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Katastrophen

Warum Island christlich wurde

Um 939 brach auf Island die Hölle los: Aus einer Vulkanspalte sprudelten gigantische Mengen an Lava. Diese Katastrophe besiegelte wohl das Ende der heidnischen Götter.
Lavafontäne und Lavastrom des Vulkans Holuhraun in Island. Darüber ungesund bräunliche Aschewölkchen

Die "Völuspá" gehört zu den bedeutendsten Gedichten der nordischen Mythologie – und darin finden sich einige Zeilen, die beschreiben, dass die Tore zu einer Art Hölle aufgestoßen wurden und das Wetter verrücktspielte. Entstanden ist sie wohl um das Jahr 1000, zu einer Zeit, als die Bevölkerung Islands christlich wurde. Clive Oppenheimer von der University of Cambridge und sein Team sind sich nun sicher, dass sie die eigentliche Ursache für die "Weltuntergangs"-Zeilen gefunden haben und warum diese zur Ablösung der alten heidnischen Götter beigetragen hat, wie sie in "Climatic Change" schreiben. Sie haben dazu Eisbohrkern- und Baumringdaten mit historischen Aufzeichnungen abgeglichen – und dabei sogar weltweite Folgen entdeckt.

Die erste Besiedlungswelle erreichte Island zwischen 870 und 930 n. Chr. Und schon im Jahr 939 wurden die Siedler auf eine gewaltige Bewährungsprobe gestellt: Wahrscheinlich im Frühjahr riss eine zum Katla-Vulkansystem gehörende Spalte namens Eldgjá auf, aus der bis in den Herbst 940 gewaltige Lavamassen strömten. Das Volumen hätte nach Angaben der Geowissenschaftler ausgereicht, "um England knöchelhoch mit Gesteinsschmelze zu bedecken". Vor den Analysen von Oppenheimer und Co war der exakte Beginn dieses Ausbruchs nicht bekannt, denn historische Aufzeichnungen der frühen Siedler gibt es nicht – mit Ausnahme der "Völuspá", in der jedoch keine Jahreszahlen vermerkt sind. "Manche der ersten Bewohner, die als Kinder hierherkamen, könnten den Ausbruch noch erlebt haben", so Oppenheimer. Die zweite und dritte Generation sei davon sicher betroffen gewesen.

Mit der Lava stieß die auf Deutsch Feuerschlucht genannte Spalte auch enorme Mengen an Schwefelverbindungen und Asche aus. Sie wirkten wie ein riesiger Sonnenschirm in der Erdatmosphäre und sorgten in vielen Regionen Europas für fantastische Sonnenuntergänge, wie Chroniken in Irland, Deutschland und Italien aus dieser Zeit berichten. Doch gleichzeitig sorgten die winzigen Partikel dafür, dass in weiten Teilen der Nordhalbkugel der Sommer 940 ausfiel. Laut Baumringdaten gehörte er zu den kühlsten der letzten 1500 Jahre – vielerorts fiel die Jahreszeit um durchschnittlich zwei Grad Celsius kühler aus als normal. Das hatte auch Folgen für die Ernten in jenem Jahr, die häufig miserabel ausfielen und Hungersnöten unter anderem in Mitteleuropa, dem Mittleren Osten und China auslösten.

In Island wälzte dieses Ereignis die gesamte Gesellschaft um, wie die Geowissenschaftler und Historiker aus der "Völuspá" ablesen. Das Gedicht beschreibt das Ende der heidnischen Religion, die auf einer Vielfalt von Göttern beruhte. Stattdessen kam ein neuer Glaube auf, der nur einen einzigen Gott akzeptierte – das Christentum, das sich damals auch in Nordeuropa ausbreitete und durch die Katastrophe einen großen Schub erhielt. Bis zum Jahr 1000 hat es sich dann in der isländischen Gesellschaft praktisch komplett durchgesetzt.

Das Gedicht beschreibt unter anderem, wie sich die Sonne verdunkelt und Land im Meer versinkt. Dampf steigt auf, und Flammen schießen in die Höhe, so einige Zeilen. Später folgen kalte Sommer. Mit der Katastrophe gehen die alten Götter unter. Da die "Völuspá" etwa um 960 entstand, wurde sie sehr wahrscheinlich von Augenzeugenberichten überlebender Siedler beeinflusst. Immerhin hatten sie die wohl größte Eruption auf Island mitbekommen, die es seit der Besiedlung bis heute gegeben hat.

12/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 12/2018

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