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Weltrekord: Warum hat Venezuela derart riesige Ölvorkommen?

Venezuela hat mehr Erdöl als alle anderen Länder – doch es ist schwer zu fördern. Warum die Rekordreserven geopolitisch begehrt, technisch heikel und klimapolitisch brisant sind.
Eine Hand, die mit dickem, schwarzem Öl bedeckt ist, hält eine zähflüssige Masse. Im Hintergrund ist eine sandige Oberfläche mit Pfützen aus Öl zu sehen. Die Szene vermittelt den Eindruck von Umweltverschmutzung und Ölverschüttung.
Erdöl ist ein natürlich in der oberen Erdkruste vorkommendes, gelbliches bis schwarzes, hauptsächlich aus Kohlenwasserstoffen bestehendes Stoffgemisch. Es ist seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts einer der wichtigsten Rohstoffe der Industriegesellschaft.

Donald Trumps Angriff auf Venezuela hat die Welt erneut auf die gewaltigen Ölreserven des Landes aufmerksam gemacht. Wiederholt nannte der US-Präsident die reichen Vorkommen als einen Grund für den Militärschlag am 2. Januar 2026 sowie für die anschließende Festnahme von Staatschef Nicolás Maduro, dem inzwischen Drogenhandel und illegaler Waffenbesitz vorgeworfen werden.

Doch wie kommt es überhaupt, dass Venezuela mehr Öl hat als jedes andere Land?

Im Jahr 2024 meldete Venezuela, dass mehr als 300 Milliarden Barrel im Untergrund lagern – Weltrekord. Dahinter folgen Saudi-Arabien mit rund 260 Milliarden Barrel und Iran mit mehr als 200 Milliarden. Insgesamt summieren sich die globalen Vorräte auf etwa 1566 Milliarden Barrel.

Dabei gibt es ein großes Aber: Der Großteil des venezolanischen Erdöls gehört zu dem, was Fachleute als extraschweres Öl bezeichnen. Das berichtet die »New York Times« und zitiert einen Wissenschaftler vom Center for Strategic and International Studies in Washington. Dieses Öl ist besonders zähflüssig, enthält mehr Schwefel und weist zudem einen höheren Kohlenstoffgehalt auf als konventionelles Rohöl. Gerade diese Eigenschaften machen es deutlich komplizierter und kostspieliger zu fördern als leichtere Ölsorten. Zudem ist die Gewinnung sehr energieintensiv und verursacht somit erheblich mehr Kohlendioxidemissionen.

Dass gerade Venezuela über solch beeindruckende Ölvorkommen verfügt, sei kein Zufall, erklärt der Ingenieur Luis Zerpa von der Colorado School of Mines gegenüber »Scientific American«: »Geologisch gesehen hat das Land einfach die perfekte Lage.« Wie alle fossilen Brennstoffe verdankt auch Venezuelas Öl seine Existenz den Veränderungen der Erdoberfläche über einen Zeitraum von Millionen Jahren.

Temperatur und Druck sind entscheidend

Die Entstehung von Erdöl beginnt, wenn sich Landmassen heben, verformen und daneben Senken entstehen. Zusammen mit organischen Resten von Pflanzen und Tieren wird aus den Höhen Gestein abgetragen und in die Senke gespült. Mit der Zeit wachsen diese Ablagerungen so stark, dass Temperatur und Druck steigen und sich Sedimente in Gestein und organisches Material in Öl und Gas verwandeln.

Ob sich dabei eher Öl oder Gas bildet, hängt vor allem von zwei Faktoren ab: erstens davon, wie viel Gestein sich über dem organischen Material ansammelt – das sogenannte »Ölfenster« liegt je nach Temperatur zwischen etwa 1200 und 3600 Metern Tiefe – , und zweitens von der Art des organischen Materials. Marine Pflanzen werden eher zu Öl, terrestrische eher zu Gas. Wenn sich die Erdplatten bewegen, beginnt das umgebende Gestein zu zerbrechen. Dadurch lösen sich die Kohlenwasserstoffe aus dem Muttergestein und wandern in porösere Schichten, die sie schließlich einschließen.

Venezuela liegt zwischen der Karibischen und der Südamerikanischen Platte. Auch die Nazca-Platte unter dem östlichen Pazifik beeinflusst die Tektonik der Region. Das Zusammenspiel dieser Platten hob die nördlichen Anden und andere Hochlagen an – und schuf zugleich drei Sedimentbecken, die Öl und Gas enthalten: das östliche Venezuela-Becken im Norden, das Maracaibo-Becken im Nordwesten und das Barinas-Apure-Becken im Westen.

Die Erschließung des Öls erfordert hochentwickelte Fördertechnologien, etwa die Injektion von Wasserdampf, um das zähe Rohöl überhaupt zu verflüssigen

Auf diese Weise bildeten sich die mehr als 300 Milliarden Barrel nachgewiesener Rohölreserven. »Nachgewiesen« bedeutet, dass Ingenieure ausreichend Bohrungen vorgenommen haben, um das Ausmaß der Öl‑ und Gasvorkommen im Staatsgebiet verlässlich zu schätzen.

Das Öl an die Oberfläche zu befördern ist jedoch eine andere Geschichte. Venezuelas Ölproduktion erreichte ihren Höhepunkt um 1970 mit rund 3,7 Millionen Barrel pro Tag, bevor sie ab Ende der 1970er-Jahre stark einbrach und in den 1980ern weiter sank. Zwischenzeitlich erholte sich die venezolanische Ölindustrie in den 1990ern und frühen 2010ern. Doch im Jahr 2025 lag die Produktion nur noch bei etwa 1,1 Millionen Barrel pro Tag. Das hat auch damit zu tun, dass die Erschließung des Öls hoch entwickelte Fördertechnologien nötig macht, etwa die Injektion von Wasserdampf, um das zähe Rohöl überhaupt zu verflüssigen.

Und selbst ein politischer Umbruch nach Maduros Festnahme wird daran kurzfristig kaum etwas ändern. Marode Infrastruktur bremst die Förderung massiv. Ihre Sanierung erfordert Investitionen in Milliardenhöhe und Jahre an Arbeit, wie der Nachrichtendienst Reuters berichtet.

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