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Frauen in der Wissenschaft: Unterschätzt und übergangen

Publikationen sind die Währung der Wissenschaft. Doch Frauen werden seltener als Autorinnen von Forschungsartikeln genannt als Männer. Oft wird ihr Beitrag schlicht unterschlagen.
Eine Wissenschaftlerin sitzt an einem Tisch
Werden Frauen in der Wissenschaft noch immer nicht ernst genommen? (Symbolbild)

Was haben Rosalind Franklin, Caroline Herschel, Jeanne Baret, Mary Anning und Maria Sybilla Merian gemeinsam? Sie alle waren bedeutende Wissenschaftlerinnen – und sind doch wenigen Menschen ein Begriff. Ganz anders dagegen Albert Einstein, Wilhelm Röntgen oder Max Planck, nach denen große Wissenschaftsorganisationen benannt sind, Naturkonstanten oder Untersuchungsgeräte. Oft wird es vermutet, jetzt präsentiert eine Studie in »Nature« neue Belege: Frauen werden in der Wissenschaft bei gleicher Leistung systematisch weniger gewürdigt und gesehen als Männer.

Dabei lautet die der Studie vorausgehende Beobachtung zunächst nur, dass Frauen rein zahlenmäßig und objektiv betrachtet weniger publizieren und patentieren als Männer. Ursachen dafür seien, so heißt es oft, dass sie in einem weniger einladenden Umfeld arbeiten, größere familiäre Verpflichtungen haben, andere Positionen im Labor einnehmen oder eine andere Betreuung erfahren. Die neue Arbeit legt nun nahe, dass Frauen aber nicht unbedingt weniger produktiv sind, sondern dass ihre Arbeit unterschlagen wird – sie werden weniger oft in Artikeln und Patenten namentlich genannt, obwohl sie daran beteiligt waren.

Methodisch ist es natürlich schwierig, nach etwas zu suchen, was nicht da ist. »Die großen bibliometrischen Datenbanken, die zur Untersuchung der wissenschaftlichen Produktivität verwendet werden, bestehen nur aus benannten Autoren oder Erfindern (nicht aus unbenannten Mitwirkenden) und können nicht verwendet werden, um herauszufinden, wer nicht benannt ist«, schreiben die Forschenden um Julia Lane von der New York University und Britta Glennon von der University of Pennsylvania. Das Team trug deshalb einen umfangreichen Datensatz von Forschungsteams, Veröffentlichungen und Patenten zusammen. Um ihre Ergebnisse zu überprüfen, führten sie auch eine Umfrage unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern durch.

Für ihre Studie werteten sie schließlich die Daten von 128 859 Personen aus 9778 Teams in den USA über einen Zeitraum von vier Jahren aus, einschließlich Informationen über das jeweilige Forschungsgebiet und die Karrierestufe, und glichen die Namen mit 39 426 Zeitschriftenartikeln und 7675 Patenten ab. Sie untersuchten, wie viele Personen eines Teams je zu Autoren werden, und fanden heraus, dass Frauen zwar knapp die Hälfte der Arbeitskräfte stellen (48,25 Prozent), aber nur in 34,85 Prozent der Fälle zu Studienautorinnen werden. Verglichen mit dem Durchschnitt aller Teammitglieder ist die Wahrscheinlichkeit, als Autorin im Artikel des eigenen Forschungsteams genannt zu werden, um 13 Prozent geringer, die Chancen sinken mit steigendem Einfluss des Artikels (in besonders angesehenen Fachzeitschriften publiziert, oft zitiert). »Zumindest ein Teil des beobachteten geschlechtsspezifischen Unterschieds beim wissenschaftlichen Output ist also wohl nicht auf Unterschiede im Forschungsbeitrag, sondern auf Unterschiede in der Anrechnung zurückzuführen«, heißt es im Artikel.

Die Leistung der Frauen wird oft unterschätzt

Um ihre Daten qualitativ zu überprüfen und die Ursachen zu ergründen, verschickten die Forschenden zusätzlich einen Fragebogen an 28 000 Personen. Im Wesentlichen bestätigten die Ergebnisse die Vermutungen. Von den 2660 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die antworteten, berichteten 43 Prozent der Frauen und 37,8 Prozent der Männer, bereits erlebt zu haben, in einem Artikel nicht als Mitautor oder -autorin genannt worden zu sein, obwohl sie zur Forschungsarbeit beigetragen hatten. In den meisten Fällen führten sie die Nichtautorenschaft darauf zurück, dass ihre Leistung von den Kollegen unterschätzt worden sei (Frauen: 49 Prozent, Männer: 39 Prozent). Gezielte Diskriminierung nannten 15,5 Prozent der Frauen und 7,7 Prozent der Männer als möglichen Grund. 37,7 Prozent der Männer und 24,7 Prozent der Frauen gaben an, dass ihr Forschungsbeitrag tatsächlich nicht ausreichend für eine Autorenschaft gewesen sei. Frauen mussten den Ergebnissen der Umfrage zufolge aber auch etwas mehr dafür tun, als Mitautorin erwähnt zu werden. Ob Planung, Analyse, Schreiben des Erstentwurfs oder Softwareprogrammierung – sie kreuzten im Schnitt 6,34 von 14 möglichen Feldern an, Männer dagegen nur 6,11.

Allerdings weisen Lane und Co auch auf einige wichtige Einschränkungen hin; so sind die Daten der untersuchten Forschungsteams möglicherweise nicht repräsentativ für die Erfahrungen aller Forscherinnen, da sie fast ausschließlich Daten forschungsintensiver Universitäten nutzten. Zudem stammten die zusätzlich erhobenen Umfragedaten zwar aus einer breiten Stichprobe, jedoch nur aus einer, die auf eine tatsächliche Autorenschaft fokussiert, so dass sie nicht die Erfahrungen derjenigen berücksichtigten, die nie überhaupt zu Autorinnen und Autoren geworden sind. Und die Rücklaufquote war mit knapp 10 Prozent gering.

Insgesamt, so merken die Forschenden an, handelt es sich um einen sich selbst verstärkenden Teufelskreis: Wenn Nachwuchswissenschaftlerinnen nicht als Studienautorinnen berücksichtigt werden, sind sie früh entmutigt und brechen ihre akademische Karriere vorzeitig ab. Dann wiederum fehlen sie als Studienautorinnen – und anderen jungen Kolleginnen als Vorbilder. Jenen Teufelskreis zu durchbrechen, sei ein Ziel dieser Untersuchung, schreiben die Forschenden. Und zumindest im Fall von Rosalind Franklin ist mittlerweile bekannt, welchen entscheidenden Beitrag sie zur Entdeckung der DNA-Struktur geleistet hat. Doch wer weiß, wie vielen Frauen diese späte Anerkennung für immer verwehrt bleibt.

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