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Sozialpsychologie: Was der Sicherheitsabstand verrät

Wenn uns ein Gesprächspartner auf die Pelle rückt, kann das auf psychische Auffälligkeiten hindeuten.
Eine Frau und ein Mann sitzen auf einer Parkbank und unterhalten sich

Diese Situation haben die meisten schon mal erlebt: Ein Gegenüber tritt im Gespräch etwas zu nah heran. Man weicht zurück, der andere rückt nach. Wie viel Distanz wir zu unserer Umwelt halten, hängt von Ort und Situation, kulturellen Normen und dem Grad an Vertrautheit ab. Ein besonders großer oder kleiner Sicherheitsabstand deutet außerdem auf unterschiedliche psychische Auffälligkeiten hin, wie schon 2013 unter anderem ein Experiment mit Psychiatriepatienten nahelegte. Lief eine Fremde oder ein Fremder frontal auf sie zu, so stoppten Versuchspersonen mit traumatisch bedingten Ängsten diese bei 60 (fremde Frau) beziehungsweise 69 Zentimetern (fremder Mann). Probanden mit psychotischen Störungen ließen die Fremden im Schnitt auf 42 bis 55 Zentimeter nahekommen.

Auch einsame Menschen bevorzugen einen größeren Abstand – und das ausgerechnet in intimen Beziehungen, berichtet nun ein Team von der University of Chicago in der Fachpublikation »PLOS One«. Der bekannte Einsamkeitsforscher John Cacioppo und seine Kollegen hatten knapp 700 Probanden online rekrutiert und unter anderem erfragt, wie einsam diese sich fühlten und welchen Abstand sie als angenehm empfanden. Dabei sollten sie den Vertrautheitsgrad der Person berücksichtigten. Überraschenderweise präferierten die Einsamen lediglich in engen, intimen Beziehungen, nicht aber bei Freunden, Bekannten oder Fremden, einen weiteren Abstand als Nichteinsame. Das galt unabhängig von Geschlecht, Familienstand, der Neigung zu Ängsten und Depressionen und der Menge von Sozialkontakten. Im Durchschnitt bevorzugten auch Männer einen größeren Abstand als Frauen, wie auch ältere Experimente schon ergeben hatten.

Die Autoren meinen, ihr Ergebnis spräche für ein evolutionstheoretisches Verständnis von Einsamkeit: Diese sei als aversives Signal zu verstehen, »das Individuen daran erinnert, zwischenmenschliche Bande zu pflegen und zu reparieren, um deren Kooperation, wechselseitige Hilfe und Schutz zu erhalten«. Um rein physischen Selbstschutz könne es nicht gehen, denn ein entsprechendes Bedürfnis sei auch in weniger engen Beziehungen zu erwarten.

Wer laut Selbstauskünften zu Gefühlskälte neigte, stoppte im Schnitt bei 67 Zentimetern. Damit befand sich das Gegenüber weniger als die durchschnittliche Reichweite eines menschlichen Arms entfernt

Weil es sich hier nur um Selbstauskünfte handelte, sagen die Ergebnisse allerdings wenig über den tatsächlichen Abstand aus. Andere Experimente haben hierzu konkretere Daten überwiegend von Studierenden geliefert. Beispielsweise ließen die Hirnforscherinnen Joana Vieira und Abigail Marsh von der Georgetown University in Washington D.C. 46 Studierende bestimmen, ab wann sie sich unwohl fühlten, wenn sich ihnen eine fremde Person aus vier Metern Entfernung langsam näherte. Wer laut Selbstauskünften zu Gefühlskälte neigte, stoppte im Schnitt bei 67 Zentimetern. Damit befand sich das Gegenüber weniger als die durchschnittliche Reichweite eines menschlichen Arms entfernt: 90 Zentimeter bei Männern, 82 bei Frauen. Die weniger gefühlskalten Studierenden hielten im Schnitt 98 Zentimeter Distanz. Die Bandbreite lag insgesamt zwischen 40 und 160 Zentimetern. Gefühlskälte, ein Mangel an Empathie, ist eines der Kernmerkmale von Psychopathie.

Auch deutsche Forscher schilderten kürzlich Konstellationen, in denen der persönliche Schutzraum schrumpft oder wächst. Ihre Versuchspersonen standen in einem fixen Abstand vor einem Bildschirm. Dieser zeigte mal eine weibliche, mal eine männliche Person, die wechselweise mit freudigem, neutralem oder bösem Gesichtsausdruck auf die Kamera (und somit die Versuchsperson) zuging. Auch sie fanden Besonderheiten bei Probanden mit vermehrt psychopathischen Merkmalen: Anders als die übrigen Versuchspersonen zeigten sie keine Tendenz, zu bedrohlich böse dreinblickenden Menschen mehr Abstand zu halten.

In einem Anschlussexperiment sollten die Versuchspersonen zwei Fremde auf dem Bildschirm so nah beieinander platzieren, wie es ihnen angemessen erschien. Handelte es sich um zwei Frauen, betrug der Abstand im Schnitt gut 60 Zentimeter, und im Fall von zwei Männern waren es einige Zentimeter mehr. Bei den gemischten Paaren kam es erneut auf den Grad an Psychopathie an: Je mehr solche Tendenzen eine Versuchsperson im Fragebogen äußerte, desto enger rückte sie die gemischten Paare aneinander.

Wie eine weitere, bildgebende Studie zeigte, könnte die Aktivität der Amygdala dabei eine entscheidende Rolle spielen. So beobachteten die Neurowissenschaftlerinnen Vieira und Marsh mit Kollegen, dass Versuchspersonen die böse, ängstlich oder traurig dreinschauenden Menschen auf dem Bildschirm weniger nahe herankommen ließen, wenn ihre Mandelkerne heftiger reagierten.

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