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Naturentfremdung: Warum wir den Umgang mit wilden Tieren verlernt haben

Immer wieder kommt es zu Begegnungen zwischen großen Wildtieren und Menschen. Für die Tiere endet das oft tödlich. Ist uns die Natur fremd geworden?
Das Walross Freya inspiziert Boote
Das Walross-Weibchen Freya sonnte sich gerne auf Booten und Stegen im Oslofjord – das wurde ihr zum Verhängnis.

Auf den Wiesen und Weiden rund um die Dörfer im polnischen Westpommern war Gozubr ein gern gesehener Gast. Stolz verschickten Menschen Handy-Videos oder posteten Fotos von ihren Begegnungen mit dem wild lebenden Wisent in sozialen Netzwerken. Das Tier war ein Star und erhielt mit »Gozubr«, polnisch für »Unser Wisent«, sogar einen eigenen Namen.

Seinen ersten Ausflug auf die andere Seite der Grenze an das deutsche Ufer der Oder überlebte das aus einem polnischen Wiederansiedlungsprogramm stammende Wildrind aber nur wenige Stunden. Statt sich hunderte Jahre nach ihrer Ausrottung über den ersten Wisent-Besuch in Deutschland zu freuen, reagierten die Behörden mit Furcht. Das Ordnungsamt sah Gefahr für Leib und Leben der Bevölkerung und erteilte den Tötungsbefehl – »vorsorglich« und zur Gefahrenabwehr. Gozubr starb auf einer brandenburgischen Weide, obwohl er sich nach Ermittlungen der Behörden völlig friedfertig verhalten hatte.

Er ist kein Einzelfall. Der vom damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber zum »Problembär« erhobene und daraufhin getötete Braunbär »Bruno« ist für viele Naturschützer inzwischen zum Symbol eines fragwürdigen Umgangs mit zurückkehrenden Wildtieren geworden. Erst in diesem Sommer töteten norwegische Behörden – ebenfalls vorsorglich – das Walross-Weibchen »Freya«. Das 600 Kilogramm schwere Säugetier hatte sich im Oslofjord niedergelassen und es sich zur Angewohnheit gemacht, auf den dort angebundenen Booten zu ruhen. Und diese dabei gelegentlich mit ihrem Gewicht zu versenken.

Ob Wisent, Bär oder Walross: Für große Wildtiere gehen Vorstöße in die Nähe der menschlichen Zivilisation oft tödlich aus. Dabei sind es meist nicht die von ihnen angerichteten Schäden, die die Tiere das Leben kosten. Meistens müssen sie sterben, um einer tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen Gefährdung von Menschen vorzubeugen. Dabei bringen die sich durch leichtsinniges Verhalten in aller Regel selbst in Gefahr.

Besonders deutlich wurde dies im Fall des Walrosses: Über Wochen hinweg waren Schaulustige trotz Warnungen der Behörden zu Freya ins Wasser gesprungen oder ihr an Land sehr nah gekommen, um Trophäenfotos zu schießen. »Ich war schockiert, dass die Behörden beschlossen haben, das Tier zu erschießen, obwohl die Badesaison im Sommer fast vorbei war«, sagt Jon Swenson. Der Professor für Ökologie und Management natürlicher Ressourcen an der Norwegischen Universität für Biowissenschaften in Trondheim erforscht seit vielen Jahren Möglichkeiten des Zusammenlebens von Wildtieren und Menschen. Noch fassungsloser als die Tötung des Wildtieres habe ihn allerdings gemacht, »wie wenig die Norweger in der Lage waren, Freya einfach in Ruhe zu lassen«, sagt der Experte.

Selfie-Kultur kostete Freya das Leben

Haben die Menschen es in einer immer stärker technisierten und von der Natur entfremdeten Welt verlernt, angemessen mit wilden Tieren umzugehen? Diese Frage beantwortet der Ökologe John Linnell mit einem klaren Ja. »Die Leute sind sich der Auswirkungen, die sie auf wild lebende Tiere haben, nicht bewusst«, sagt der Experte für Mensch-Wildtier-Konflikte am Norwegischen Institut für Naturforschung (Nina). Für viele Stadtbewohner seien Haustiere heute der einzige Bezugspunkt. »Sie haben keinerlei Kontakt zu Wildtieren und verstehen die störende Wirkung, die sie auf die Tiere haben, nicht«, sagt Linnell. Freya sei auch ein Opfer der Selfie-Kultur geworden, ist er sich sicher. »In einer Gesellschaft, in der es einen riesigen Wettbewerb darum gibt, das eigene Leben in den sozialen Medien auszubreiten, braucht man etwas ganz besonderes, um noch Aufmerksamkeit zu erregen.«

»Die Entscheidung zur Tötung Freyas war aus Sicht des Wildtiermanagements die offensichtliche Lösung und hätte schon Wochen vorher stattfinden müssen«John Linnell, Experte für Mensch-Wildtier-Konflikte

Dennoch bewertet Linnell das Vorgehen der Behörden in Norwegen als richtig. »Die Entscheidung zur Tötung Freyas war aus Sicht des Wildtiermanagements die offensichtliche Lösung und hätte schon Wochen vorher stattfinden müssen«, sagt er. Wie auch im Fall von verhaltensauffälligen Bären oder Wölfen müssten gelegentlich Wildtiere zum Schutz der Menschen – selbst wenn sie es sind, die sich unvernünftig verhalten – getötet werden, argumentiert der Forscher. Nur so sei eine gesellschaftliche Akzeptanz für eine dauerhafte Koexistenz mit Wildtieren zu erreichen. Damit Naturschutz in der Praxis funktioniere, sei das Management wilder Tiere in einer dicht besiedelten Welt unverzichtbar, ist Linnell überzeugt.

Sein Kollege Jon Swenson sieht zudem eine paradoxe Entwicklung: Nicht zuletzt durch den proökologischen Sinneswandel vieler Städter seien in vielen Staaten zuletzt Gesetze erlassen worden, die fast ausgerotteten Tierarten zu einem Comeback verholfen haben. Weil diese Arten deshalb zunehmen – allen voran der Wolf – und sich in vom Menschen dominierte Gebiete ausbreiten, treffen Menschen und große Säugetiere nun immer häufiger aufeinander. »Bei Menschen, die verlernt haben, wie sie mit diesen Tieren umgehen sollen, löst das Ablehnung aus – selbst wenn sie die Tiere eigentlich retten wollten«, sagt der Biologe. »Für Menschen, die schon immer mit ihnen gelebt haben, ist das nicht so dramatisch, weil sie noch wissen, wie man sich arrangiert.«

Wisent hätte nicht getötet werden dürfen

Wisent »Gozubr« allerdings stellte nicht einmal eine abstrakte Gefahr für Menschen dar. Ein fast ein Jahr nach seinem Tod veröffentlichtes Gutachten rehabilitiert das Wildtier posthum und kommt zu dem Schluss, dass es nicht hätte getötet werden dürfen. Dass es anders kam, liegt für Hannes König auch daran, dass sich die Menschen in unseren Breiten nach der Ausrottung zahlreicher großer Landtiere in den vergangenen Jahrhunderten immer stärker von Wildtieren entfremdet haben. »Teils mehr als 150 Jahre Abwesenheit von Wolf, Bär oder auch Wisent haben Spuren hinterlassen«, sagt König, der an der Berliner Humboldt-Universität Mensch-Wildtier-Konflikte in Agrarlandschaften erforscht und wie Linnell Teil der Expertengruppe »Mensch-Wildtier-Konflikte und Koexistenz« der Weltnaturschutzorganisation IUCN ist. »Ganze Generationen haben keine Erfahrung mehr, mit solchen Wildtieren umzugehen«, sagt der Forscher. »Ist der Umgang mit ihnen einmal vergessen und verlernt, wird es schwer, sich den alten und doch neuen Begleitern in der Natur wieder anzupassen.«

Darin könnte auch der unterschiedliche Blick auf den Wisent beidseits der Oder begründet sein. Furcht hier, Stolz dort: In Polen gehörten Wisente seit Beginn ihrer Wiedereinbürgerung selbstverständlich dazu und seien im Leben der Menschen präsent, stellt König heraus – ob bei regelmäßig veranstalteten Wisent-Festivals oder im Emblem eines der bekanntesten Wodkas des Landes. »Viele Menschen dort kennen Wisente, sie gehören zur Kultur des Landes.« Zur größeren Akzeptanz von Wildtieren trage auch bei, dass auf dem Land in Polen noch mehr Reste ursprünglicher Natur zu finden seien, sich Wälder größtenteils in staatlicher Hand befinden und dass die Verbindung zwischen Stadt und Land in Polen oft stärker sei als bei uns.

Frei von Konflikten ist das Leben mit den sanften Riesen natürlich auch in Polen oder anderen Ländern mit Wiedereinbürgerungsprogrammen wie Litauen nicht immer. Es gibt »Ablenkungsfütterungen«, um die Tiere von Dörfern fernzuhalten und die Bewegungen der Herden werden genau verfolgt. »Auch die Tötung einzelner Tiere ist nicht ausgeschlossen – man kann stolz auf Wildtiere sein, und ihre Ausbreitung dennoch managen«, betont Linnell.

Der polnische Zoologe Tadeusz Mizera von der Universität Poznan fasst seinen Eindruck so zusammen: »Der Unterschied zwischen Polen und Deutschland ist, dass wir hier erst einmal sehr wohlwollend auf die Rückkehr der Wisente blicken, während in Deutschland oft die Furcht vor einer Gefahr das Handeln bestimmt«, sagt er. Es handelt sich also nicht so sehr um einen »Clash of Cultures« zwischen Mensch und Tier, sondern vielmehr zwischen unterschiedlichen menschlichen Kulturen.

Wiederannäherung an die Natur in der Kita?

Die Entfremdung zur Natur sieht der bekannte Evolutionsbiologe Josef H. Reichholf indes längst nicht mehr ausschließlich auf seltene Rückkehrer wie Wisent, Bär, Elch oder Wolf begrenzt. Der Autor zahlreicher Bücher zum Verhältnis zwischen Mensch und Natur verweist auf Fälle, in denen Anwohner das Quaken von Fröschen als »Lärmterror« beklagen oder die Polizei rufen, wenn ein Reh aus dem nahen Wald sich in einen nicht eingezäunten Garten vorwagt, um Rosenknospen abzuknabbern. »Das drückt aus, dass die Toleranz, mit Tieren zu leben, immer weiter zurückgegangen ist«, sagt er. Der Forscher beobachtet eine Tendenz dazu, Wildtieren immer weniger das Recht zuzubilligen, den mit dem Menschen geteilten Lebensraum auch für sich zu nutzen. »Bereits der kleinste Anschein eines Schadens weckt eine Anspruchshaltung auf Entschädigung«, beklagt Reichholf. Die Behörden ihrerseits reagierten häufig »übervorsorglich« nach dem Grundsatz »Im Zweifel gegen die Natur«. In dieser Logik müssten immer mehr Bäume weichen, von denen ein Ast abfallen könnte, oder eben Wildtiere, deren Unberechenbarkeit den Menschen Unbehagen bereitet. »Ihr Existenzrecht wird in Frage gestellt, auch wenn in den Gesetzen das Gegenteil steht.«

»Wildtiere haben in der Regel kein Problem mit uns – solange wir sie in Ruhe lassen«Hannes König, Umweltwissenschaftler

Befördert wird die Entfremdung von Mensch und Natur nach Reichholfs Beobachtung ausgerechnet durch Vorschriften, die eigentlich die Natur schützen sollen. Dass Kinder keine Schmetterlinge mit dem Netz fangen und sie anschauen dürften, ohne einen Verstoß gegen Artenschutzbestimmungen zu begehen, beraube sie prägender positiver Naturerlebnisse. »Wer nie mal versucht hat, eine Ringelnatter zu fangen, dem fehlt eine wichtige Erfahrung«, nennt der Biologe ein weiteres Beispiel. »Das sind Erlebnisse, die viel mehr Emotionen wecken als das distanzierte Betrachten und die ein Leben lang wirken.«

Auch Konfliktforscher Hannes König sieht den Weg zu einem besseren Miteinander von Mensch und Wildtieren darin, die Umweltbildung zu stärken, Erfahrungsräume zu schaffen und genaue Kenntnisse über die jeweilige Tierart zu vermitteln. »Am Ende ist es meist ein Mensch-Mensch-Konflikt«, sagt er. »Wildtiere haben in der Regel kein Problem mit uns – solange wir sie in Ruhe lassen.«

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