Straße von Hormus: Warum es am Persischen Golf so viel Öl gibt – und es dort festsitzt

Die Straße von Hormus ist ein Nadelöhr für die weltweite Versorgung mit fossilen Rohstoffen. Normalerweise passiert ein Fünftel aller weltweiten Öl- und Flüssigerdgaslieferungen die enge Straße von Hormus auf ihrem Weg aus dem Persischen Golf. Doch das änderte sich kurz nach Beginn der Angriffe der USA und Israels auf den Iran am 28. Februar. Seither ist die Straße praktisch gesperrt. In der Folge stiegen die Preise für Öl und Gas, eine Energiekrise droht.
Die geopolitischen Interessen in dieser Region sind dabei eng mit ihrer Geologie verknüpft. Dass der Ausgang aus dem Persischen Golf so eng ist und dass die Region überhaupt über so reichhaltige Öl- und Gasvorkommen verfügt, geht nämlich beides auf die gleiche Ursache zurück: eine Kollision von Kontinentalplatten. Sie hat sich über Millionen von Jahren entwickelt.
Der Iran befindet sich auf einer Linie, an der die Arabische Platte auf die Eurasische Platte trifft. Auf der Arabischen Platte liegen Saudi-Arabien und der Persische Golf. Dieser Zusammenstoß zweier Kontinente hat das Zagros-Gebirge entstehen lassen, eine lange Bergkette im Iran, die auf die Arabische Platte drückt und sie verbiegt wie ein Lineal. Durch diese Verformung entsteht eine Vertiefung in der Erdkruste, ein sogenanntes Vorlandbecken, in dem sich riesige Mengen an Kohlenwasserstoffen ansammeln. Auch Wasser füllt dieses Becken – es bildet den langen, schmalen Persischen Golf. »Hier kommen mehrere geologische Faktoren zusammen, die zu diesen riesigen Öl- und Gasvorkommen im Nahen Osten auf beiden Seiten des Persischen Golfs geführt haben«, sagt Mark Allen, Professor für Geowissenschaften an der Durham University in England.
Vor Hunderten von Millionen Jahren war das nördliche Ende der heutigen Arabischen Platte ein sogenannter passiver Kontinentalrand. Er fungierte als Grenze zwischen kontinentaler und ozeanischer Kruste und war tektonisch ruhig, erklärt Edwin Nissen, Professor für Erd- und Meereswissenschaften an der University of Victoria in British Columbia. Ein modernes Beispiel für eine solche Anordnung ist die Ostküste der USA.
Im Lauf der Zeit stieg und sank der Meeresspiegel an diesem ruhigen Rand, wodurch sich Schicht um Schicht an organischen Verbindungen reicher Schiefer, poröser Sandstein, gebrochener Kalkstein, Salz und eine harte Deckschicht bildeten, sagt Nissen. Das tief vergrabene organische Material verwandelte sich unter enormem Druck und Hitze in Öl und Erdgas. In Sandstein und Kalkstein bildeten sich Spalten und Brüche, in denen sich diese Kohlenwasserstoffe ansammeln konnten, und die Deckschicht hielt alles an seinem Platz. Heute finden sich in dieser geologischen Region laut einer Studie aus dem Jahr 2024 schätzungsweise zwölf Prozent der weltweiten Ölreserven.
Diese kilometerdicken Schichten waren noch vorhanden, als die Arabische Platte, angetrieben durch die Öffnung des Roten Meers an ihrer südwestlichen Seite, vor etwa 30 Millionen Jahren begann, sich in Richtung Nordosten zu bewegen und mit Eurasien zu kollidieren. Wie die Motorhauben zweier Autos bei einem Verkehrsunfall prallten die Kontinente aufeinander, verkürzten und verbogen sich gleichzeitig. Noch immer bewegen sich die Arabische und die Eurasische Platte mit einer Geschwindigkeit von rund 20 Millimetern pro Jahr aufeinander zu und lösen dabei manchmal verheerende Erdbeben aus.
Halbinsel drückt gegen Gebirgsfront
Durch die Kollision entstand der Zagros-Falten- und Überschiebungsgürtel, der laut Allen »der Traum eines jeden Geologen« ist. Der Gürtel besteht aus einer 1600 Kilometer langen Gebirgskette, die sich vom Osten der Türkei bis zur Straße von Hormus am Ende des Persischen Golfs erstreckt. Prozesse wie Vergletscherung und Erosion prägen das Profil der meisten Berge, in den Zagros-Bergen sind die Falten der Kontinentalkollision aber in Form von langen, ununterbrochenen Graten gut nachvollziehbar. Die Berge selbst sind zwar zu deformiert, um Kohlenwasserstoffe zu enthalten, doch in ihrer Nähe, wo die Topografie weniger ausgeprägt ist, fangen ähnliche unterirdische Falten Öl und Gas in riesigen Feldern ein. »Der Zagros hat alles, was man für Öl und Gas braucht«, sagt Nissen.
Das Gewicht der Berge, das auf die Erdkruste drückt, hat das Becken des Persischen Golfs geschaffen. Da das Zagros-Gebirge ein schmales und flaches Gebiet der Erdkruste eindellt, ist der Golf nur 110 Meter tief und höchstens 340 Kilometer breit. An der Straße von Hormus verengt die Musandam-Halbinsel, zu der Teile des nördlichen Oman und der nördlichen Vereinigten Arabischen Emirate gehören, den Golf weiter auf lediglich etwa 55 Kilometer Breite.
Nicht nur der Golf, auch die Meerenge ist das Ergebnis der Kollision von Kontinenten: Ein Großteil Omans besteht aus dem Semail-Ophiolith, einem riesigen Stück ozeanischer Kruste, das auf das Land gedrückt wurde, als sich der alte Ozean zwischen der Arabischen und der Eurasischen Platte schloss. Laut Renas Koshnaw von der Georg-August-Universität in Göttingen ist die Meerenge aufgrund des starren Gesteins der Musandam-Halbinsel, die senkrecht zum Zagros-Gebirge hervorragt, schmaler als der Rest des Golfs. Als die Kollision zwischen der Arabischen und der Eurasischen Platte diese beiden Gebilde zusammenpresste, zwang die Halbinsel die Gebirgsfront – und damit den Golf –, sich wie ein Knick in einem Schlauch zu verbiegen.
Die Meerenge »existiert aufgrund der Geologie, aber für die Menschen bedeutet es derzeit ein Nadelöhr«, sagt Allen. »Die Tanker haben kaum Platz und fahren sehr nahe an der iranischen Küste entlang.«
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