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News: Warum so traurig heute?

Die Beklemmungen und Stimmungsschwankungen, die für das prämenstruelle Syndrom (PMS), Depression nach der Geburt und Entzugserscheinungen charakteristisch sind, könnten alle gleiche Ursachen haben. Amerikanische Wissenschaftler glauben, daß die Symptome aller dieser Gemütsstörungen durch Hormonentzug ausgelöst werden.
Gewöhnlich wird das Hormon Progesteron für Depressionen nach der Geburt und PMS verantwortlich gemacht. Der Progesteronspiegel steigt nach dem Eisprung und während der Schwangerschaft und fällt wieder vor der Menstruation und zur Zeit der Geburt. Wenn die Hormonkonzentration abnimmt, dann können Frauen unter Angstgefühlen und Stimmungsschwankungen leiden. Außerdem erhöht sich das Risiko für epileptische Anfälle.

Die ganze Angelegenheit ist jedoch etwas komplizierter, als es zunächst den Anschein hat. Wären die Symptome einfach nur das Ergebnis eines fallenden Progesteronspiegels, dann wären sie durch ein Anheben der Hormonmenge leicht aus der Welt zu schaffen. Aber zusätzliche Gaben von Progesteron haben sich als ziemlich unwirksame Behandlung erwiesen.

Als wirklichen Schlüssel zu Depressionen und Angstgefühlen scheint sich ein Metabolit des Progesterons zu entpuppen, der sowohl bei Männern als auch Frauen im Gehirn gebildet wird: Allopregnanolon funktioniert wie ein Beruhigungsmittel. Es vermindert Angstgefühle und reduziert die Gefahr von Krämpfen. Wenn der Progesteronspiegel fällt, sinkt auch die Allopregnanolonkonzentration, und dessen beruhigende Wirkungen gehen verloren.

Sheryl Smith von der Allegheny University of the Health Sciences in Philadelphia und ihre Kollegen haben nun herausgefunden, wie dies funktioniert – zumindest im Gehirn von Ratten (Nature vom 30. April 1998). Das Gehirn besitzt ein natürliches Beruhigungs- oder Hemmungssignal – dies besteht aus einer Chemikalie namens GABA (Gamma-Aminobuttersäure). Nerven besitzen spezielle Andockstellen, an die sich GABA binden und die Aktivität der Neuronen beeinflussen kann. Diese Andockstellen sind unterschiedlich aufgebaut: Einige binden GABA leichter als andere und tragen so stärker zur Beruhigung der Nerven bei.

Es hat sich herausgestellt, daß Allopregnanolon normalerweise die Produktion eines molekularen Bausteines verlangsamt, der die Effizienz der GABA-Bindungsstellen heruntersetzt. Wenn also Progesteron- und Allopregnanolonspiegel hoch sind, kann GABA stark wirken und zur Beruhigung der jeweiligen Person führen. Fällt jedoch der Allopregnanolonspiegel, dann steigt die Produktionsrate des Bausteines. Das Ergebnis sind modifizierte Andockstellen, die weniger gut auf den beruhigenden Einfluß von GABA reagieren. Die Nerven werden erregbarer, und Unruhe äußert sich in verstärkten Angstgefühlen und größerer Empfänglichkeit für Anfälle.

Interessanterweise beeinflußt die abrupte Absetzung oder der langfristige Mißbrauch von Sedativa, wie Alkohol oder Benzodiazepinen, denselben Baustein. Dies zeigt, daß Angstzustände und Sucht- oder Entzugs-Anfälle auf genau die gleiche Weise verursacht werden wie die Symptome der Hormonreduktion.

Das prämenstruelle Syndrom ist häufig schlecht verstanden, schwer zu charakterisieren (sogar von Frauen, die an den Symptomen leiden) und noch schwieriger zu behandeln. Die Entdeckung einer pysischen Begründung für die Symptome sollte für viele Frauen ein Trost sein. Sie bietet außerdem echte Hoffnung für eine effektive Behandlung von PMS, Depression nach der Geburt und Drogenentziehungssymptomen. Karen T. Britton von der University of California, San Diego, und George F. Koob vom Scripps Research Institute in La Jolla, Kalifornien, spekulieren, daß derselbe Mechanismus sogar noch weitreichender an Abläufen wie sedativ-hypnotischen Handlungen, Alterung und Streß beteiligt sein könnte. Sie sind auch der Meinung, daß die Arbeit "eine Vielzahl bisher unerklärter Symptome während der Schwangerschaft und des Menstruationszyklus und vielleicht einige der Unterschiede zwischen Männern und Frauen im Auftreten von Angstgefühlen und Stimmungsstörungen erklären könnte".

Bisher wurde PMS nur als Thema gesehen, von dem Frauen betroffen sind. Dies trifft in dieser Formulierung natürlich auch zu. Die Männer dürfen sich aber doch nicht beruhigt zurücklehnen. Smith und ihre Kollegen sagen, daß dieselben Schwankungen im Allopregnanolonspiegel bei Männern durch Streß verursacht werden. Vielleicht sollte PMS daher auch für "pressured male syndrome" stehen, oder etwa "post-Manager-Syndrom"?

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