weltkulturerbes Notre-Dame im Herzen von Paris: Schnell fraß sich das Feuer durch den kompletten Dachstuhl der Kathedrale, der praktisch vollständig zerstört wurde. Stundenlang war nicht sicher, ob es den 400 eingesetzten Feuerwehrleuten gelingen würde, die Kirche überhaupt zu retten, oder ob sie einstürzen würde. Kurz vor Mitternacht kam dann die erlösende Nachricht, dass die »Struktur gesichert ist« und das Gebäude nicht zusammenbrechen würde. Was weiß man bislang über das Feuer und seine Schäden?

Was löste den Brand aus?

Die Staatsanwaltschaft ermittelt, aber das ist bei derartigen Feuern normal. Die Behörden gehen bislang nicht von einem Terroranschlag oder Brandstiftung aus. Vielmehr vermuten sie einen Zusammenhang mit den umfangreichen Renovierungsarbeiten, die an der Kirche begonnen wurden. Dazu wurde der Dachstuhl zu großen Teilen eingerüstet, und von hier ausgehend soll das Feuer begonnen haben. Aus Brandschutzgründen hatte man auf Schweißgeräte verzichtet, der Verdacht konzentriere sich momentan auf elektrische Schraubmaschinen, so die Behörden. Die genauen Hintergründe dürften aber erst in den nächsten Wochen geklärt werden.

Warum breitete sich das Feuer so schnell aus?

Die ersten Anzeichen eines Brandes wurden gegen 18.50 Uhr bemerkt, kurze Zeit später loderten bereits große Teile des Dachstuhls. Er stammte zum Teil noch aus dem 13. Jahrhundert, andere Bereiche wurden im 19. Jahrhundert errichtet. Insgesamt wurden etwa 1300 Eichen verbaut, weshalb der Dachstuhl auch »der Wald von Notre-Dame« genannt wurde. Dieses Holz war durch die lange Lagerung natürlich knochentrocken und brannte daher wie Zunder. Gegenüber »Domradio.de« verweist der Kölner Dombaumeister Peter Füssenich auf einen weiteren potenziellen Faktor, der beim Kirchenbrand von Sankt Peter in Düsseldorf vor einigen Jahren eine Rolle spielte. Bei Dachsanierungsarbeiten kam es damals zu einer Verpuffung bei einem Gasbrenner, woraus sich eine Staubexplosion entwickelte, die den Brand extrem beschleunigte. Innerhalb von Sekunden habe der gesamte Dachstuhl in Flammen gestanden. Dazu kommt noch die besondere Konstruktion vieler Kirchen: Man will hohe, offene Räume haben, doch diese sorgen quasi auch für unkontrollierbare stetige Luftzufuhr, die das Feuer benötigt. Man kann einem Brand dieser Größe praktisch nicht mehr einfach den Sauerstoff abdrehen – zumal das riesige Feuer die Luft regelrecht ansaugt und sich dadurch nährt. Zudem sorgte der Wind in Paris für weitere Luftzufuhr.

Warum setzte man keine Löschflugzeuge ein?

Es dauerte mehrere Stunden, bis die Flammen so weit unter Kontrolle waren, dass die Einsatzleitung Entwarnung geben konnte. Viele Menschen in den sozialen Medien fragten sich, warum das nicht schneller ging – etwa mit Hilfe von Löschflugzeugen. Brandexperten widersprachen diesem Ansinnen allerdings rasch: Löschflugzeuge können mehrere Tonnen Wasser gleichzeitig abwerfen, was eine Gefahr für das Deckengewölbe der Kirche bedeutet hätte. Das Gewicht des aufprallenden Wassers hätte das Gewölbe durchschlagen und das Gebäude einstürzen lassen können. Deshalb habe man sich von den Seiten genähert. Priorität der Arbeiten sei es gewesen, die Struktur der beiden Türme zu schützen, sagte Feuerwehrsprecher Gabriel Plus. Man hatte befürchtet, dass das Feuer unter anderem die Aufhängung der riesigen Glocken zerstört oder so schwächt, dass diese abstürzen, was die gesamten Türme zu Fall hätte bringen können – mit unabsehbaren Folgen für das restliche Kirchenschiff. Wegen des Einsturzes des Spitzturms in der Mitte der Kathedrale mussten sich die Feuerwehrleute aus diesem Teil der Kirche zurückziehen. Hier sei dann ein Roboter eingesetzt worden, so Plus.

Welche Schäden sind entstanden?

Der Dachstuhl, der teils noch aus der Frühzeit der Kathedrale stammte, ist praktisch zerstört. Auch der Spitzturm im hinteren Bereich des Gebäudes brach dadurch zusammen. Im Rahmen der Renovierungsarbeiten wurden aber erst vor wenigen Tagen die Kupferfiguren der zwölf Apostel und vier Evangelisten abgebaut und zur Restaurierung abtransportiert – Glück im Unglück also. Die Statuen befanden sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts in rund 50 Meter Höhe an der Kathedrale und wurden vom Architekten Eugène Viollet-le-Duc dort angebracht. Er war für die große Instandsetzung von Notre-Dame zwischen 1844 und 1864 zuständig.

Das Chorgestühl im Inneren und der Hauptaltar sollen ebenfalls verbrannt sein. Ungewiss ist, was mit den bunten Glasrosen von Notre-Dame passiert ist. »Die beiden Rosen in den Querhäusern besaßen noch weitgehend mittelalterliche Verglasungen«, sagte die ehemalige Kölner Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner gegenüber »Spektrum.de«: »Ich fürchte, sie haben das Feuer nicht überlebt.« Es gibt bislang nur widersprüchliche Aussagen dazu aus Paris. Sie bestanden aus Bleiglas, das einen relativ niedrigen Schmelzpunkt hat. Zumindest die obere Rose scheint geschmolzen zu sein. Allerdings gibt es Augenzeugenberichte, laut denen »La Rosace Nord« noch intakt ist. Andere berichten, es sei zersplittert. Laut AFP wiederum könnte »Rosace Nord« überdauert haben – es ist 800 Jahre alt und zeigt(e) wie die anderen Fenster eine Geschichte aus der Bibel.

Die Feuerwehrleute kämpften nicht nur gegen die Flammen, sondern retteten aus dem Inneren der Kirche auch so viele Kunstschätze, wie ihnen möglich war. Laut Frankreichs Kulturminister Franck Riester konnte der größte Teil der religiösen und künstlerischen Schätze gerettet werden – darunter die vergoldete Dornenkrone, die Jesus Christus bei seiner Kreuzigung getragen haben soll. Die Flammen hätten den Kirchenschatz nicht erreicht, bestätigte auch Patrick Chauvet, der Direktor des Gotteshauses, gegenüber den Medien. Die Dornenkrone und andere Gegenstände seien vorläufig im Pariser Rathaus untergebracht worden. Erste Bilder aus dem Inneren der Kirche zeigen, dass das goldene Kreuz von Notre-Dame ebenso unversehrt ist wie der Hochaltar. Auch die Orgel, eine der berühmtesten und größten der Welt, blieb unbeschädigt.

Schwieriger abzuschätzen seien die Langzeitschäden, so Schock-Werner: »Bei den Steinen muss man prüfen, wie weit sie ausgeglüht sind. Das gilt vor allem für die Gewölbe, von denen bisher allenfalls ein Teil eingestürzt zu sein scheint. Durch große Hitze können Steine ihre Festigkeit verlieren!« Das war beispielsweise bei der Dresdner Frauenkirche der Fall, welche die Feuersbrunst der Luftangriffe vom 13. und 14. Februar 1945 noch überstanden hatte. Doch am 15. Februar konnten die ausgeglühten Innenpfeiler die Last des Gewölbes mit der Kuppel nicht mehr tragen – und die Kirche stürzte ein.

Wie geht es weiter?

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat bereits angekündigt, dass die Kathedrale wieder aufgebaut wird. Als Nächstes müssen Statiker die Standfestigkeit des Gewölbes prüfen. Die Kosten für die Renovierung dürften sich auf einen dreistelligen Millionenbetrag belaufen. Zwei französische Milliardärsfamilien haben bereits 300 Millionen Euro für den Wiederaufbau zugesagt. Und erste Spendensammelaktionen laufen bereits. »Neben Untersuchungen der Konstruktion und der statischen Sicherung muss zudem ein leichtes Notdach aufgesetzt werden, um das Bauwerk vor weiteren Schäden zu schützen«, betont Barbara Schock-Werner.

Wäre ein derartiges Feuer am Kölner Dom auch möglich?

Diese Frage verneint die frühere Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner – zumindest nicht in der Form, wie es Notre-Dame heimgesucht hat. »Der Kölner Dom hat einen eisernen Dachstuhl, auch unser Vierungsturm ist aus Eisen. Ein solcher Brand wäre nicht möglich.«

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