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News: Warum in die Ferne schweifen?

Eigentlich, so dachte man, führten die ersten Sterne im Universum ein eher kurzes Leben. Deren Licht wäre somit selbst für die besten Teleskope in unerreichbare Ferne gerückt. Doch jetzt stießen Forscher zum ersten Mal auf einen solchen Stern - und zwar am Rande der Milchstraße.
Halo
Die immer leistungsstärkeren Teleskope am Boden und ihre Pendants im All haben den Astronomen eine Flut neuer Entdeckungen beschert. Viele der Forscher fühlen sich gar wie die Biologen vor 250 Jahren, als diese mit dem Kescher durch Wald und Flur streiften und Tiere und Pflanzen in den Stammbaum des Lebens ordneten. Die systematische Erkundung des Sternenhimmels ist jedoch noch in vollem Gange, und die Behauptung, dass es etwas nicht gebe, weil man es nicht sehe, dementsprechend kurzsichtig.

Einen dieser voreiligen Schlüsse warfen jetzt Forscher um Norbert Christlieb von der Universität Hamburg über den Haufen, nachdem sie mithilfe des Very Large Telescope in der chilenischen Atacama-Wüste einen besonders alten und chemisch ungewöhnlichen Stern entdeckten. Das Besondere an HE0107-5240 ist sein extrem geringer Gehalt an Elementen, die schwerer sind als Helium.

Da all diese Elemente, die schwerer sind als Helium - für Astronomen sind das die "Metalle" -, samt und sonders innerhalb von Sternen entstehen und durch Supernovae in den Weltraum geschleudert werden, müssen extrem metallarme Sterne in einer Zeit entstanden sein, als die interstellare Materie noch weitgehend metallfrei war - also kurz nach dem Urknall.

Da ohne die wärmeleitenden Metalle - so die gängige Meinung - jedoch allenfalls massereiche und kurzlebige Sterne entstehen konnten, müssten die extrem metallarmen Sterne der so genannten Population III eigentlich längst in Supernovae vergangen sein. Wollte man deren Licht erforschen, müsste man aufgrund der Expansion des Weltalls also in Entfernungen suchen, wo sie kaum aufzufinden wären.

Doch auf HE0107-5240 stießen Christlieb und seine Kollegen quasi vor unserer Haustür, in der heißen Gashülle um unsere Galaxis - und sein Metallgehalt erreicht sogar nur ein 200 000stel von dem der Sonne. Bisher aufgefundene metallarme Sterne weisen Metallgehalte auf, die meist ungefähr ein Hundertstel, jedoch niemals weniger als ein Zehntausendstel dessen unserer Sonne erreichen.

Zudem ist er mit 0,75 Sonnenmassen alles andere als ein massereicher Stern, und langlebig ist er auch - sehr langlebig sogar: Mit 14 bis 15 Milliarden Jahren ist er vielleicht sogar der älteste, bislang bekannte Stern überhaupt.

All das passt so gar nicht in das bisherige Bild über die Sternentstehung im noch metallfreien Universum kurz nach dem Urknall. Und so erlaubt HE0107-5240 nicht nur einen tiefen Einblick in die Chemie des frühen Kosmos, sondern zeigt auch beispielhaft, wie manche voreilige Theorie von der Wirklichkeit eingeholt wird.

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