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Glaube und Wissenschaft: »In Krisenzeiten sind Menschen anfälliger für Esoterik«

Ob Heilsteine oder Horoskope: Der Markt mit vermeintlich Übersinnlichem boomt. Doch aus harmlos kann schnell gefährlich werden, sagen die Autorinnen Katharina Nocun und Pia Lamberty.
Braunes Fläschchen steht auf einem Tisch neben bunten Kristallen
Viele Menschen haben einen Hang zu Übernatürlichem. Umfragen zufolge glaubt etwa jeder vierte Deutsche an Wunderheiler.

Spirituell angehauchte Produkte und Therapien erfreuen sich erstaunlich großer Beliebtheit. Ungefährlich sind sie dabei nicht immer: Die Esoterik sei nicht nur wirkungslose Abzocke, sondern auch Tummelplatz für riskante politische Ideen, schreiben die Sozialpsychologin Pia Lamberty und die Publizistin Katharina Nocun in ihrem Buch »Gefährlicher Glaube. Die radikale Gedankenwelt der Esoterik«. Im Interview erklären sie, warum Übersinnliches so anziehend auf viele Menschen wirkt, welchen Schaden das anrichten kann und wie man mit Personen umgeht, die mehr auf ihre Intuition als auf Fakten vertrauen.

»Spektrum.de«: Gemeinhin gilt die Esoterik als eher harmlose Spinnerei. Sie sehen das anders – und warnen in Ihrem neuen Buch eindringlich vor deren Gefahren. Wie kamen Sie auf das Thema?

Katharina Nocun: Schon für die Recherche zu unserem ersten Buch waren wir auf einer Esoterikmesse in Berlin-Wilmersdorf. Dort konnten wir ein breites Spektrum der Szene erleben: Ein esoterischer Arzt machte in einem Vortrag Stimmung gegen das Impfen – gemischt mit homophoben Äußerungen und Verharmlosungen der AfD. Da applaudierten auch Menschen, bei denen man es vom äußeren Eindruck her gar nicht erwartet hätte. An einem Stand bot man eine Aura-Analyse per E-Mail an. In meiner Auswertung hieß es dann, ich stünde kurz vor einem körperlichen und seelischen Kollaps – könnte das aber verhindern, wenn ich für rund 1000 Euro verschiedene Produkte kaufen würde. Ganzheitlich war daran nur das Geschäftsmodell. An einem anderen Stand wurden Heilsteine gegen Krebs verkauft. Was macht das mit einer Person, die gerade auf eine Chemotherapie angewiesen ist – und im schlimmsten Fall stattdessen auf solche Ansätze setzt? Die Übergänge von vermeintlich harmlosen Angeboten zu jenen, die drastische Auswirkungen auf das eigene Leben haben können, sind fließend.

Ihre Kritik richtet sich vor allem gegen das Politikverständnis mancher esoterischer Lehren. Was meinen Sie damit genau?

Pia Lamberty: Eine demokratische Gesellschaft funktioniert im besten Fall so, dass Menschen teilhaben können und alles transparent abläuft. Viele esoterische Angebote nehmen den umgekehrten Weg: Es sind Geheimlehren, die nur wenigen Eingeweihten zugänglich sein sollen.

Nocun: Auch nach innen sind viele esoterische Gruppen autoritär aufgebaut: Da gibt es eine erleuchtete Führerfigur, die ihre Weisheit aus spirituellen Quellen speist und deshalb kaum hinterfragt werden kann. Schon in der New-Age-Bewegung der 1960er und 1970er Jahre war das ein Problem. Viele verbinden diese Zeit mit den Kämpfen für Gleichberechtigung und Teilhabe. Doch damals buhlten auch zahlreiche Gruppen um Anhänger, die meinten, man solle die weltlichen Probleme lieber sich selbst überlassen, da ohnehin bald das goldene Zeitalter eintrete.

Pia Lamberty und Katharina Nocun | Pia Lamberty (links) ist Sozialpsychologin und forscht unter anderem zu Verschwörungsdenken. Katharina Nocun arbeitet als Buchautorin zu den Themen Digitalisierung und Gesellschaft. Mit »Denkangebot« betreibt sie ihren eigenen Podcast. Gemeinsam haben die beiden bereits zwei Bücher über Verschwörungsideologien und deren Gegenmittel verfasst. Ihr neues Buch »Gefährlicher Glaube. Die radikale Gedankenwelt der Esoterik« ist im Herbst 2022 im Quadriga Verlag erschienen.

Lamberty: Die starke Individualisierung sehe ich ebenfalls kritisch. Es geht nicht darum, strukturell etwas zu verändern, sondern nur darum, das Individuum zu optimieren.

Dieser Vorwurf trifft allerdings auch auf viele Angebote außerhalb der Esoterik zu. Was ist hier das Besondere?

Lamberty: Mich erschreckt die massive Schuldverdrehung. Mir haben Menschen erzählt, wie ihnen die Verantwortung für ihre chronische Erkrankung zugeschoben wurde. Und bei der Flutkatastrophe 2021 behauptete ein Esoteriker, das Hochwasser in der eigenen Wohngegend käme von einer Blockade der weiblichen Energien. Wer also im Ahrtal das eigene Haus verloren hatte, sollte jetzt auch noch selbst schuld an der Katastrophe sein. Das setzt Menschen unter Druck, die ohnehin gerade in einer fragilen Situation sind.

Viele Menschen haben einen gewissen Hang zu Übernatürlichem: Laut einer Studie von Oliver Decker und seiner Arbeitsgruppe glaubt etwa jeder vierte Deutsche an Wunderheiler, rund ein Drittel zumindest teilweise an Horoskope. Was macht die esoterische Gedankenwelt so anziehend?

Lamberty: Obwohl das Phänomen so weit verbreitet ist, gibt es nur wenig empirische Forschung dazu. Das liegt auch daran, dass es sich um einen recht schwammigen Sammelbegriff handelt, der sehr verschiedene Ansätze vereint. Was wir aber wissen: Der Glaube an Esoterik und alternative Heilverfahren bedient offenbar ähnliche Bedürfnisse wie der an Verschwörungserzählungen. Menschen, die soziale Isolation oder einen starken Kontrollverlust erleben, neigen verstärkt zu magischem Denken, was für beide Phänomene typisch ist. Ein weiterer Faktor ist der so genannte Gerechte-Welt-Glaube, nach der Devise: Wenn Menschen gute Dinge widerfahren, haben sie diese auch verdient – und die schlechten ebenfalls.

Spirituell angehauchte Produkte richten sich häufig an eine weibliche Zielgruppe – und laut Umfragen glauben mehr Frauen als Männer an Übersinnliches. Wie deuten Sie diesen Geschlechterunterschied?

Nocun: In Diskussionen mit Esoterikern haben wir oft gehört, dass Frauen einen besonderen Bezug zur Natur hätten, zu einer ursprünglichen Welt, die den Männern verschlossen bleibt. Eine solche Gedankenwelt bietet scheinbar die Möglichkeit, sich selbst aufzuwerten. Es handelt sich jedoch um einen Pseudofeminismus: Es mag wie Empowerment wirken – die vermittelten Rollenbilder erinnern aber eher an die 1960er Jahre.

Lamberty: Viele esoterischen Lehren folgen einer rein binären Geschlechterlogik: Der Mann stehe für die Ratio, die Frau für das Gefühl – und zusammen würden sie zu einer Einheit verschmelzen.

Nocun: Eine Schamanin erklärte mir mal, ich hätte ein besonderes Händchen für die Wohnungseinrichtung. Ich habe einige Talente, aber dieses ganz bestimmt nicht!

»Das lückenhafte Versorgungssystem in Deutschland trägt zum Problem bei«Pia Lamberty

Besonders scharf kritisieren Sie esoterische Angebote für Menschen mit psychischen Schwierigkeiten. Wieso?

Nocun: Es gibt beispielsweise so genannte Rückführungstherapeuten, die zu ihren Kunden sagen: Wir reisen gemeinsam in ein vergangenes Leben. Das kann sich für die Betroffenen sehr real anfühlen. Und natürlich, wer wäre nicht gern in einem früheren Leben eine Prinzessin oder ein großer Feldherr gewesen? Doch es kann schnell hässlich werden, wenn der Therapeut dann etwa zu einem Missbrauchsopfer sagt: Vielleicht sind Sie im früheren Leben mordend und vergewaltigend durchs Land gezogen – und müssen jetzt das negative Karma abtragen.

Lamberty: Auch das lückenhafte Versorgungssystem in Deutschland trägt zum Problem bei. Menschen warten monatelang auf einen Therapieplatz – oder machen sich Sorgen, dass die Behandlung einer möglichen Verbeamtung im Weg stehen könnte. Esoterische Heilpraktiker sind für Privatpatienten hingegen gut verfügbar.

Wie steht die Esoterikszene eigentlich selbst zur Wissenschaft?

Lamberty: Einerseits betreiben Esoteriker häufig Wissenschaftsleugnung. Da geht es darum, die Forschung als Ganzes herabzuwürdigen. Gleichzeitig bauen sie sich eine Parallelwelt aus Pseudostudien auf, welche ihre Lehren belegen sollen – etwa mit Fotos von Wasserkristallen, die angeblich unförmiger aussehen, wenn man zuvor »Hitler« auf das Gefäß schreibt. Andere berufen sich auf die Quantenmechanik – mit Interpretationen, bei denen wohl jeder Physiker schreiend davonlaufen würde. Sie versuchen, die eigenen Ansätze aufzuwerten, indem sie so tun, als folgten ihre Angebote einer streng objektiven Logik. Gleichzeitig müssen sie die Wissenschaft aber attackieren, denn: Wie sonst sollten sie beispielsweise Zuckerkügelchen als Medikamente verkaufen?

»Ich bin überzeugt, dass die Esoterik stets ihren Markt finden wird«Katharina Nocun

Ihr Buch ist ein flammendes Bekenntnis zur Wissenschaft. Kritiker bemängeln, der gegenwärtige Forschungsbetrieb sei positivistisch eingeengt, beschränke sich also auf die Untersuchung der bestehenden Welt und auf unmittelbar beobachtbare Phänomene. Erzeugt er damit nicht erst ebenjene Lücken, welche die Esoterik aufzufüllen vorgibt?

Nocun: Ich bin überzeugt, dass die Esoterik stets ihren Markt finden wird – ganz egal, wie gut die Forschung arbeitet. Esoteriker üben ja keine wissenschaftliche Kritik nach dem Motto: »Diese und jene Studie ist in Punkt drei unsauber ausgeführt.« Da kommen eher Phrasen wie: »Die feinstofflichen, nichtmateriellen Effekte sind für die wissenschaftliche Methode überhaupt nicht zugänglich.«

Sich über Esoterik lustig zu machen, ist einfach. Doch ist die Wissenschaftswelt mit seinen zahlreichen Betrugsskandalen und methodischen Schwachstellen wirklich so viel besser?

Lamberty: Ich habe mein Studium während der »Replikationskrise« durchgeführt…

…als sich herausstellte, dass sich ein großer Teil der psychologischen Studien nicht mit demselben Ergebnis wiederholen ließ – was das Vertrauen in die gesamte Disziplin nachhaltig erschütterte.

Lamberty: Die Reformen waren allerdings fundamental, etwa hinsichtlich der Stichprobengrößen oder der Vorregistrierung von Studien. Wenn man Forschungsarbeiten von 2008 und 2018 vergleicht, merkt man schnell: Dazwischen liegen Welten.

Nocun: Auch die Wissenschaft ist nicht unfehlbar. Seriöse Akteure erkennt man daran, dass sie offen für Kritik sind, ihre Fehler zugeben und richtigstellen. So kommt man allmählich der Wahrheit näher. Diese Offenheit, aus Irrtümern zu lernen, ist ein Grundsatz guter Wissenschaft.

In Ihrem Buch erwähnen Sie auch eine soziale Bewegung gegen Wissenschaftsfeinde mit Hashtags wie #FollowTheScience. Doch die Aktivisten begnügen sich oft mit der Forderung, der Wissenschaft zu »glauben«, statt die Fehlbarkeiten und Widersprüche des Erkenntnisprozesses wertzuschätzen – und wirken damit selbst ein wenig autoritär. Gibt es keine geschickteren Wege, dem esoterischen Wirrwarr zu begegnen?

Lamberty: Gemeinsam mit meinem Kollegen Roland Imhoff habe ich eine Studie zu Esoterik und Verschwörungsglauben durchgeführt. Dabei fragten wir zwei verschiedene Denkmuster ab: einen »analytischen«, faktenbasierten Stil – und einen »holistischen« Stil, der eher erfahrungsbasiert und intuitiv funktioniert. Die Wissenschaftskommunikation arbeitet meist mit dem analytischen Stil. Mir persönlich liegt das sehr nahe: wenn etwa Christian Drosten im Podcast erklärt, wie das Coronavirus funktioniert. Es gibt da aber eine Leerstelle für Menschen, die eher holistisch denken. Ich bin mir unsicher, wie sich das Problem gut lösen lässt, schließlich läuft dieser Denkstil konträr zu dem, wie Wissenschaft funktioniert. Wir sollten uns dennoch überlegen, wie wir Menschen besser erreichen, die die Welt anders verarbeiten als jene in den Wissenschaftsredaktionen.

Unsere Forschungsarbeiten haben übrigens auch gezeigt: Die Frustration über das Gesundheitssystem sagt die Nutzung von alternativmedizinischen Verfahren kaum voraus. Es liegt also nicht nur daran, dass wir es ungeschickt anstellen!

»Wer Wissenschaft ohnehin nur noch als große Verschwörung betrachtet, lässt sich nicht mehr mit Studien überzeugen«Katharina Nocun

Wie gehe ich mit dem Onkel um, der immer wieder esoterischen Produkten auf den Leim geht?

Nocun: Fragen Sie sich: Was ist die Leerstelle, welche diese Angebote besetzen – und wie kann ich dem auf gesunde Weise den Nährboden entziehen? Gerade in Krisenzeiten und Situationen von Kontrollverlust sind Menschen anfälliger für diese Ideen. Hier sollten wir unser Umfeld im Blick behalten. Je frühzeitiger man eingreift, desto eher kann man überhaupt noch rational argumentieren. Wer erst einmal ein dualistisches Weltbild aufgebaut hat und die Wissenschaft ohnehin nur noch als große Verschwörung betrachtet, lässt sich nicht mehr mit Studien überzeugen.

Lamberty: Wir sollten uns aber auch stets selbst kritisch im Blick behalten und nicht davon ausgehen, dass das nur anderen passiert. Vielleicht glaube ich nicht an Horoskope oder Heilsteine – bin aber bei einem halbgaren Psychotest plötzlich nicht mehr ganz so kritisch. Wer bei sich selbst anfängt, wird auch empathischer im Umgang mit anderen.

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