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Serie: Auslandsstudium

Warum Heimkommen schwierig sein kann

Zurück von einer langen Reise, alles erscheint unwirklich, langweilig, und niemand will von den Abenteuern hören - für dieses Leiden gibt es einen Namen: »reverse culture shock«. Was kann man tun, um wieder richtig zu Hause anzukommen?
Mit Koffer um die Welt

»Es war, wie in ein tiefes Loch zu fallen. Der Alltag in Deutschland schien völlig sinnlos. Ich kam mit meinen alten Freunden nicht mehr so gut zurecht. Es gab einfach zu viele Dinge, die ich erlebt hatte und nicht mit ihnen teilen konnte.« Das berichtet eine deutsche Schülerin, die ein halbes Jahr auf einem Segelschiff sowie in Gastfamilien in Kuba und Costa Rica gelebt hatte. Sie gehörte zu einer Gruppe von Gymnasiasten, die im Rahmen eines pädagogischen Projekts an einer sechsmonatigen Amerika-Expedition teilnehmen durfte.

Die Rückkehr in den deutschen Alltag fällt vielen Reisenden schwer. Münchner und Mainzer Forscher befragten deshalb insgesamt 128 Jugendliche aus vier Expeditionsgruppen, wie es ihnen bei der Heimkehr ergangen war. Das Team um den Pädagogen Ulrich Dettweiler wertete die Berichte mit einer so genannten Inhaltsanalyse aus. Fazit: Nach der ersten Wiedersehensfreude hätten sich die Jugendlichen zunehmend isoliert gefühlt.

»Was die Schüler wirklich umtrieb, war das Desinteresse derer, die zu Hause geblieben waren. Die Freunde schienen sie entweder zu beneiden, oder sie waren mehr darauf aus zu erzählen, was in den sechs Monaten zu Hause passiert war«, berichteten die Forscher 2015 im »International Journal of Intercultural Relations«. Dettweiler und seine Kollegen beobachteten bei Jungen wie Mädchen und über mehrere Expeditionen immer wieder ähnliche Reaktionen: »Alle Gruppen zeigten Symptome eines umgekehrten Kulturschocks.«

Kennzeichen des Heimkehrschocks

    Zu Hause erscheint alles langweilig.
    Man verspürt Sehnsucht nach dem Ausland.
    Man fühlt sich in der alten Heimat fremd.
    Man sieht die Heimatkultur mit kritischeren Augen.
    Beziehungen zu alten Freunden haben sich verändert.
    Niemand will etwas darüber hören.
    Man kann es auch schlecht erklären.
    Die Menschen zu Hause verstehen einen nicht.

Der umgekehrte Kulturschock (englisch: »reverse culture shock«) umfasst alle Arten von negativem Erleben im Zuge einer Wiedereingewöhnung in der Heimatkultur. Er kann nicht nur Schüler und Studierende treffen, sondern auch Au-pairs, Fernreisende, Expatriates – jeden, der aus privaten oder beruflichen Gründen eine Weile im Ausland war und dann zurückkehrt. Die Erfahrungen klingen trotzdem häufig gleich: Man fühlt sich in der alten Heimat fremd und einsam, nicht mehr zugehörig, will wieder weg ins Ausland.

Den Begriff des Kulturschocks kennen Sozialforscher seit mehr als 50 Jahren. 1960 beschrieb der Anthropologe Kalervo Oberg erstmals den typischen Verlauf: Dem eigentlichen Schock gehe oft eine Anfangseuphorie voraus, der »honeymoon«. Mit der Zeit würden sich jedoch kleine Missverständnisse und Ärgernisse häufen, weil scheinbar selbstverständliche soziale Automatismen in der fremden Kultur fehlschlagen. Das stelle die eigene Weltsicht in Frage und belaste das Selbstvertrauen.

Viele Betroffene suchen die Ursache allein in der fremden Kultur oder Sprache und weniger darin, wie sie selbst der neuen Umwelt begegnen. Doch die Einstellung spiele eine große Rolle, glaubt der Kulturwissenschaftler Francis Jarman. Der gebürtige Deutsche wuchs in England auf und arbeitete als Gastdozent in 14 Ländern. Auf dem Karriereportal »e-fellows.net« erläutert er: »Wenn ich beispielsweise nach China oder Afrika gehe, erwarte ich einen großen kulturellen Unterschied und bin daher von vornherein auf Schwierigkeiten eingestellt.« Umso größer sei der Schock, wenn es in Ländern mit verwandten Kulturen wie Österreich oder den USA zu Problemen komme.

Eine »Heimat jenseits der Kulturen«

Die meisten lernen mit der Zeit, soziale Konventionen aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Sie akzeptieren die Unterschiede und versuchen, sich anzupassen und zu integrieren. Mit einer bewussten Entscheidung habe das allerdings wenig zu tun, erklärt Young Yun Kim, Kommunikationsforscherin an der University of Oklahoma, die in den 1960er und 1970er Jahren in Südkorea und Hawaii studierte. Vielmehr entwickle sich die Verbindung von alter und neuer kultureller Identität aus dem natürlichen Bedürfnis nach sozialer Bestätigung. Es entstehe eine neue Heimat »jenseits der Kulturen«.

Wie genau dieser Eingliederungsprozess verläuft, ist nicht nur beim Kulturschock noch vielfach unklar, sondern ebenso beim »Heimkehrschock«. Immerhin sind die typischen Probleme vielerorts dieselben: Wie die deutschen Schüler nach ihrer Expedition fanden es auch US-Studierende nach einem oder zwei Auslandssemestern schwierig, ihre Erfahrungen mit alten Freunden zu teilen. Sie hatten außerdem eine neue Perspektive auf die Heimatkultur gewonnen, betrachteten vieles durch eine »kritische Linse«.

Das erkannte auch die Geografin Cheryl Morse von der University of Vermont in Gesprächen mit 35 jungen Heimkehrern. Eine von ihnen ist Annika, die während des Arabischen Frühlings in Kairo studierte. Als sie nach Vermont zurückkam, habe sie ständig über Kairo sprechen wollen, erinnert sie sich. Aber schließlich habe sie begriffen: »Wenn jemand die ganze Zeit deine Geschichten anhört, ohne selbst einen Bezug zum Thema zu haben, muss es sich schon um einen sehr höflichen Menschen handeln.«

»Hostalgia«: Sehnsucht nach der zweiten Heimat

Die Rückkehr in die Heimat fällt auch vielen Expatriates schwer – besonders wenn die Kulturen sich stark unterschieden, berichten Forscher der London Business School und der University of Southampton. Sie hatten mehr als 700 vorübergehend in den USA tätige Lehrer befragt, nachdem diese in die Heimat zurückgekehrt waren. Was diesen jedoch geholfen habe: nostalgische Erinnerungen an das Gastland zu pflegen. Dafür prägten die britischen Wissenschaftler sogar einen eigenen Begriff: »hostalgia«, eine auf das Gastland (»host«) bezogene Nostalgie.

Wie gut sich die modernen Nomaden wieder auf die Heimat einstellen können, hängt auch von ihrer Bereitschaft und Fähigkeit ab, kulturelle Unterschiede zu verstehen, zu akzeptieren und den Umgang mit ihnen zu lernen. Solche interkulturellen Kompetenzen mildern nicht nur den Kulturschock im Ausland, sondern ebenso den bei der Heimkehr. Das ergab 2016 eine Onlinebefragung von mehr als 300 Studierenden in Australien, die mehrheitlich aus Asien kamen. Die Forscher beklagen eine fehlende Vorbereitung der Heimkehrer auf den umgekehrten Kulturschock: »Es herrscht die Überzeugung, dass die Studierenden sich leicht wieder zu Hause eingewöhnen sollten, da die Heimat ihnen vertraut sei.«

Dieser Artikel ist der dritte in unserer dreiteiligen Serie zum Thema Auslandsstudium.

1. Teil: Auf Englisch studieren – ein Handikap?

2. Teil: Wie ein Tapetenwechsel die Persönlichkeit verändert

3. Teil: Warum Heimkommen schwierig sein kann

Auch Ryan Tomlin von der University of Oklahoma kritisiert, dass Universitäten ihre Studierenden meist nur auf den Kulturschock im Ausland vorbereiten. Er und sein Team hatten untersucht, wie Pharmakologiestudierende ihre Heimkehr nach einem achtwöchigen Praktikum in Kenia erlebten. Am häufigsten schilderten die Heimkehrer Verlustgefühle beim Gedanken an Kenia, ein Unbehagen angesichts der heimischen Wohlstandsgesellschaft und den Eindruck, nicht verstanden zu werden. Die meisten wünschten sich unterstützende Angebote.

Das hält der emeritierte Kulturanthropologe Bruce LaBrack ebenso für nötig. Er beriet unter anderem die US-Regierung in Bildungsfragen, lebte und forschte in England, Indien, Uganda sowie Japan und bereiste mehr als 85 Länder. Seine Empfehlungen auf der Website der Abteilung »Bildung und Kultur« des US-Außenministeriums lauten unter anderem: Die Heimkehrer sollten nicht vorschnell über die alte Heimat urteilen, sich nicht als Experte aufspielen. Und sie sollten nicht nur Interesse von anderen erwarten, sondern sich selbst dafür interessieren, was die Daheimgebliebenen in der Zwischenzeit erlebt haben. Kurzum: »Nicht nur ein guter Erzähler, sondern ein ebenso guter Zuhörer sein!«

2/2018 (Juni/Juli)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 2/2018 (Juni/Juli)

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