Regeln für das Quantenzeitalter: Bevor die Quantenmacht verteilt ist

In der Wüste von Utah, nicht weit entfernt von Salt Lake City, steht seit 2014 ein fensterloser Gebäudekomplex. Er gehört der National Security Agency, dem Auslandsgeheimdienst der USA. In den Serverhallen lagern gewaltige Mengen abgefangener Daten. Ein erheblicher Teil davon ist verschlüsselt – und damit unlesbar. Warum hebt jemand Berge von Daten auf, mit denen er nichts anfangen kann? Sicherheitsfachleute vermuten dahinter eine Strategie mit dem prägnanten Namen »harvest now, decrypt later«: heute sammeln, später entschlüsseln. Die NSA und viele andere staatliche und nicht staatliche Organisationen warten auf eine Maschine, die den digitalen Tresor eines Tages öffnet.
Diese Maschine gibt es noch nicht. Aber Forscherinnen und Forscher auf der ganzen Welt arbeiten an ihr: am Quantencomputer. Für den hypothetischen Tag, an dem ein solcher Rechner die heute üblichen Verschlüsselungsstandards knackt, haben Fachleute bereits einen Namen: »Q-Day« oder auch Quanten-Apokalypse. Niemand weiß, ob dieser Tag in zehn Jahren kommt, in 20 Jahren – oder nie. Doch wer heute vertrauliche Daten durchs Netz schickt, muss damit rechnen, dass sie irgendwo gespeichert und eines Tages entschlüsselt werden.
Der Q-Day ist das bekannteste Szenario rund um die Auswirkungen eines möglichen Quantencomputers, aber längst nicht das einzige. Die Technologie verspricht etwa neue Medikamente, bessere Batterien und präzisere Klimamodelle. Doch sie könnte ebenso die Überwachung auf ein neues Niveau heben, globale Machtgefälle verschärfen und ein neues Wettrüsten befeuern. Die Weltkommission für die Ethik wissenschaftlicher Forschung und Technologie (COMEST) der UNESCO hat deshalb im September 2025 einen Bericht zur Ethik des Quantencomputings verabschiedet.
Die zentrale Forderung: Wir brauchen ein globales Regelwerk zur Steuerung der Quantentechnologie, und zwar bevor die Technologie reif ist. Anders als bei Social Media oder künstlicher Intelligenz können wir den Governance-Rahmen diesmal festlegen, bevor die Technik unseren Alltag durchdringt. Das klingt nach Wunschdenken, muss es aber nicht sein. Bei einer anderen Technologie hat genau dieser Ansatz im Wesentlichen geklappt: dem Internet.
Ein Werkzeug, kein Superhirn
Um zu verstehen, warum die Zeit drängt, hilft ein Blick auf den Stand der Technik. Quantencomputer rechnen grundlegend anders als klassische Computer. Sie basieren auf Qubits statt auf klassischen Bits und nutzen Phänomene der Quantenmechanik wie die Überlagerung und Verschränkung von Zuständen, um bestimmte Probleme drastisch schneller zu lösen. Das Wort »bestimmte« ist dabei entscheidend. Quantencomputer sind keine schnelleren Alleskönner, sondern hoch spezialisierte Werkzeuge. Sie gleichen einem Diamantbohrer: hervorragend für einige wenige Aufgaben, nutzlos für viele andere. Beim Schreiben von E-Mails oder beim Videostreaming bleiben klassische Rechner überlegen. Ihre Stärken spielen Quantencomputer dort aus, wo die Natur selbst quantenmechanisch tickt: bei der Entwicklung neuer Wirkstoffe und Materialien, indem sie das Verhalten von Molekülen hochpräzise simulieren. Auch einige mathematische Aufgaben lassen sich mit ihnen besonders effizient lösen – darunter ausgerechnet die Zerlegung großer Zahlen in ihre Primfaktoren, auf der ein Großteil unserer heutigen Verschlüsselung beruht.
Die Liste der möglichen Anwendungsbereiche ist trotz der Spezialisierung lang. Chemische Reaktionen ließen sich Atom für Atom simulieren, was die Suche nach Medikamenten, Katalysatoren oder besseren Batteriematerialien beschleunigen könnte. Quantenalgorithmen versprechen zudem Fortschritte bei Optimierungsaufgaben, etwa in Lieferketten oder Stromnetzen. Und die mit dem Quantencomputing verwandte Quantensensorik könnte Magnetfelder, Schwerkraft oder Zeit so präzise messen, dass neue Anwendungen in Medizin und Geologie denkbar werden. All das erklärt, warum Staaten und Konzerne Milliarden investieren, obwohl bislang nicht einmal feststeht, welche Technologie sich für den Bau leistungsfähiger Quantencomputer einmal durchsetzen wird.
Wer wartet, bis die Technologie ausgereift ist, reguliert am Ende nur noch die Schäden
Von der Theorie zur Praxis ist es noch ein weiter Weg. Heutige Quantencomputer arbeiten mit vergleichsweise wenigen Quantenbits, den sogenannten Qubits. Diese sind extrem empfindlich: Schon kleinste Störungen aus der Umgebung können ihren Quantenzustand zerstören. Und doch zeichnet sich bereits ab, welches Potenzial die Technologie birgt. Sie ist bereits mächtig genug, um ihre Auswirkungen zu erahnen, aber noch nicht reif genug, um unumkehrbare Tatsachen zu schaffen. Dieses Zeitfenster ist ein Geschenk, das wir nutzen sollten.
Wie wertvoll ein solches Zeitfenster ist, lehrt die jüngere Technikgeschichte – vor allem durch Negativbeispiele. Als Anfang der 2000er-Jahre die ersten sozialen Netzwerke entstanden, dachte kaum jemand über Regeln nach. Erst als Desinformationskampagnen Wahlen beeinflussten, Datenskandale Millionen Menschen betrafen und manche Nutzerinnen und Nutzer in digitale Abhängigkeiten gerieten oder durch Cybermobbing terrorisiert wurden, reagierte die Politik. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Geschäftsmodelle längst verfestigt, Konkurrenten waren aufgekauft und gut finanzierte Lobby-Unternehmen etabliert. Die Regulierung lief den Problemen hinterher. Bei der künstlichen Intelligenz wiederholte sich dieses Muster im Zeitraffer: Die Systeme waren bereits millionenfach im Einsatz, als die ersten Gesetze in Kraft traten.
Die Lehren aus Social Media und KI
Der COMEST-Bericht zieht aus solchen Erfahrungen eine klare Konsequenz: Ethische Leitplanken für Quantentechnologien jetzt zu errichten, ist eine moralische Verpflichtung. Wer wartet, bis die Technologie ausgereift ist, reguliert am Ende nur noch die Schäden.
Am unmittelbarsten betroffen sind unsere heutigen Verschlüsselungsverfahren. Der Q-Day käme nicht als lauter Knall, aber plötzlich lägen Krankenakten, Staatsgeheimnisse und Finanzdaten offen. Alles, was heute abgefangen und gespeichert wird, könnte nachträglich entschlüsselt und gelesen werden.
Die gute Nachricht: Die Gegenmittel existieren bereits. Sogenannte Post-Quanten-Kryptografie nutzt mathematische Methoden, die auch für Quantencomputer als schwer zu knacken gelten. Die US-Standardisierungsbehörde NIST verabschiedete im Jahr 2024 die ersten offiziellen Standards dafür. Die schlechte Nachricht: Die Umstellung der globalen digitalen Infrastruktur dauert Jahre bis Jahrzehnte. Auch in Europa drängen Cybersicherheitsbehörden wie das deutsche Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik seit Jahren darauf, kritische Systeme frühzeitig auf quantensichere Verfahren umzustellen. Banken, Krankenhäuser, Energieversorger und Behörden müssen jetzt beginnen – nicht erst, wenn der Q-Day absehbar ist.
Glossar: Regeln für das Quantenzeitalter
COMEST: Die Weltkommission für die Ethik wissenschaftlicher Forschung und Technologien ist ein mit unabhängigen Fachleuten besetztes Beratungsgremium der UNESCO. Sie verfasste 2025 den Bericht zur Ethik des Quantencomputings.
Dual Use: Technologien, die sowohl zivil als auch militärisch nutzbar sind. Dual-Use-Güter unterliegen häufig Exportkontrollen.
Internet Governance Forum (IGF): Ein Diskussionsforum der Vereinten Nationen zu Fragen der Internetpolitik. Es trifft keine bindenden Beschlüsse; gerade deshalb beraten dort Regierungen, Unternehmen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft gleichberechtigt.
Kryostat: Ein Gerät zur Erzeugung extrem tiefer Temperaturen. Viele Quantencomputer müssen auf wenige Tausendstel Grad über dem absoluten Nullpunkt (-273,15 Grad Celsius) gekühlt werden, um die empfindlichen Quantenzustände zu schützen.
Multistakeholder-Governance: Ein Steuerungsmodell, bei dem alle Interessengruppen – Regierungen, Unternehmen, Forschung, Zivilgesellschaft – gleichberechtigt mitwirken und niemand überstimmt werden kann.
Post-Quanten-Kryptografie (PQC): Verschlüsselungsverfahren, die auch Quantencomputern standhalten sollen.
Primfaktorzerlegung: Die Zerlegung einer Zahl in ihre Primfaktoren (etwa 15 = 3 × 5). Bei sehr großen Zahlen ist das für klassische Computer praktisch unlösbar – darauf beruht heutige Verschlüsselung. Ein Quantencomputer könnte die Aufgabe drastisch schneller lösen.
Quantum Divide: Die drohende »Quantenkluft« zwischen Staaten und Organisationen mit Zugang zu Quantentechnologien und jenen, die außen vor bleiben – angelehnt an den Begriff des Digital Divide hinsichtlich des Zugangs zum Internet.
»Social licence to operate«: Die »gesellschaftliche Betriebserlaubnis« bezeichnet die informelle Akzeptanz durch die Öffentlichkeit. Wer gegen anerkannte Normen verstößt, verliert Vertrauen, Talente und Investitionen.
Die zweite Sorge betrifft Überwachung und Missbrauch. Quantencomputer könnten in bestimmten Bereichen die Analyse großer Datenmengen erleichtern und damit bestehende Überwachungsinstrumente stärken. Die Autoren der COMEST-Studie betonen daher, dass sich Entwicklung und Einsatz von Quantencomputern an menschenrechtlichen Prinzipien ausrichten sollten – allen voran das Recht auf Privatsphäre.
Das ist ein klassisches Dual-Use-Dilemma. Dieselbe Technik, die Klimamodelle und Arzneimittelforschung verbessert, kann militärische Fähigkeiten und staatliche Überwachung ausbauen. Die G7-Staaten würdigten 2025 in einer gemeinsamen Erklärung das transformative Potenzial der Quantentechnologien, warnten aber zugleich vor weitreichenden Folgen für die internationale Sicherheit. Ein »Quanten-Wettrüsten«, wie es hieß, sei nicht sinnvoll. Allerdings: Die G7-Erklärung enthielt auch den Verweis darauf, dass es noch zu früh für eine weitreichende Regulierung sei. Das ist ein fatales Signal: Wer erst handelt, wenn die Technologie ausgereift ist, hat das entscheidende Zeitfenster bereits verstreichen lassen.
Wem gehört der Quantensprung?
Weniger sichtbar als Sicherheitsrisiken, aber dennoch ebenso bedeutsam, ist ein drittes Problemfeld: die Verteilungsgerechtigkeit. Wer wird überhaupt Zugang zu Quantentechnologien haben? Quantencomputer sind extrem teuer. Sie erfordern besondere Labore und Reinräume, hoch spezialisiertes Personal und – zumindest manche – eine aufwendige Kühlung bis auf Temperaturen nahe dem absoluten Nullpunkt. Schon heute konzentrieren sich diese Fähigkeiten auf wenige Konzerne und einige wohlhabende Staaten. Der COMEST-Bericht warnt daher vor einem »Quantum Divide« – einer Kluft zwischen jenen, die auf die Technologie zugreifen können, und jenen, die außen vor bleiben. Die Folgen wären nicht nur wirtschaftlicher Natur, sondern würden auch die digitale Souveränität ganzer Weltregionen betreffen: Wer keine eigenen Quantenkapazitäten aufbauen kann, müsste auf ausländische Anbieter zurückgreifen und verlöre damit ein Stück technologischer Selbstbestimmung.
Mediale Schlagzeilen verkünden abwechselnd das Ende aller Geheimnisse und die Lösung aller Menschheitsprobleme
Noch ist diese Entwicklung nicht unausweichlich. Cloud-Plattformen erlauben es Forschungsgruppen, von überall auf Quantencomputer zuzugreifen, ohne dass sie eigene Hardware besitzen müssen. Im Jahr 2024 nahm in Genf das Open Quantum Institute seine Arbeit auf, das Rechenzeit gezielt für Projekte im Dienst der UN-Nachhaltigkeitsziele vermittelt – etwa in der Gesundheitsforschung oder der Landwirtschaft. Solche Ansätze werden jedoch nur dann Wirkung entfalten, wenn sie deutlich ausgeweitet werden.
Die Frage nach einem gerechten Zugang stellt sich nicht nur zwischen Staaten, sondern auch zwischen Generationen. Die Entscheidungen von heute – welche Anwendungen gefördert werden, wer Zugang erhält und welche Risiken wir eingehen – legen fest, welche Quantentechnologie künftige Generationen vorfinden. Das gilt auch ganz materiell. Die Kühlsysteme heutiger Quantencomputer verschlingen viel Energie, ihre Hardware benötigt seltene Rohstoffe. Eine Technologie, die helfen soll, den Klimawandel besser zu verstehen, darf nicht selbst Teil des Problems sein.
Da die Quantenprozessoren aus Halbleitern bestehen, lassen sie sich besonders einfach mit bestehender Technologie kombinieren.
Es gibt noch ein Hindernis auf dem Weg zu einer guten Regulierung, und das sitzt in unseren Köpfen: Viele Menschen verstehen die Quantentechnologien und die ihnen zugrunde liegenden Prinzipien nicht. Selbst Fachleute benachbarter Disziplinen ringen mit Begriffen wie Superposition oder Verschränkung. Der COMEST-Bericht spricht von einer »Wissensasymmetrie«: Eine kleine Gruppe von Expertinnen und Experten prägt die öffentliche und politische Einordnung – alle anderen, darunter Personen aus Politik, Recht und Medien, sind auf deren Deutungen angewiesen. Das ist zwar bei Internet, Auto oder herkömmlichem Computer nicht anders – die wenigsten Menschen werden erklären können, wie das Internet funktioniert –, tritt aber beim Quantencomputer besonders deutlich zutage. Das ist ein demokratisches Problem. Wenn nur wenige durchblicken, entsteht eine Machtkonzentration. Öffentliche Kontrolle und informierte Debatten werden erheblich erschwert.
Verschärft wird das Problem durch den allgegenwärtigen Hype. Wo mediale Schlagzeilen abwechselnd das Ende aller Geheimnisse und die Lösung aller Menschheitsprobleme verkünden, fällt es schwer, Fördergelder klug zu verteilen und Risiken nüchtern abzuwägen. Die Gegenmittel klingen unspektakulär, sind aber grundlegend: Technologie- und Quantenkompetenz müssen in Lehrpläne integriert werden, Wissenschaftskommunikation muss die Technologie verständlich vermitteln, und Bürgerinnen und Bürger sollten über Konsultationen und Bürgerräte frühzeitig an wichtigen Entscheidungen beteiligt werden.
Ein Forum für die Quantenwelt
Wie aber organisiert man Regeln für eine Technologie, die weltweit von Staaten, Unternehmen und Forschungseinrichtungen entwickelt wird? Die COMEST schlägt vor, sich an einem Modell zu orientieren, das sich über 20 Jahre hinweg bewährt hat: dem Internet Governance Forum (IGF) der Vereinten Nationen. Es entstand, als die internationale Gemeinschaft bei der Verwaltung zentraler Internetressourcen vor ganz ähnlichen Fragen stand wie heute beim Quantencomputing. Das IGF (und seine mehr als 100 nationalen und regionalen Ableger) trifft keine bindenden Entscheidungen – und genau das erwies sich als Stärke. Weil niemand überstimmt werden kann, sitzen dort Vertreterinnen und Vertreter von Regierungen, Unternehmen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft gleichberechtigt an einem Tisch. Sie diskutieren große Fragen, bis sich die beste Idee durchsetzt, und vernetzen Experten. Auf diese Weise findet eine dezentrale, nichthierarchische Regelerzeugung statt. Fachleute bezeichnen das Prinzip als Multistakeholder-Governance. In einem geschützten Raum entstehen gemeinsame Problemanalysen sowie Vorschläge für Normen und Standards, die später in nationale Gesetze und internationale Vereinbarungen hineinfließen.
Nach diesem Vorbild sollte die internationale Gemeinschaft ein Globales Quantum-Governance-Forum unter dem Dach der Vereinten Nationen gründen. Es wäre der Ort, an dem die Weltgemeinschaft die drängenden Fragen verhandelt: Wie beschleunigen wir den Umstieg auf quantensichere Verschlüsselungsverfahren? Welche militärischen Anwendungen wollen wir begrenzen oder verbieten? Wie stellen wir einen fairen Zugang sicher? Und es wäre der Ankerpunkt für den nächsten Schritt: die schrittweise Entwicklung verbindlicher Regeln bis hin zu einem globalen Quantenabkommen.
Eine Weltpolizei für Quantencomputer wird es nicht geben. Es braucht also subtilere Durchsetzungsmechanismen
Dass so etwas möglich ist, zeigt die Geschichte des Völkerrechts. Der Weltraumvertrag von 1967 und das Seerechtsübereinkommen von 1982 regeln den Zugang zu und den Umgang mit Gebieten, die keinem Staat allein gehören – mit den Grundsätzen der friedlichen und der geteilten Nutzung. Beide haben zumindest in den zurückliegenden Jahrzehnten staatliche Machtansprüche in Schach gehalten. Und auch heute entstehen neue internationale Regelwerke für globale Gemeingüter. Das Anfang des Jahres 2026 in Kraft getretene UN-Hochseeschutzabkommen zeigt, dass Staaten weiterhin bereit sind, gemeinsame Regeln für Räume jenseits nationaler Zuständigkeiten auszuhandeln. Der COMEST-Bericht regt an, Quantencomputing konzeptionell ähnlich zu behandeln: als globales Gemeingut, dessen Erträge der ganzen Menschheit zustehen. Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2025 nicht zufällig zum Internationalen Jahr der Quantenwissenschaft und -technologie erklärt und die Technologie ausdrücklich in den Dienst der Nachhaltigkeitsziele gestellt.
Bleibt die heikelste Frage: Was nützen Regeln, wenn sich einzelne Akteure möglicherweise nicht daran halten? Eine Weltpolizei für Quantencomputer wird es nicht geben. Es braucht also subtilere Durchsetzungsmechanismen. Die internationale Politik verfügt über einige wirksame Instrumente, und mehrere davon greifen beim Quantencomputing besonders gut.
Da sind zunächst die technischen Standards. Mit ihnen wird festgelegt, welche Anforderungen Produkte erfüllen müssen, damit sie weltweit kompatibel, sicher und verlässlich eingesetzt werden können. Schon seit 2024 arbeitet ein mit Technologieexperten und Vertretern von Normungsorganisationen besetztes Komitee an solchen Standards für Quantentechnologien. Derartige Vorgaben klingen unscheinbar, sind aber machtvoll: Wer international Hardware verkaufen oder an Forschungskooperationen teilnehmen will, kommt an ihnen kaum vorbei. Werden ethische Anforderungen – etwa zu Sicherheit und Transparenz – früh in Standards eingebettet, setzt der Markt sie durch.
Der zweite Hebel ist die Lieferkette. Quantencomputer benötigen hoch spezialisierte Komponenten: Kryostaten, Speziallaser und andere exotische Materialien. Nur wenige Firmen weltweit stellen sie her. Weil Quantencomputing als Dual-Use-Technologie gilt, unterliegen viele dieser Güter bereits heute Exportkontrollen. Dieses Instrument ist zweischneidig: Zu strenge Kontrollen ersticken die offene Wissenschaft, das räumt auch der COMEST-Bericht ein. Aber es zeigt auch: Der Zugang zur Technologie lässt sich an Bedingungen knüpfen.
Verstoßen Unternehmen oder Staaten gegen anerkannte Normen, verlieren sie Vertrauen, Talente und Investitionen
Genau hier liegt der dritte, vielleicht wichtigste Mechanismus: positive Anreize schaffen. Das historische Vorbild ist die Atomenergiebehörde IAEA. Die allermeisten Staaten akzeptierten deren Inspektionen nicht aus Idealismus, sondern weil sie im Gegenzug Zugang zu ziviler Nukleartechnologie erhielten. Übertragen auf die Quantenwelt hieße das: Wer sich zu gemeinsamen Regeln bekennt, erhält Zugang zu Cloud-Plattformen, Ausbildungsprogrammen und Forschungskooperationen – etwa über einen globalen Fonds, der die Quantenphysik-Ausbildung in Ländern des globalen Südens finanziert und Quantenrechnerkapazitäten verwaltet. Regelkonformität wird so vom Kostenfaktor zur Eintrittskarte.
Und nicht zuletzt spielt auch ein weicher Faktor eine Rolle, den Fachleute »social licence to operate« nennen: die gesellschaftliche Betriebserlaubnis. Verstoßen Unternehmen oder Staaten gegen anerkannte Normen, verlieren sie Vertrauen, Talente und Investitionen. Auch die Menschenrechte binden Staaten bereits heute. Sie bilden ein Fundament, auf dem Quantenregeln aufbauen können, statt bei null zu beginnen. Wenn die ersten Quanten-Start-ups öffentlich ankündigen, sich an ethischen Prinzipien messen zu lassen und nur mit solchen Partnern zusammenzuarbeiten, die dieselben Standards einhalten, hätte das Signalwirkung. Voraussetzung ist allerdings, dass die Regeln existieren, bevor sich die Strukturen und die Machtverhältnisse verfestigt haben.
Die Zeit drängt. Bei Social Media und KI haben wir erlebt, was es kostet, wenn die Regulierung der Technik hinterherläuft. Erst jetzt fallen die ersten Urteile, die die Plattformbetreiber beispielsweise für die Folgen abhängig machender Algorithmen haftbar machen – gut 20 Jahre nach deren Einführung. Beim Quantencomputing haben wir die Chance, es besser zu machen: mit gemeinsamen ethischen Leitlinien, verlässlichen technischen Standards, einem globalen Forum nach dem Vorbild der Internet Governance und mit langfristig verbindlichen völkerrechtlichen Regeln. Ein fairer Zugang zur Technologie und die Wahrung der Interessen künftiger Generationen wären dann keine nachträglichen Korrekturen, sondern von Anfang an die Grundprinzipien des Quantenzeitalters.
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