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Regenwald: Was die Amazonas-Brände wirklich bedeuten

Die spektakulären Feuer in Südamerika sind keineswegs die größten Brände aller Zeiten. Doch sie markieren eine Trendwende - und kommen zu einem womöglich kritischen Zeitpunkt.
Brennender RegenwaldLaden...

Etwa 40 000 Feuer brennen nach Angaben von Brasiliens Weltraumforschungsagentur INPE im weltgrößten Regenwaldgebiet, dem Amazonasbecken. Die Brände in dem Land sind so verbreitet, dass sie Erinnerungen an die enormen Megafeuer der Arktis wecken, die dieses Jahr ebenfalls Schlagzeilen machen. Doch nicht alles ist, wie es auf den ersten Blick erscheint – so sind die Brände von 2019 keineswegs die größte Feuersbrunst, die der Amazonas-Regenwald je erlebt hat, und anders als in der Arktis ist hier nicht der Klimawandel am Werk.

Letzteres zeigt sich im Vergleich zu 2016, einem Jahr, in dem fast so viele Feuer brannten wie derzeit. Der dramatische Unterschied: 2016 war eines der El-Niño-Jahre, die im Amazonasbecken schwere Dürren und mehr Feuer bringen. Die Brände in diesem Jahr erreichen ihr Ausmaß ganz ohne meteorologische Unterstützung. Dennoch hat sich die Feuersaison angekündigt. Nicht in Wetter- oder Klimamodellen, sondern in der Politik – Begeisterung für die Abholzung der Wälder ist das umweltpolitische Markenzeichen des brasilianischen Präsidenten Bolsonaro.

Größe und Anzahl der Feuer hängen eng mit der abgeholzten Fläche zusammen. Viele verbrannte Flächen sind das Ergebnis des letzten Stadiums der Abholzung von Wald: Sind alle Bäume geschlagen, zünden Bauern, Viehzüchter oder auch Rohstoffunternehmen das Unterholz an, um die freien Flächen anderweitig zu nutzen. Dabei hatte sich der Waldverlust in den letzten zehn Jahren dramatisch verringert, im Jahr 2017 wurde nur noch ein Drittel der Fläche abgeholzt, die in den 1980er Jahren verloren ging. Entsprechend weniger Feuer brannten im Amazonasbecken.

Zurück in die schlechte alte Zeit

Doch 2019 markiert eine Trendumkehr. Nach Jahren geringerer Abholzung ermutigt die brasilianische Regierung nun wieder Unternehmen, auf der Jagd nach Flächen für Sojaanbau und zur Gewinnung von Rohstoffen, aber besonders für die Viehzucht Waldflächen zu roden. Die Brände – die nach Angaben der NASA an die Feuer während der ungebremsten Abholzung früherer Jahrzehnte heranreichen – sind eine Folge dieser Politik.

Doch es sind nicht nur die entwaldeten Flächen, die brennen. Einerseits greifen Feuer auf den gesunden Wald über, der unter normalen Umständen nicht Feuer fängt – andererseits werden solche Brände als Terrorwaffe gegen indigene Völker eingesetzt, die in intakten Waldgebieten leben und sich gegen die Zerstörung ihrer Heimat wehren. Brände im unbeschädigten Wald sind wenig spektakulär, sie bestehen aus einer wenige Dezimeter hohen Flammenfront, die sich durch das Laub am Boden frisst. Dennoch haben sie ernste Folgen, denn tropische Bäume haben meist recht dünne Rinde. Ein solches Feuer im Unterholz kann Bäume mit bis zu 30 Zentimeter Durchmesser töten.

Das ist oft der Anfang vom Ende des Waldgebiets, denn schnell wachsende Gräser besiedeln die offene Fläche. Sie liefern nicht nur zusätzlichen Brennstoff für zukünftige Feuer, sie halten den Wald auch offen. Zuvor schon von Feuer betroffener, weniger dichter Wald brennt leichter und öfter, was wiederum benachbarten, noch ungeschädigten Primärwald bedroht. Die Gräser, die sich in geschädigte Waldflächen hineinfressen, sind aber nicht nur Opportunisten der Gegenwart – möglicherweise zeigen sie die nahe Zukunft großer Teile des Amazonasbeckens. Fachleute fürchten, dass der Wald bald auch ohne menschliche Mithilfe kollabiert.

Hintergrund dieser Sorge ist, dass der Regenwald nach Ansicht vieler Fachleute die Grundlage seiner eigenen Existenz überhaupt erst schafft: Nur dadurch, dass bereits Wald vorhanden ist, kann im Amazonasbecken überhaupt Wald wachsen. Das klingt paradox, hat aber eine einfache Ursache. Analysen zeigen, dass die Region nur halb so viel Wasser aus den globalen Luftströmungen erhält, wie tatsächlich an Niederschlag fällt. Die andere Hälfte der Niederschläge erzeugt der Wald selbst. Der Wald speichert Wasser und lässt enorme Mengen davon verdunsten, die wiederum ein bisschen weiter westlich wieder abregnen – Isotopendaten zeigen, dass das Wasser von Ost nach West fünf bis sechs dieser Zyklen durchläuft.

Wundersames Regen-Recycling

Ohne dieses clevere Recycling wäre, fürchten viele Fachleute, die Region zu trocken für solche Wälder. Um die Hälfte würde der Regenwald demnach schrumpfen, sobald die Abholzung einen kritischen Wert überschreitet. Der Rest des Beckens würde sich dann in eine Savannenlandschaft aus Gras und vereinzelten Bäumen verwandeln. Die Folgen eines solchen Waldkollapses wären auch außerhalb der engeren Amazonasregion dramatisch, denn ein erheblicher Anteil des recycelten Regens fallen auch im Süden und Osten. Fast der gesamte Wasserhaushalt Brasiliens hängt in irgendeiner Weise mit dem Amazonas, dem wasserreichsten Fluss der Welt, zusammen.

Wo der kritische Punkt genau ist, weiß niemand – doch aktuelle Computermodelle deuten darauf hin, dass er bei ungefähr 20 bis 25 Prozent abgeholzter Fläche liegen könnte. Brasilien, das 60 Prozent der ursprünglichen Regenwaldfläche beherbergt, hat derzeit knapp 20 Prozent seines Waldes verloren. Das Feuer hatte daran nur geringen Anteil; es ist eine Begleiterscheinung des wieder Fahrt aufnehmenden Waldverlustes – aber Aktivistinnen und Aktivisten hoffen, dass das Drama im Amazonasbecken den Blick der Weltöffentlichkeit auf das eigentliche Problem lenkt. Es könnte eine der letzten Chancen sein, den Kollaps des Wald-Wasser-Systems zu verhindern.

2018 nämlich legten der Biodiversitätsforscher Thomas E. Lovejoy und Carlos Nobre, Klimaexperte am Brasilianischen Weltraumforschungsinstitut INPE, in einem Artikel in »Science« nahe, dass der Wandel zur Savanne bereits seinen Schatten vorauswirft: Die schweren Dürren der Jahre 2005, 2010 und 2016 sowie schwere Überflutungen in den Jahren dazwischen seien ein Zeichen dafür, dass das System zwischen Extremen zu taumeln beginnt. Solche Oszillationen in komplexen Systemen gelten als mögliche Vorzeichen eines kommenden dramatischen Umschwungs.

35/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 35/2019

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