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Beziehungsgeschichte: So prägt uns die erste Liebe

Die erste Liebe hält meist nicht ewig – und kann dennoch etwas hinterlassen. Welche Spuren im Herzen bleiben von damals?
Ein Paar steht vor einer blauen Wand. Die Person links trägt einen gestreiften Pullover, die Person rechts eine hellblaue Kapuzenjacke. Sie stehen sich nah gegenüber, als ob sie sich gleich küssen würden. Die Szene vermittelt eine intime und liebevolle Stimmung.
Die meisten erleben ihr erstes Mal heute mit 19 – und mehr als die Hälfte ist dabei in einer festen Partnerschaft.

Die erste Liebe ist die einzige ohne Vergleich. Sie ist noch ungeschickt, oft übermächtig und wenn sie endet, tut sie ganz besonders weh. Denn auch dem ersten echten Liebeskummer tritt der romantische Debütant ungeübt entgegen. Doch wenn der Schmerz vergangen ist – ist da etwas, das bleibt?

Die Psychologen Eva Luciano und Ulrich Orth, damals beide an der Universität Bern, sind dieser Frage nachgegangen. Grundlage für die 2017 erschienene Studie waren Daten einer großen Langzeiterhebung mit mehr als 9 000 Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland. Über vier Jahre hinweg machten sie wiederholt Angaben zu ihrem Beziehungsstatus und ihrem Selbstwertgefühl.

Das Ergebnis war eindeutig: Wer eine Liebesbeziehung begann, die mindestens ein Jahr hielt, bei dem wuchs – anders als bei den Singles – im Schnitt der Selbstwert. Kam es zur Trennung, brach er zwar zunächst ein, und vor allem nach einer längeren Partnerschaft. Er erholte sich aber meist schon innerhalb eines Jahres wieder.

Selbstwert und Partnerschaft – ein doppelter Zusammenhang

Entscheidend war dabei: Der Selbstwert stieg nicht nur zurück auf das frühere Niveau, sondern im Schnitt sogar darüber hinaus. Der Zugewinn durch die Liebe blieb also langfristig bestehen, obwohl sie längst zerbrochen war. Wer in jungen Jahren eine stabile Beziehung erlebt, nimmt also nicht selten ein nachhaltig gestärktes Selbstbild mit. Die erste Liebe verbessert damit auch die Beziehung zu uns selbst.

Zumindest unter bestimmten Bedingungen. Denn neben der Dauer spielte natürlich auch die Qualität der Beziehung eine Rolle: Wie nah fühlten sich die jungen Partner einander? Wie harmonisch oder konfliktreich war die gemeinsame Zeit? Eine vertrauensvolle, unterstützende Beziehung prägt das Selbstbild auf positive Weise. Wahrscheinlich, weil sie immer wieder vermittelt: Ich bin wichtig, erwünscht und sicher gebunden.

Das Selbstwertgefühl ist aber nicht nur Ergebnis der Beziehungsgeschichte, sondern beeinflusst von vornherein mit, wie Liebe entsteht und verläuft. So gingen junge Menschen, die sich selbst mochten, häufiger eine Partnerschaft ein. Und bei denen, die bereits vergeben waren, kam es eher zu Trennungen, wenn sie zu Beginn der Studie einen niedrigen Selbstwert hatten.

Frühe Liebe und Persönlichkeitsentwicklung

Die erste Liebe prägt uns nicht nur, weil sie die erste ist, sondern auch, weil sie viele in einer besonders sensiblen Entwicklungsphase überkommt. Darauf deuteten auch schon frühere Studien hin. Bereits Anfang der 2000er Jahre untersuchten die Psychologen Franz Neyer und Jens Asendorpf, wie sich eine frühe Partnerschaft auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirkt. Für ihre 2001 veröffentlichte Studie begleiteten sie knapp 500 junge Menschen in Deutschland über mehrere Jahre und erfassten dabei zentrale Merkmale ihrer Persönlichkeit wie Gewissenhaftigkeit und emotionale Stabilität.

Dabei zeigte sich ebenfalls ein doppelter Zusammenhang: Bestimmte Charaktere – besonders emotional stabile und sozial kompetente Menschen – gingen häufiger tragfähige Beziehungen ein. Gleichzeitig wirkte sich das Eingehen einer festen Partnerschaft auf die weitere Entwicklung aus.

Liebe lässt uns reifen

So nahm bei Menschen in ernsthaften Beziehungen die emotionale Stabilität eher zu, und auch die Gewissenhaftigkeit wuchs tendenziell. Die Beziehung war dabei nicht die alleinige Ursache, sondern wirkte wie ein Verstärker: Sie festigte Entwicklungen, die bereits angelegt waren, und stabilisierte günstige emotionale Muster.

Die erste Liebe scheint damit Teil eines Wechselspiels: Wer wir sind, beeinflusst, wie und mit wem wir unsere erste Beziehung eingehen – und diese Beziehung prägt wiederum, wie wir fortan Nähe erleben, wie gut wir Verantwortung übernehmen und uns emotional öffnen können.

Wer in der Jugend eine feste Beziehung erlebt, ist später eher liiert

2023 erschien eine weitere Studie, die die Beziehungshistorie von Menschen genauer beleuchtete. Forscher hatten gut 250 Jugendliche über einen langen Zeitraum begleitet – vom Alter von 16 bis 30. Jahr für Jahr gaben die Teilnehmenden an, ob und wie lange sie schon in einer Beziehung waren.

Aus diesen Daten rekonstruierte ein Team um Stéphanie Boisvert von der Universität Quebec am Standort Chicoutimi typische Beziehungsmuster. Manche der Untersuchten waren höchstens sporadisch liiert, andere führten schon früh lange Beziehungen. Und auch hier zeigte sich: Die Vergangenheit wirkt womöglich nach. Wer schon in jungen Jahren eine tragfähige Liebesbeziehung führte, hatte auch mit 30 häufiger eine feste Partnerschaft. Menschen mit späteren oder selteneren Beziehungserfahrungen waren dagegen auch im Erwachsenenalter öfter single.

Die Qualität der späteren Beziehungen unterschied sich allerdings kaum zwischen den Gruppen. Ob jemand mit 30 konfliktreich oder harmonisch liebte, wie zufrieden er oder sie mit der Partnerschaft war – all das hing erstaunlich wenig davon ab, wie die ersten romantischen Gehversuche verlaufen waren. Eine frühe, gute Beziehung erwies sich nicht als Garant für besonders gelingende Partnerschaften im Erwachsenenalter. Umgekehrt waren wechselhafte Liebesbiografien kein eindeutiger Nachteil.

Wenig oder schlechte Beziehungserfahrungen sind kein Schicksal

Was sich aber unterschied, war die innere Haltung zur Nähe. Menschen mit wenig Beziehungserfahrung mieden Intimität etwas häufiger und blickten tendenziell nüchterner auf ihr Liebesleben zurück. Jene, die früh viel romantische Nähe erlebt hatten, empfanden Liebesbeziehungen meist als selbstverständlichen Teil ihres Lebens – mit all ihren Risiken. Sie zeigten mehr Verbundenheit, aber auch mehr Eifersucht.

Die Befunde erzählen damit zusammengenommen eine wichtige Geschichte: Die erste Liebe formt zwar unsere Persönlichkeit und unsere Erwartungen. Sie beeinflusst, wie vertraut uns Nähe ist und wie viel Bedeutung wir ihr beimessen. Sie ist aber kein Schicksal und legt – zum Glück – nicht unumstößlich fest, ob wir später erfüllte Beziehungen führen oder nicht.

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  • Quellen

Boisvert, S. et al., Emerging adulthood 10.1177/21676968231174083, 2023

Luciano, E., Orth, U., Journal of personality and social psychology 10.1037/pspp0000109, 2017

Neyer, F., Asendorpf, J., Journal of Personality and Social Psychology 10.1037/0022–3514.81.6.1190, 2001

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