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Sinnerleben: Warum wir extreme Erfahrungen brauchen

Wann fühlt sich das Leben bedeutsam an? Neue Befunde zeigen: Auch belastende Ereignisse tragen dazu bei.
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Wenn wir uns gut fühlen, sehen wir mehr Sinn in unserem Leben als an schlechten Tagen. Das zeigen vor allem Studien, die sich vorrangig den positiven Emotionen widmen. Andere untersuchen hingegen, wie wir belastende Erfahrungen bewältigen, und dann erscheint Sinn eher als etwas, was wir selbst schaffen. Die beiden Forschungsfelder stehen oft scheinbar unverbunden nebeneinander. Das macht es schwierig zu beurteilen, was uns mehr Sinn beschert: angenehme oder unangenehme Erfahrungen.

Womöglich trifft beides zu – teilweise. In einem viel zitierten Artikel über die Unterschiede zwischen einem glücklichen und einem sinnhaften Leben sichtete ein Team um den Psychologen Roy Baumeister von der University of Queensland in Australien die Befunde beider Lager. Wie erwartet fühlten sich die Befragten glücklicher, je mehr positive und je weniger negative Ereignisse sie zu berichten hatten. Mehr Sinn im Leben empfanden sie allerdings in beiden Fällen: bei vermehrt positiven wie bei vermehrt negativen Ereignissen und auch dann, wenn sie sich gestresster fühlten oder über Sorgen und Probleme nachdachten.

Wie kann das sein? Was verbindet Sinnerleben nicht nur mit positiven, sondern ebenso mit negativen Erfahrungen?

Sean Murphy und Brock Bastian von der University of Melbourne glauben, dass Sinnforscher bislang der falschen Fährte folgten. Sie hätten sich auf den Unterschied zwischen positiven und negativen Erfahrungen beschränkt und damit eine Gemeinsamkeit vernachlässigt: in welcher Weise beide zum Sinnerleben beitragen. Die Psychologen bringen eine Alternative ins Spiel: Der entscheidende Faktor könnte die Intensität der Erfahrung sein, nicht ihre emotionale Qualität. Vielleicht, so die Vermutung, haben extrem schöne und extrem schmerzhafte Ereignisse bestimmte Sinn stiftende Merkmale gemeinsam?

Diese Hypothese prüften Murphy und Bastian in drei Studien. Sie fragten Menschen nach den wichtigsten Ereignissen in deren Leben und wie bedeutsam oder sinngebend sie ihnen erschienen. Wie erwartet fanden die Autoren heraus, dass diese Ereignisse auch besonders schön oder besonders schmerzhaft waren. Nun suchten sie in ihren Daten nach Hinweisen darauf, wie genau emotionale Extreme Sinn stiften. Demnach fühlten sich intensive Erfahrungen deshalb so bedeutsam an, weil sie zum Nachdenken anregten – und zwar gleichermaßen positive wie negative Ereignisse. Das passt zu neueren Befunden, die eine Tendenz zum Grübeln nicht nur nach belastenden Ereignissen, sondern auch bei positiver Gemütslage beobachteten.

Die Arbeit von Murphy und Bastian schlägt eine Brücke zwischen den beiden oft getrennt oder als widersprüchlich betrachteten Zweigen der Sinnforschung. Die Gemeinsamkeiten zeigten »ein vollständigeres und differenzierteres Bild davon, welche Ereignisse wir für bedeutsam und erinnernswert halten«, urteilen die Psychologen.

Das gute Leben überdenken

Das verändert unser Verständnis davon, was ein gutes Leben und ganz allgemein die menschliche Natur ausmacht. Auf den ersten Blick mag es erstaunen, dass so viele Menschen bewusst nach weniger angenehmen Vergnügungen suchen: Paul Rozin und seine Kollegen etwa zählten 29 Dinge, die eigentlich negative Emotionen wecken, aber vielen Menschen reizvoll erscheinen, zum Beispiel Horrorfilme, traurige Musik, scharfes Essen, Achterbahnfahrten, eine schmerzhafte Massage oder bis zur völligen Erschöpfung Sport zu treiben. Warum Menschen unter anderem gerne traurige Musik hören, wäre leichter zu begreifen, wenn wir »die Funktion von Traurigkeit besser verstehen würden«, so Rozin und seine Kollegen.

Die Ergebnisse von Murphy und Bastian lassen jedoch vermuten, dass nicht die Traurigkeit an sich angenehm ist, sondern die Intensität der Erfahrung – weil sie zu einem stärkeren Sinnerleben führt. Es geht um unsere »narrative Identität«: Wer wir sind, machen wir an sorgfältig ausgewählten Ereignissen in unserem Leben fest. Die bedeutsamsten unter ihnen sind auch die intensivsten, und die damit einhergehende Innenschau trägt dazu bei, dass wir uns über diese Ereignisse definieren.

Vor mehr als 50 Jahren sprach der US-Psychologe Abraham Maslow (1908–1970) über die Bedeutung von »peaks«, den Höhepunkten des Lebens: »seltene, aufregende, tief bewegende, berauschende, erhebende Erfahrungen, die eine höhere Form der Wahrnehmung hervorbringen und in ihrer Wirkung sogar mystisch und magisch sind …«. Oft erzählen Menschen von den euphorischen Momenten, doch Maslow hält etwas anderes für entscheidend: auf dem Weg zum Gipfel Herausforderungen und Rückschläge bewältigt zu haben.

Wenn wir am Ende unseres Lebens zurückblicken: Woran werden wir uns am eindringlichsten erinnern?

In seinem Buch über »Die andere Seite des Glücks« von 2018 schreibt Bastian, dass Leid und Traurigkeit notwendige Bedingungen des Glücks seien und »die aufregendsten Momente in unserem Leben sich oft auf einem schmalen Grat zwischen Schmerz und Vergnügen bewegen«. Es sei das Verlangen nach positiven Gefühlen, das uns unglücklich mache. Ohne Schmerz zu kennen, könnten wir kein wahres Glück erfahren. Auch der Psychologe Paul Bloom von der Yale University spricht von der »Lust am Leiden«, als Gegenbewegung zum heutigen »Achtsamkeitswahn«, der das gute Leben über Ruhe und Ausgleich zu erreichen sucht.

Keine Frage: Achtsamkeit, Meditation und innere Ruhe können Ängste, Depressionen und Schmerzen lindern. Es sind aber eher die extremen Erfahrungen, die uns definieren. Wenn wir am Ende unseres Lebens zurückblicken: Woran werden wir uns am eindringlichsten erinnern? An die ruhigen Momente der Meditation? Oder an die Augenblicke tiefer Emotionen, in denen wir uns am lebendigsten gefühlt haben?

2/2020 (März/April)

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum Psychologie, 2/2020 (März/April)

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