Künstliche Intelligenz: Warum KIs besser Schach spielen als Menschen

Inzwischen schlagen künstliche Intelligenzen sogar die besten menschlichen Schachspieler zuverlässig. Wieso das so ist, war bisher rätselhaft. Doch nun zeichnet sich ein wesentlicher Grund für die Überlegenheit der Maschinen ab: Wie Adamo Cerioli von der Universität Parma sowie Edward Lee und Vito Servedio vom Complexity Science Hub in Wien berichten, halten KIs die Komplexität des Spiels länger aufrecht. Sich auf diese Weise mehr Möglichkeiten offenzuhalten, sei eine Fähigkeit, die auch menschliche Spielerinnen und Spieler mit zunehmender Spielstärke erwerben, schreibt die Gruppe in der Fachzeitschrift »APS Open Science«. KI sei darin aber inzwischen überlegen. Das Forschungsergebnis weist nach Ansicht der Fachleute auch über Schach hinaus, denn in vielen Entscheidungsprozessen müsse man eine Vielzahl sich laufend verändernder Optionen und Szenarien im Blick behalten.
Um zu messen, wie viele Möglichkeiten in einer Situation auf dem Schachbrett bestehen bleiben, entwarfen die drei Forscher das Konzept der strategischen Spannung. Dazu entwickelten sie ein virtuelles Netz, das aus Beziehungen zwischen Figuren und Feldern besteht. Eine Angriffsverbindung zwischen zwei Spielsteinen liegt zum Beispiel vor, wenn eine Figur eine andere schlagen kann, während bei einer Verteidigungsverbindung eine Figur eine andere deckt. Die dritte Kategorie der Kontrollverbindung bezieht sich auf Felder, die eine Figur nicht betreten kann, ohne potenziell geschlagen zu werden. Bei jedem Zug bildet sich ein Netz aus bis zu maximal 64 Knoten samt ihren Verbindungen untereinander. Mithilfe einer statistischen Methode berechneten die Forscher daraus dann eine Maßzahl für die strategische Spannung.
Die Fachleute betrachteten nun, wie sich diese Maßzahl im Verlauf der Schachpartien von Menschen und KI-Modellen veränderte. Dabei stellte sich heraus, dass die KI-Modelle die strategische Spannung systematisch länger aufrechterhalten. So reduzierten die menschlichen Spielerinnen und Spieler um den 20. Zug herum die Spannung recht zügig, während die KI damit erst etwa nach dem 35. Zug begann und danach die Komplexität schrittweise abbaute. Dadurch verfügen die Modelle länger über eine größere Auswahl an Spielzügen und verschaffen sich einen strategischen Vorteil. Cerioli, Lee und Servedio vermuten, dass Menschen hier unterlegen sind, weil sie schlicht nicht die Rechenkapazität haben und deswegen Kompromisse eingehen müssen. Dafür spreche auch, dass weniger leistungsfähige KI-Modelle ebenfalls weniger strategische Spannung aufrechterhalten.
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