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Richtig scheitern: Aufstehen, Krone richten, weitergehen

Manche Menschen können Niederlagen nur schwer akzeptieren. Ob im Spiel oder im richtigen Leben: Wie wird man zu einem guten Verlierer?
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Die Worte, die Donald Trump am Abend nach der US-Präsidentschaftswahl im November 2020 an seine Helfer richtete, dürften in den Ohren der Demokraten wie eine Drohung geklungen haben: »Gewinnen ist einfach. Verlieren ist niemals einfach. Nicht für mich, nein.« Was danach kam, ist Geschichte: Über Wochen weigerte sich Trump, den Sieg seines Gegners Joe Biden anzuerkennen. Er versuchte mit Hilfe seiner Anwälte, zehntausende Stimmzettel für ungültig erklären zu lassen, setzte Parteifreunde unter Druck, das Ergebnis nicht anzuerkennen, und säte Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Wahlausgangs, wo er nur konnte. Kurz: In der Stunde seines Scheiterns erwies Trump sich als denkbar schlechter Verlierer.

Niederlagen gehören zum Leben. Doch sie hinzunehmen, ist nicht immer einfach. Insbesondere dann, wenn viel auf dem Spiel steht. Umso mehr ist es ein Zeichen der Größe, wenn man es schafft, dem Gegner in diesem schweren Moment Respekt zu zollen und dessen Sieg zu akzeptieren. Die meisten Menschen scheinen dazu durchaus in der Lage zu sein – zumindest in ihrer Freizeit: In einer Umfrage des Marktforschungsinstituts YouGov behaupteten fast 70 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, beim Spielen gut verlieren zu können. Jeder Vierte gab dagegen zu, damit seine Schwierigkeiten zu haben. Wie wird man das: ein guter Verlierer? Und warum fällt das manchen so verflixt schwer?

Klar ist: Erfolgreich zu sein und ganz oben auf dem Treppchen zu stehen, fühlt sich einfach gut an. Studien belegen, dass Erfolge unser Belohnungssystem ankurbeln. Wie stark der Siegesdrang vieler Menschen ist, konnten kürzlich die kanadischen Wirtschaftswissenschaftler Steven Shechter und David Hardisty nachweisen: Ihre mehr als 3000 Versuchspersonen gaben an, dass sie erhebliche Risiken eingehen würden, um in einer Rangliste vom zweiten auf den ersten Platz aufzusteigen.

Zweiter sein will niemand

Dazu passen auch Beobachtungen der US-Psychologin Victoria Husted Medvec. Sie hatte Videoaufzeichnungen von der Sommerolympiade 1992 in Barcelona ausgewertet, unter anderem von der Preisverleihung. Das Ergebnis: Die Sieger strahlten meist über das ganze Gesicht, ebenso die mit Bronze dekorierten Olympioniken. Sportler, die gerade eine Silbermedaille verliehen bekommen hatten, blickten dagegen oft etwas bedröppelt aus der Wäsche. Als Zweiter neigt man dazu, dem entgangenen Sieg nachzutrauern; als Dritter ist man dagegen froh, es überhaupt aufs Treppchen geschafft zu haben – so interpretiert zumindest Medvec die Ergebnisse.

Nicht jeder, der über einen unbändigen Siegeswillen verfügt, kann zwangsläufig auch schlecht verlieren. Denn dafür zählt vor allem die Frage, wie man mit einer (drohenden) Niederlage umgeht. Für Linda Breitlauch, Professorin für Computerspieldesign an der Hochschule Trier, gibt es zwei Kategorien schlechter Verlierer: Falschspieler und Spielverderber. »Falschspieler haben beim Pokern ein zusätzliches Ass im Ärmel; sie betrügen, um so einen Vorteil für sich herauszuschlagen«, sagt sie. Beispiele dafür gibt es zuhauf – von Marathonläufern, die unerlaubte Abkürzungen nehmen, bis hin zum Radrennfahrer Lance Armstrong, der vor allem in einem Punkt wirklich spitze war: bei der Einnahme leistungsfördernder Substanzen.

Spielverderber halten sich zwar an die Regeln; sie machen den anderen aber das Spiel madig, sobald sie merken, dass sie verlieren. Sie kippen das Mensch-ärgere-Dich-nicht-Brett um, brechen das Tennismatch vorzeitig ab oder werfen dem Gegner vor, betrogen oder zumindest unverschämtes Glück gehabt zu haben. Egal in welcher Gestalt schlechte Verlierer auftreten: Mit ihrem Verhalten schaden sie ihrer Umgebung. Sie säen Zwietracht und Zweifel; im schlimmsten Fall unterminieren sie das Vertrauen in die Fairness des Systems. Gut verlieren zu können, ist also mehr als ein »nice to have«.

Wie anfällig Menschen für solche Verhaltensweisen sind, hängt sicher von vielen Faktoren ab. Menschen, die sich beim Spielen regelmäßig durch Betrügen Vorteile verschaffen, scheinen sich zum Beispiel in ihrer Hirnaktivität von ehrlichen Zeitgenossen zu unterscheiden. In diese Richtung deuten zumindest die Ergebnisse eines Experiments, das die chinesische Psychologin Lijun Yin und der Bonner Neurowissenschaftler Bernd Weber 2018 durchgeführt haben. Bei moralischen Entscheidungen wird normalerweise der so genannte dorsolaterale präfrontale Kortex aktiviert, eine stirnseitige Region der Hirnrinde. Bei Probanden, die in der Studie sehr häufig betrogen, fiel diese Aktivierung jedoch auffällig gering aus. Yin und Weber vermuten daher, dass routinierte Falschspieler weniger kognitive Ressourcen darauf verwenden, eigennützige Motive zu unterdrücken.

Verlieren können erfordert Selbstkontrolle

Sich an die Regeln zu halten, selbst wenn es weh tut, ist unter anderem eine Frage der Selbstkontrolle. Ähnlich sieht es mit der Fähigkeit aus, im Angesicht der Niederlage seine Gefühle im Zaum zu halten. Gerade Kinder haben damit oft noch große Schwierigkeiten. »Sie werden manchmal von ihren Emotionen geradezu überwältigt«, erklärt Joscha Kärtner, der an der Universität Münster die Arbeitseinheit Entwicklungspsychologie leitet. »Es ist daher Aufgabe der Eltern und Erzieher, sie dabei zu unterstützen, gut mit diesen Situationen umzugehen.«

Bei Dreijährigen beginne das oft ganz einfach damit, ihnen ihre Emotionen bewusst zu machen: Was ist es, was du im Moment spürst? »Ganz wichtig ist es in solchen Momenten, die Gefühle des Kindes nicht einfach wegzuwischen und zu bagatellisieren«, betont Kärtner. »Stattdessen sollten die Eltern darauf eingehen: Du bist gerade richtig wütend! Wahrscheinlich könntest du platzen.« Kinder müssen lernen, ihre Gefühle nicht zu verleugnen, um sie dann mit zunehmender Reife regulieren zu können – zum Beispiel durch die Umdeutung zu einem Erfolg: Immerhin klappt es ja schon besser als beim letzten Mal. Auch bei der Vermittlung solcher Strategien sei anfangs die Hilfe der Erzieher nötig, sagt Kärtner. »Ziel ist es, dass die Kinder nach und nach lernen, ihre Gefühle bewusst zu erleben und ohne fremde Hilfe sozial verträglich auszudrücken.«

Beim Spielen lernen Kinder, Niederlagen wegzustecken

Dass Eltern ihre Sprösslinge gewinnen lassen, könne manchmal sinnvoll sein, solle jedoch eher die Ausnahme bleiben: »Sonst fehlt den Kindern etwas, um daran zu reifen. Wir sollten sie schon in zumutbarem Maß fordern, ruhig auch herausfordern.« Denn beim Spielen lernen Kinder, Niederlagen wegzustecken. Das gilt nicht nur beim Mensch ärgere Dich nicht, sondern für jede Form von Wettstreit, bis hin zu der Frage, wer am meisten Pfannkuchen essen kann.

Manche Gesellschaften sind wettbewerbsorientierter als andere

Wie wettbewerbsorientiert Menschen sind, sei unter anderem eine Frage der Persönlichkeit, meint Kärtner. Vermutlich hängt es aber ebenfalls von der Gesellschaft ab, in der sie groß werden. »Manche kulturellen Gruppen sind kompetitiver als andere«, erklärt Sarah Leisterer-Peoples vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. »Das zeigt sich etwa in den Spielen, die bei diesen Gruppen populär sind.« Leisterer-Peoples hat für ihre Doktorarbeit Hunderte von historischen Aufzeichnungen aus dem austronesischen Sprachraum studiert, einem Gebiet zwischen Madagaskar und den Osterinseln mit Hunderten von Kulturen. Ihr Fokus lag dabei unter anderem auf der Frage, wie oft es innerhalb einer bestimmten Gesellschaft zu Streit kam und welche Spiele darin besonders angesagt waren. »In manchen Gruppen waren Konflikte zwischen den Mitgliedern häufiger als in anderen«, sagt sie. »In ihnen wurden auch öfter kompetitive Spiele gespielt.«

Möglicherweise dienen Spiele dazu, Kindern die jeweils gültigen gesellschaftlichen Normen nahezubringen, spekuliert Leisterer-Peoples. »Es kann aber auch umgekehrt so sein, dass Spiele diese Normen beeinflussen.« Interessanterweise sei in Deutschland in den letzten Jahren ein Trend hin zu kooperativen Spielen zu beobachten. »Vielleicht – das ist allerdings sehr hypothetisch – ist das auch Zeichen eines gesellschaftlichen Wandels.«

»Wer verliert, ist dadurch kein schlechter Mensch«
(Joscha Kärtner, Entwicklungspsychologe)

Fest steht, dass manche Spiele es einem schwerer machen als andere, eine Niederlage zu verdauen. Wer bei Monopoly am Anfang Glück hat und schnell ein paar Häuser und Hotels bauen kann, der ist bald nicht mehr einzuholen. »Dann haben die anderen keine Chance mehr, egal wie sehr sie sich anstrengen«, erklärt Linda Breitlauch von der Hochschule Trier. »Man versucht heute Spiele daher so zu entwerfen, dass niemand übermächtig werden kann.« Denn diese Situationen führen schnell zu Frust. Gutes Verlieren werde durch ein solches »nicht optimales Spieldesign« sicher nicht gefördert, meint Breitlauch.

Sie ist davon überzeugt, dass sich dieser Zusammenhang auf die Gesellschaft übertragen lässt: »Auch in der wirklichen Welt müssen die Chancen fair verteilt sein.« Anders gesagt: Wenn einige Menschen schon mit Hotels auf Parkstraße und Schlossallee zur Welt kommen, während die anderen kaum Aufstiegsmöglichkeiten haben, ist das kein gutes Gesellschaftsdesign. Wer dann auf der Verliererseite steht, für den klingen die wohlfeilen Worte von Problemen als »dornige Chancen« schnell wie blanker Hohn. Zumal wenn er sich womöglich noch anhören muss, dass er an seinem Scheitern selbst schuld ist.

Verlieren gilt oft als Makel – zu Unrecht

Allzu oft gilt zu verlieren als Makel. Wer scheitert, der hat sich nicht genug angestrengt; der ist zu schwach, um sich durchzusetzen, oder taugt ganz einfach nichts. »Wir sollten schon unseren Kindern vermitteln, dass Niederlagen sie nicht in ihrer Gesamtheit betreffen«, betont der Entwicklungspsychologe Joscha Kärtner. »Wer verliert, ist dadurch kein schlechter Mensch.« Denn wer seinen Selbstwert zu einseitig vom Siegen abhängig mache, tue sich mit Misserfolgen später schwer.

Hans-Jürgen Stöhr kann mit Niederlagen umgehen. Der Philosoph und Buchautor war Hochschullehrer an der Universität Rostock. Dann kam die Wende, und statt die erhoffte Professur zu bekommen, stand er plötzlich auf der Straße. Er orientierte sich um, gründete 2003 das Institut für ökosoziales Management und 2006 die Agentur für gescheites Scheitern. Er wollte Menschen beraten, deren berufliche Existenz den Bach hinunterzugehen drohte. »Letztlich bin ich damit aber selbst gescheitert«, sagt er. Als Ursache sieht er unter anderem, dass das Thema damals noch zu sehr tabuisiert wurde. »Gescheitert wurde nicht, weil nicht gesellschaftsfähig.«

So lassen sich Niederlagen leichter bewältigen

  • Führen Sie sich vor Augen, dass Erfolge und Niederlagen nicht Ihren Wert als Mensch bestimmen. Sie sind keine schlechte Person, wenn etwas im Leben mal nicht klappt.
  • Halten Sie nicht krampfhaft an Ihren Ideen fest. Der Philosoph und Buchautor Hans-Jürgen Stöhr rät: Akzeptieren Sie die Realität, und lassen Sie im Zweifelsfall lieber rechtzeitig los. Überlegen Sie, wenn etwas nicht gut läuft, ob es sinnvoll ist, weiterzumachen wie bisher, oder ob eine Kurskorrektur nötig ist.
  • Versuchen Sie, sich selbst ähnlich mitfühlend zu begegnen wie einem guten Freund in der gleichen Situation. Fragen Sie sich: Was brauche ich jetzt? Was würde mir guttun? Wer über Selbstmitgefühl verfügt, meistert Krisen besser, ist insgesamt zufriedener und motivierter als Menschen, die stets hart mit sich ins Gericht gehen.

Gerade den Deutschen wird eine sehr negative Einstellung zu beruflichen Misserfolgen nachgesagt. »In einem gewissen Maß muss das nicht schlecht sein«, betont Andreas Kuckertz, Professor für Unternehmensgründungen und Unternehmertum an der Universität Hohenheim. »Die Angst vor dem Scheitern ist auch ein Korrektiv – sie bringt Unternehmer dazu, ihre Ideen und Entscheidungen zu überdenken.« Wenn sie zu stark ausgeprägt sei, könne sie aber Innovationen verhindern. »Ich befürchte, dass das hier zu Lande noch so ist«, sagt er.

Nicht nur die Deutschen sind schlecht im Scheitern

Kuckertz weiß, wovon er spricht: 2015 hat er eine repräsentative Studie zu diesem Thema durchgeführt. Mehr als 40 Prozent der Befragten gaben an, dass man kein Unternehmen gründen solle, wenn das Risiko zu scheitern bestehe. Dabei gehöre die Möglichkeit eines Misserfolgs einfach zu unternehmerischem Handeln dazu: »Sie können doch morgens nicht einmal ohne Risiken aus dem Bett steigen.« Als typisch deutsches Problem sieht er diese Einstellung allerdings nicht. Selbst in den USA, die in dieser Hinsicht oft als Vorbild angesehen werden, sei das ganz ähnlich: »Im Silicon Valley mag das Scheitern fast als Ritterschlag gelten«, sagt er. »Im Rustbelt sieht das aber ganz anders aus.« Problematisch werde es, wenn die Angst vor Misserfolg dazu führe, dass Unternehmer Alarmsignale ignorierten und den Kopf in den Sand steckten.

»Gutes Scheitern erfordert die Bereitschaft, die Realität zu akzeptieren und gegebenenfalls rechtzeitig loszulassen«, sagt auch Hans-Jürgen Stöhr: »Irgendwann kommt immer der Punkt, an dem ich mich fragen muss: Mache ich weiter wie bisher? Oder korrigiere ich meinen Weg oder komme gar zu der Erkenntnis, dass ich aufgeben muss?« Dazu brauche es eine starke Persönlichkeit sowie soziale Akzeptanz für ein mögliches Scheitern, eine offene Fehlerkultur. Die Kuckertz-Studie belegt, dass die zumindest in Teilen der Bevölkerung heute durchaus vorhanden ist. So steht rund die Hälfte aller Deutschen unternehmerischen Fehlschlägen positiv oder zumindest überwiegend positiv gegenüber.

Vielleicht liegt das daran, weil sich inzwischen immer mehr Menschen offen zu ihren Misserfolgen bekennen. Ein Beispiel dafür stammt von der Universität Bonn. Dort fand am 10. Dezember 2020 zum zweiten Mal eine so genannte FuckUp-Night statt, bei der Studierende von ihren geplatzten Karriereträumen und der Zeit danach erzählten. Erdacht wurde das Konzept angeblich 2012 von ein paar Freunden in Mexiko, als sie sich bei einem Bier über ihre Fehlschläge austauschten. Mittlerweile haben FuckUp-Nights auch in vielen deutschen Großstädten einen festen Platz im Veranstaltungskalender. Ihr Ziel: das Verlieren salonfähig zu machen.

Vielleicht hätte auch Donald Trump von solchen Formaten lernen können, zu seinen Niederlagen zu stehen. Mit 74 ist es dafür aber wohl zu spät. Das Schlimmste in Trumps Welt sei es, ein Verlierer zu sein, erzählte unlängst einer seiner ehemaligen Mitarbeiter der »New York Times«. »Um zu vermeiden, so genannt zu werden, wird er alles tun oder sagen.«

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