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Wahrnehmung: Warum Kolibris nur selten kollidieren

Kolibris sind Meister der Lüfte. Doch wie nehmen sie ihre Umgebung wahr, um nicht mit Artgenossen oder Bäumen zusammenzustoßen?
Ein Annakolibri im Stehflug in einem Windkanal

Wenn sich nordamerikanische Annakolibris (Calypte anna) auf ihren Balzflügen in die Tiefe stürzen, übertreffen sie die Erdbeschleunigung um das Neunfache – mehr schaffen nur Piloten in Kampfflugzeugen. Die kleinen Vögel gehören zu den schnellsten Wirbeltieren der Erde und erreichen Spitzengeschwindigkeiten von 27 Metern pro Sekunde. Dennoch stoßen sie selten mit Artgenossen oder natürlichen Hindernissen wie Bäumen zusammen. Roslyn Dakin von der University of British Columbia und ihr Team ließen deshalb einige der Kolibris einzeln in einem speziell eingerichteten Tunnel zwischen einem Sitzplatz und einem Nektarspender navigieren und filmten sie dabei mit Hochgeschwindigkeitskameras. "Die Tiere flogen den ganzen Tag hin und her, so dass wir viele unterschiedliche visuelle Impulse testen konnten", so der an der Arbeit beteiligte Douglas Altshuler, ebenfalls von der University of British Columbia.

© Charlie Croskery, Roslyn Dakin
Annakolibri im Test

Wir Menschen beispielsweise schätzen die Distanz von Objekten ein, indem unser Gehirn verarbeitet, wie schnell wir sie passieren: Flitzen wir mit dem Auto an Straßenlampen vorbei, wissen wir intuitiv, dass sie nah sind. Berge am Horizont hingegen nähern sich relativ langsamer: Wir realisieren, dass sie (noch) weiter entfernt liegen. Auch die Wahrnehmung von Bienen funktioniert so ähnlich. Bei den Kolibris trifft dies hingegen nicht zu. Als die Biologen diese Art der Information an den Tunnelwänden simulierten, reagierten die Kolibris nicht. Stattdessen achteten die Vögel allein auf die Größe der Signale: Sich verkleinernde Objekte zeigen ihnen an, dass sie sich entfernen, sich vergrößernde Objekte bedeuten dagegen, dass sie sich nähern. "Indem die vermeintlichen Hindernisse größer werden, können die Tiere ungefähr abschätzen, wie viel Zeit noch vergeht, bis sie damit zusammenstoßen – ohne dass die tatsächliche Größe bekannt ist", so Dakin. Mit Hilfe ihrer Tests konnte sie mit ihrem Team zudem noch herausfinden, dass die Kolibris ähnlich wie Fliegen ihre Flughöhe anpassen. Je nachdem, ob sich die eingespielten Markierungen an den Wänden nach oben oder unten bewegten, steuerten die Vögel abwärts oder aufwärts, um exakt den Futterspender anzusteuern.

29/2016

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 29/2016

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