Epstein-Akten: Warum scharte Jeffrey Epstein berühmte Wissenschaftler um sich?

Im Dezember 2025 veröffentlichte das US-Justizministerium eine erste Reihe von Dokumenten über Jeffrey Epstein, den verstorbenen Investmentbanker und verurteilten Sexualstraftäter. Unter den Tausenden von Bildern befand sich auch ein kurzes Video – das einzige in der gesamten Sammlung. Die viersekündige Aufnahme zeigt den berühmten Psychologen und Schriftsteller Steven Pinker von der Harvard University, der mit Epstein in dessen inzwischen berüchtigtem Privatflugzeug sitzt. Damals waren sie auf dem Weg zu einem TED-Vortrag von Pinker. Selbst damals, im Jahr 2002 (und damit Jahre vor Epsteins erster strafrechtlicher Verurteilung) sei es kein angenehmer Flug gewesen, sagt Pinker: »Ich mochte Epstein auf Anhieb nicht und hielt ihn für einen Dilettanten und Besserwisser.«
Epstein starb 2019 in einem Bundesgefängnis, als er sich einem Prozess wegen Sexhandels stellen sollte. Der Investmentbanker umgab sich gerne mit berühmten Persönlichkeiten – darunter auch einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Voraussichtlich werden noch weitere Unterlagen aus einem angeblichen Bestand von 5,2 Millionen Dokumenten veröffentlicht, und viele stellen sich die Frage, was diese über die Forschungswelt preisgeben werden. Bereits jetzt belegen veröffentlichte E-Mails, Notizen, Listen, Videos und Ermittlungsakten, dass etliche prominente Wissenschaftler mit Epstein in Verbindung standen.
Neben renommierten Experten, Politikern und Milliardären wie Mick Jagger, Bill Clinton oder Donald Trump (in Zusammenhang mit den Fotos wird keiner von ihnen eines Vergehens angeklagt) warb Epstein auch jahrelang um die Gunst von Wissenschaftlern. Das führte im Jahr 2020 zu Untersuchungen an zwei Universitäten: dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der Harvard University. Aus den 2025 veröffentlichten E-Mails geht hervor, dass der Astronom Lawrence Krauss und der Linguist Noam Chomsky noch lange nach Bekanntwerden von Epsteins Verbrechen mit ihm in Verbindung standen. Und im November 2025 leitete die Harvard University erneut eine Untersuchung ein, um die Verbindungen zwischen Epstein und dem Ökonomen Lawrence Summers, dem ehemaligen Präsidenten der Universität, zu untersuchen.
Viele waren natürlich an Epsteins Vermögen interessiert. Der Investmentbanker war bekannt dafür, gerne Forschungsgelder zu spenden. »Fachleute brauchen Förderer, sie brauchen Unterstützung«, stellt Bruce Lewenstein fest, Experte für Wissenschaftskommunikation an der Cornell University. Wohlhabende Förderer finanzieren Wissenschaftler seit Jahrhunderten; sie haben Teleskope, neurowissenschaftliche Institute, Experimente zur Malariaprävention und vieles mehr gesponsert. »Das ist weder gut noch schlecht, sondern es ist einfach so«, sagt Lewenstein. Im Gegensatz zu vielen anderen Spendern verlangte Epstein in der Regel nicht, dass sein Name an einem Gebäude angebracht wurde. Und auch thematisch ließ er sich nicht einschränken; er spendete Geld für alles Mögliche, von Tanzgruppen bis hin zum Council on Foreign Relations.
Ein Straftäter als großzügiger Spender
Vor seiner ersten Verurteilung im Jahr 2008 wegen Anwerbung von Minderjährigen zur Prostitution spendete Epstein insgesamt mehr als neun Millionen US-Dollar an die Harvard University. 6,5 Millionen US-Dollar davon gingen an das Harvard Program for Evolutionary Dynamics (PED), das der Mathematiker Martin Nowak leitete. Epstein besuchte dieses Programm auch nach seiner Verurteilung – allein im Jahr 2018 mehr als 40-mal – und unterhielt dort ein Büro. Außerdem war er 2005 und 2006 als Gastwissenschaftler an der Universität tätig, nachdem er dem Fachbereich Psychologie 200 000 US-Dollar gespendet hatte.
Und dann gab es noch Epsteins Spenden an das MIT: Er förderte das MIT Media Lab mit 525 000 US-Dollar und den Professor für Maschinenbau Seth Lloyd mit 225 000 US-Dollar. Beide Spenden erfolgten nach seiner Verurteilung im Jahr 2008. Epstein behauptete, weitere sieben Millionen US-Dollar an Spenden von den Milliardären Bill Gates und Leon Black für die Universität arrangiert zu haben, was Gates jedoch bestreitet.
»Epstein hat die Leichtgläubigkeit der Fachwelt ausgenutzt«Steven Pinker, Psychologe
»Wissenschaftler, Universitäten, Künstler und andere gemeinnützige Projekte, die von Philanthropie abhängig sind, stellen sich routinemäßig mit wohlhabenden Menschen gut, die bereit sind, mit Geld um sich zu werfen«, sagt Pinker. »Nur sehr wenige dieser Spender sind abscheuliche Psychopathen. Epstein hat die Leichtgläubigkeit der Fachwelt ausgenutzt.«
Laut Pinker hatte sein Literaturagent John Brockman den Flug mit Epstein vor dem TED-Vortrag organisiert. Brockman leitet die Edge Foundation, die auch Salons für Epstein veranstaltete, die von der Presse als »exklusiver intellektueller Boys Club« bezeichnet wurden (Brockman und seine Organisation wollten keine Stellungnahme abgeben; es gibt keine Berichte über Fehlverhalten während der Veranstaltungen). Epstein finanzierte die Edge Foundation, die Partys für Milliardäre veranstaltete und für ihn Kontakte zu Personen wie Pinker knüpfte.
Diese Kontakte zahlten sich aus: Trotz seiner Abneigung gegen Epstein trug Pinker unwissentlich zu dessen Verteidigung bei einem Prozess bei. 2007 verfasste Pinker eine Stellungnahme zur Semantik des US-amerikanischen Prostitutionsgesetzes als Gefallen für einen Bekannten, den Harvard-Professor Alan Dershowitz. Der vertrat damals Epstein vor Gericht als Anwalt. Pinker sagte, er habe nicht gewusst, dass sein Text als Gutachten für Epsteins Verteidigung bestimmt war. »Ich habe einem Kollegen einen professionellen Gefallen getan – das ist Routine«, sagt Pinker. »Hätte ich damals gewusst, was heute bekannt ist, hätte ich nicht zugestimmt.«
Was wollte Epstein von den Wissenschaftlern?
Abgesehen von einem Rechtsgutachten: Welchen Vorteil erhoffte sich Epstein von seinem Kontakt mit den Wissenschaftlern? Die einfachste Erklärung ist, dass Epstein gerne prominente Persönlichkeiten um sich scharte. Sein finanzielles Netzwerk basierte darauf, eine Aura von Reichtum und Einfluss zu schaffen, um Investoren anzulocken. Er war ein »Menschen-Sammler«, der Informationen und Gefälligkeiten austauschte, erklärte der Epstein-Biograf Barry Levine.
Wissenschaftler waren nur eine von vielen einflussreichen Gruppen, die Epstein um sich sammelte. Er pflegte den Kontakt zu ihnen in einer Zeit, »die ein kultureller Höhepunkt für Forschende war«, erklärt der Wissenschaftskommunikator Declan Fahy von der Dublin City University. Fachleute wie Stephen Hawking schrieben Bestseller, erschienen in »Vanity Fair« und »Vogue« und hielten TED-Vorträge, die online viel Beachtung fanden. »Sie stiegen in die Machtelite auf«, sagt Fahy. So war es für Epstein sinnvoll, sich mit ihnen zu umgeben.
Laut Ghislaine Maxwell, Epsteins ehemaliger Freundin, die 2021 unter anderem wegen Sexhandel verurteilt wurde, haben die Verbindungen durch ihren Vater Robert Maxwell (den Gründer des Wissenschaftsverlags Pergamon Press) dazu geführt, dass Epstein viele renommierte Fachleute vom Santa Fe Institute kennenlernte. 2010 spendete Epstein 25 000 US-Dollar an das Institut. »Epstein lud die Wissenschaftler zu Abendessen in meinem Haus ein«, sagte Maxwell laut dem Protokoll des Justizministeriums.
Der Publizist Evgeny Morozov erzählte, er sei Epstein durch Brockman begegnet: den Literaturagenten, der Pinker dazu überredete, in Epsteins Privatjet zu steigen. Angeblich habe der Agent auch Morozov dazu bringen wollen, an Epsteins »Milliardärs-Dinners« teilzunehmen – was der Publizist jedoch ablehnte.
Brockmans Edge Foundation spielte eine wichtige Rolle als Bindeglied zwischen der Fachwelt und Epstein. Die Organisation war von 1998 bis 2018 in akademischen Kreisen allgegenwärtig und veröffentlichte zahlreiche Bücher zu wissenschaftlichen Themen. Insgesamt erhielt die Edge Foundation von 2001 bis 2015 mehr als 638 000 US-Dollar von Epstein, was ihn zu einem der wichtigsten Geldgeber machte. Die Organisation stand auch in Verbindung mit dem Physiker Lawrence Krauss, dem 2018 sexuelles Fehlverhalten vorgeworfen wurde, was dieser jedoch zurückwies. Aus veröffentlichten E-Mail-Aufzeichnungen geht hervor, dass Krauss diesbezüglich Epstein um Rat gebeten hatte.
Das Forschungsinteresse des Investmentbankers
Epstein war aber auch inhaltlich an einigen Forschungsbereichen interessiert. Unter anderem faszinierte ihn der genetische Determinismus – eine Idee, die aus der Zeit der Eugenik stammt und in einigen wohlhabenden Kreisen nach wie vor en vogue ist. Sie findet sich unter anderem in Unternehmen wieder, die Designer-Baby-Dienstleistungen für potenzielle Eltern anbieten. 2019 berichtete die »New York Times«, dass Epstein eine »Baby-Ranch« gründen wollte, um die Kinder der Frauen großzuziehen, die er geschwängert hatte.
»Wir haben ein idealisiertes Bild von Wissenschaftlern geschaffen haben, das nicht der Realität entspricht«Bruce Lewenstein, Experte für Wissenschaftskommunikation
»Angesichts dieser Haltung ist es besonders beunruhigend, dass er seine Großzügigkeit auf die Erforschung der genetischen Grundlagen menschlichen Verhaltens konzentrierte«, schrieb die Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes 2020 in einem Artikel für »Scientific American«. »Wissenschaftler mögen behaupten, dass Epsteins Geld sie in keiner Weise dazu veranlasst hat, ihre Standards zu senken, aber wir haben zahlreiche Belege dafür, dass die Interessen der Geldgeber oft die wissenschaftliche Arbeit beeinflussen.« In Bezug auf Epstein fügt Oreskes nun hinzu: »Die anhaltende Aufmerksamkeit der Presse erinnert uns daran, dass manche Gelder verdorben sind.«
Der vielleicht einzige direkte Beweis für Epsteins eigene wissenschaftliche Ambitionen stammt aus einem Antrag aus dem Jahr 2005, bei dem er darum bat, als Gastwissenschaftler an der Harvard University tätig werden zu dürfen: »Ich möchte die Gründe für Gruppenverhalten studieren, beispielsweise ›soziale Prothesensysteme‹.« Dafür wollte er Untersuchungen mittels Magnetresonanztomografie an Freiwilligen vornehmen. »Menschen können als ›Prothesen‹ fungieren, indem sie unsere kognitiven Fähigkeiten erweitern und uns helfen, unsere Emotionen zu regulieren – und damit im Wesentlichen als Erweiterungen unserer selbst dienen.« Harvard bewilligte ihm zweimal ein solches Forschungsstipendium, obwohl eine nachfolgende Untersuchung im Jahr 2020 feststellte, dass Epstein völlig unqualifiziert war.
Geld regiert die Welt – auch in der Wissenschaft
Oft wird übersehen, dass auch in der Wissenschaft Geld eine enorme Rolle spielt. Finanzielle Mittel entscheiden darüber, welche Forschungsprojekte durchgeführt werden und welche nicht. Daher sollte es eigentlich nicht verwundern, dass prominente Fachleute ebenso wie Rockstars oder Politiker in Epsteins Bann gerieten. »Wir haben ein idealisiertes Bild von Wissenschaftlern geschaffen, das nicht der Realität entspricht«, sagt Lewenstein. »Forschende genießen es, als Experten mit einem hohen Status angesehen zu werden.«
Die meisten von Epstein unterstützten Wissenschaftler waren nicht offen politisch und vertraten oft die allgemein akzeptierte Ansicht, dass Wissenschaft den Fortschritt antreibe, sagt Fahy. Heute sei die Lage jedoch anders. »Die öffentliche Debatte über Wissenschaft ist in den USA – insbesondere bei Themen wie Klima und Impfungen – schärfer, gespaltener und zutiefst politisch geworden«, erklärt Fahy.
Trotzdem wundert sich Pinker, warum seine vier Sekunden lange Aufnahme aus Epsteins Privatjet das einzige Video in den Akten ist, welche die Trump-Regierung freigegeben hat. Vielleicht, um Berichte wie diesen über das Verhältnis der Fachwelt zu Epstein zu generieren, sagt er. »Je mehr Journalisten über andere Personen auf Fotos schreiben, desto weniger Aufmerksamkeit bekommt Trumps Beziehung zu Epstein.«
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