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Meteorologie

Warum durch Irma das Meer verschwand

"Irma" bringt weiterhin starken Wind und Regenmassen nach Florida, während "Jose" auf dem Atlantik seine Bahn zieht. Beide Hurrikane sorgten für ein seltenes Naturphänomen.
Hurrikan Irma an Floridas Küste

Inmitten der Bilder von Zerstörungen in der Karibik – von Barbuda über Kuba bis Florida – sorgten einige Aufnahmen aus sozialen Netzwerken für besondere Aufmerksamkeit: Sie zeigten, wie sich das Meer komplett von den Stränden mancher Bahamas-Inseln oder aus der Tampa Bay zurückgezogen hat. So weit die Sicht reichte, fehlte das Wasser. Angesichts der drastischen Warnungen vor Sturmfluten waren das überraschende Bilder. Doch es handelt sich dabei um ein seltenes Phänomen, das im Umfeld von Hurrikanen auftreten kann, wie Greg Dewhurst vom britischen Met Office gegenüber "iNews" erklärte. Ursache war die besondere Lage der Bahamas-Inseln zwischen den beiden Wirbelstürmen "Irma", der zu diesem Zeitpunkt von Kuba nach Florida zog, und "Jose", der sich seinen Weg östlich davon auf dem offenen Atlantik bahnte.

Im Zentrum beider Hurrikane herrschte extremer Tiefdruck, der nicht nur die Luft aus dem Umfeld beider Stürme ansaugte, sondern dort auch das Meer nach oben zog. Neben den Wassermassen, die auflandige Winde gegen die Küste treiben, sorge diese "Beule" für gefürchtete Sturmfluten, so Dewhurst. An anderer Stelle fehlt dieses Wasser jedoch – wie sich beispielsweise auf Long Island in den Bahamas gezeigt hat. Dort ist der Küstenschelf sehr flach, und wahrscheinlich herrschte gleichzeitig Ebbe, so dass die Pegel ohnehin bereits niedrig waren. Dennoch kommt ein derartiges Wasserdefizit eher selten vor. Der Meteorologe Wayne Neely vom Bahamas' Department of Meteorology berichtet beispielsweise von einem Ereignis 1936, als Menschen auf den trockengefallenen Meeresboden gelaufen sind, um dort Muscheln und Fische zu sammeln – verbunden mit einer Warnung, dass das Wasser rasch wieder zurückkehren könne.

Auch in der flachen Tampa Bay zog sich das Wasser vor der Passage von "Irma" stark zurück und gab Meeresboden frei, so dass einige Schaulustige teils mit ihren Hunden hinausgelaufen sind. Das National Hurricane Center der USA warnte jedoch, das Meer werde innerhalb weniger Minuten mit Macht und einer Sturmflut von drei bis fünf Metern über dem Mittel zurückkehren, sobald der Sturm näher rückt und die Windrichtung sich ändert. Wie stark "Irma" Wasser aus flachen Buchten saugte, zeigt auch ein Beispiel aus Sarasota in Florida, wo zwei Seekühe dadurch auf trockengefallenen Seegraswiesen strandeten, weil sich das Meer zu schnell zurückgezogen hatte.

Inzwischen arbeitet sich "Irma" weiter nordwärts und schwächt sich dabei zusehends ab, weil der Sturm über Land zieht und Scherwinde ihn in der Höhe beeinträchtigen. In der Nacht von Montag auf Dienstag erreicht er Alabama – dann "nur" noch als normaler Tropensturm, der jedoch weiterhin viele Niederschläge bringen wird.

37/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 37/2017

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